Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1373.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Unwiederbringliches, Unwiderrufliches

„Als ich nach Weimar in die Pension kam …“. Aus Briefen und Erinnerungen von Agnes Miegel über ihre Zeit im Mädchenpensionat 1894–1896. Hrsg. von Jens Riederer und Marianne Kopp. 1. Auflage 2015, Agnes-Miegel-Gesellschaft e.V., Bad Nenndorf

Die Agnes-Miegel-Gesellschaft e. V. (AMG) ist eine Gruppe tapferer und tüchtiger Leute, die unter schweren Bedingungen das Werk der ostpreußischen Dichterin Agnes Miegel (1879–1964) betreuen und das Andenken an die „Mutter Ostpreußen“, wie sie von ihren Landsleuten nach der Vertreibung liebevoll genannt wurde, pflegen.
Die AMG überraschte ihre Mitglieder mit dieser besonderen Jahresgabe 2013–2015. Wer etwas über Agnes Miegels Jugendjahre in Weimar erfahren will, wird bestens informiert. Ausführlich und vor allem authentisch wird dargelegt, wie und warum die junge Agnes in die Weimarer Pension Koch kam, die „als ein qualitätsvolles Beispiel“ für die damaligen Mädchenpensionate bezeichnet wird.

Agnes Miegel empfand diese zwei Jahre als eine prägende Zeit. Sie erhielt entscheidende geistige Anregungen durch den Unterricht in deutscher Literatur, in Englisch und Französisch wie auch in Handarbeit und Sport. Sie erlebte Weimar als Stadt der klassischen Bildung und des Theaters und sagt später über die „Faust“-Aufführung zur Osterzeit: „Zwei Tage lang stand ich, jung unter Jugend, durchglüht von der Gewalt des größten Schauspiels …“ Denn auch das war ein Geschenk Weimars an sie, das „einzige Kind in einem Sippenkreis meist uralter Leute“, „jung unter Jugend“ zu sein. Mit einigen Kameradinnen aus der Pension ging sie innige, lebenslange Freundschaften ein.

Und „dichterische Inspiration“ führt Agnes Miegel auf Weimar zurück, einmal durch die kulturelle Atmosphäre der Goethe-Stadt, zum anderen aber auch durch die Begegnung mit der schönen Gräfin Goertz, der sie durch eine „Traumliebe“ verbunden war. „Ohne jene Frau wäre ich nie ein Dichter geworden, sicher nicht“, schreibt sie 1916. Alles das erfährt der Leser aus ihren eigenen Briefen und Selbstzeugnissen, die die Herausgeber akribisch recherchiert haben. Jeder Ort, jeder Name wird erklärt, allein schon die Quellenangaben in fast dreihundert Anmerkungen machen das Buch zu einer Fundgrube.

Der Leser erhält zudem einen umfassenden Einblick in die Geschichte der Mädchenbildung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, so dass die Lektüre Historikern und Pädagogen zu empfehlen ist. Der Schwerpunkt liegt auf dem Phänomen der „Pensionate“ und „Höheren Töchterschulen“, die als private Einrichtungen eine große Vielfalt aufwiesen. Struktur, Lebensweise und Erziehungsziele dieser Einrichtungen werden vorgestellt, in ihrer Akzeptanz und in der Kritik an ihnen spiegeln sich die gesellschaftliche Entwicklung und die sozialen Strukturen wider. Zudem kommt die Geschichte der Frauenbewegung zur Sprache, und gleichsam nebenbei werden berühmte Pensionatsschülerinnen erwähnt wie Marlene Dietrich, Adele Sandrock oder Leni Riefenstahl.

Während Agnes Miegel zu Lebzeiten prominent war und hoch geehrt wurde, gilt sie in den letzten Jahren als „Nazi-Dichterin“, deren Name von Straßen und Plätzen entfernt werden müsse. Die Eiferer verabsolutieren einen Punkt in Miegels Leben, den auch ihre treuen Leser bedauern: ihre Rolle im „Dritten Reich“. Ihre Mitgliedschaft in der NS-Frauenschaft und dadurch (automatisch) in der Partei ist zeitbedingt, entnazifiziert wurde sie auch, aber sie hat zwei „Führer-Gedichte“ geschrieben. Die werden nun zur Keule in der Hand derer, die nicht zur Kenntnis nehmen können oder wollen, dass die großen Ehrungen für die „Erneuerin der Ballade“ vor der NS-Zeit stattfanden und nach 1945 fortgesetzt wurden: 1911 erhielt sie den Literaturpreis des Schillerbundes, 1916 den Kleistpreis, 1924 die Ehrendoktorwürde der Universität Königsberg, 1926 den Ehrensold der Provinz Ostpreußen. 1954 wurde sie Ehrenbürgerin von Bad Nenndorf, ihrem neuen Wohnort, 1956 wurde ihr die Ehrenplakette vom Preußischen Kulturamt Berlin, 1959 der Preußenschild der Landsmannschaft Ostpreußen und 1959 der Literaturpreis der Bayrischen Akademie der Künste verliehen. Wichtiger aber ist ihr Werk, in dem keine rassistischen oder gewaltverherrlichenden Töne zu finden sind. Sie ruft immer zu Frieden, Nachbarschaft und Verständigung auf.

So war es eine Ehre und Freude für die AMG, dass Professor Dr. Wladimir Gilmanov, Germanist, Philosoph und Kulturwissenschaftler von der Kant-Universität Kaliningrad/Königsberg, an den Miegel-Tagen 2016 den Festvortrag in Bad Nenndorf hielt. Es machte einen tiefen Eindruck, „dass sich hier ein hochgebildeter Wissenschaftler ernsthaft mit dem Werk der Dichterin auseinandersetzt, ohne ein einziges Mal in irgendeine politische Richtung zu schielen“, wie es im „Sommerbrief 2016“ der AMG zu lesen ist.

Bärbel Beutner (KK)

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