Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1338.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

„Langes Ende einer langen Nachkriegszeit“

Elsbeth Zylla (Hg.): Heinrich Böll – Lew Kopelew. Briefwechsel. Mit einem Geleitwort von Ralf Fücks und einem Essay von Karl Schlögel. Steidl Verlag, Göttingen 2011, 749 Seiten, 29,80 Euro

Als im Januar 1981 dem russischen Germanisten Lew Kopelew (1912–1997) während eines Studienaufenthalts in der Bundesrepublik Deutschland von den sowjetischen Behörden seine Staatsbürgerschaft aberkannt worden war, geriet unweigerlich auch sein enger Freund Heinrich Böll (1917–1985) in die Diskussion. Es war bekannt, dass er das Vertrauen osteuropäischer und auch russischer Schriftsteller besaß. Das Foto, auf welchem Böll und der ebenfalls aus der Sowjetunion ausgewiesene Alexander Solschenizyn in der Eifel beim Spaziergang zu sehen sind, war durch die Weltpresse gegangen.

Dass sich Lew Kopelew und Heinrich Böll bereits seit Jahren gekannt und einander seit 1962 Briefe geschrieben hatten, war im Medientrubel untergegangen. Merkwürdig genug, dass der sehr verdienstvolle vorliegende Band erst 2011 erscheinen konnte.

Treffend charakterisiert Karl Schlögels einführender Essay „Ost-Westliche Kassiber“ die Phase dieses Briefwechsels zwischen dem November 1962 und dem März 1985 als „langes Ende einer langen Nachkriegszeit“. Böll wie Kopelew hatten als Soldaten den Zweiten Weltkrieg durchgemacht und wussten aus eigenem Erleben, warum sie den Frieden als notwendige Herausforderung ansahen. Beide waren zutiefst vom Gedanken einer gemeinsam zu errichtenden friedlichen Gegenwart und Zukunft durchdrungen. Als unabhängigen Denkern war ihnen ein Verdrängen oder gar Verleugnen aller vergangenen Greuel ebenso zuwider wie der „Eiserne Vorhang“ der Gegenwart.

Gleich im ersten Antwortbrief Bölls an Lew Kopelew bietet er an, mit der Zusendung begehrter Arzneien zu helfen. Es entwickelt sich ein Briefverkehr, der ebenso Einblicke in die schwierige Lebenswirklichkeit eines sowjetischen Intellektuellen vermittelt wie in die Probleme eines Schriftstellers in der sogenannten freien Welt.

Beide sind sich in ihrer Zuwendung zum geschriebenen Wort einig. Immer wieder versichert Kopelew dem deutschen Freund, wie lebenswichtig dessen Bücher gerade auch für russische Leser sind. Stichworte wie „Verantwortung“ oder „Gewissen“ werden zu Ankerpunkten einer freien geistigen Existenz, die sich keinerlei Ideologien mehr zu unterwerfen gewillt ist. Über politische wie geistige Grenzen hinweg wird im gegenseitigen Austausch zu tiefgehenden Fragen wie auch im Berichten ganz alltäglicher Sorgen die menschliche Nähe empfunden: „Nochmals viele liebe Grüße. Bitte schreibt! Euer Lew“. Das Schreiben wird hier zum praktischen Handeln, das frei von staatlicher Reglementierung ist. Und Briefe werden vor allem für Kopelew und seiner Frau Raissa Orlowa zum Lebenselixier. Aus DDR-Perspektive hat Reiner Kunze diesbezüglich eindrückliche Verse geschrieben, in denen Briefe als „zweimillimeteröffnung der tür zur welt“ besungen werden.

Böll, der sich auch im Westen kritisch gegen Missstände engagierte, wusste die scheinbar geringen menschlichen Gesten zu schätzen: „Nein, es bleibt uns nichts als die Freundschaft, die Anteilnahme, Briefe, Besuche, Telefon“.

Als im Sommer 1965 Heinrich Böll mit Frau Annemarie und den Söhnen Vincent und René es tatsächlich bewerkstelligt hatten, Kopelew und seine Frau Raissa in Moskau zu besuchen, war eine zusätzliche Verbindung geschaffen. Neue Freunde gesellten sich hinzu, und Kopelew mühte sich ruhelos, seinen deutschen Gästen Land und Leute vorzustellen. Der Briefwechsel bezieht sich zunehmend auf gemeinsame Bekannte, Schriftsteller oder Maler wie den in der Sowjetunion offiziell verfemten Boris Birger. Auch Kopelews zunehmende Entfremdung vom einstigen Freund und Mithäftling Alexander Solschenizyn kommt zur Sprache. Rührend müht sich Böll, Risse zu kitten, um die gemeinsame Gegnerschaft zum Regime nicht zu schwächen.

Als hellsichtig sollte sich Kopelews Kummer über obskurantistische und reaktionäre Denkströmungen in der russischen Untergrundszene erweisen. Die jahrzehntelange Unterdrückung oppositioneller Gedanken hatte zur Austrocknung der politischen Kultur geführt. Mangelnder Austausch von Gedanken trug zu deren Vergiftung bei. Die Nachwirkungen sind verheerend. Antisemitismus und absurde Verschwörungstheorien sind auch im heutigen Russland weit verbreitet. Kennzeichnend für Kopelews geistige Haltung aber ist eine unerschütterliche Zuversicht, gespeist aus dem Vertrauen in Russlands geistige Stärke. Dichtungen von Anna Achmatowa bis Marina Zwetajewa, aber auch die unbeugsame Haltung des Atomphysikers Andrej Sacharow im Einsatz für Menschenrechte bürgten für Kopelews russischen Optimismus.

Der vorliegende Briefwechsel bietet eine Richtschnur für ein grenzüberschreitendes Interesse im Geiste menschlicher Aufrichtigkeit. Dieses Buch stellt ein längst überfälliges Ereignis dar!

Volker Strebel (KK)

«

»