Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1373.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Literarische Entzauberung

Artur Böpple (Hg.): Das (hoch-)gelobte Land. Literaturblätter der Deutschen aus Russland. Almanach 2015/16. Anthea Verlag, Berlin, 320 Seiten, Abbildungen, 14,90 Euro

Seit 1995 wird in fast regelmäßiger Folge vom Literaturkreis der Deutschen aus Russland eine Anthologie herausgegeben. Werke von mehr als zwanzig Autoren und Autorinnen sind diesmal versammelt – darunter bekannte Namen wie Eleonora Hummel, Elena Seifert, Agnes Gossen, Artur Rosenstern oder Andreas Peters, ebenso wie einige beachtenswerte Neuentdeckungen. Mit dabei sind Literaturschaffende, die als Erwachsene oder als Kinder nach Deutschland gekommen sind, und mittlerweile auch solche, die hier geboren wurden.

„Das (hoch-)gelobte Land“ lautet bezeichnenderweise der Titel dieser Sammlung. Er verweist darauf, dass die Menschen im Zuge ihrer Auswanderung nach Deutschland so manche Illusion über die neue Heimat gehegt haben, die sich nach der Ankunft recht bald in Luft aufgelöst hat. Der rote VW-Käfer auf dem Umschlag, als eine Reminiszenz an die bundesrepublikanische Ära und ein Symbol für „das Deutsche an sich“, deutet mitsamt seiner Spiegelung ebenfalls das Andocken an dieses verzaubert-entzauberte Land an.

Herausgekommen ist eine abwechslungsreiche Mischung aus Lyrik und Prosa in deutscher Sprache, nebst einem Interview mit dem 2015 verstorbenen Schriftsteller Anatoli Steiger und einer Rezension des Märchens „Fäustlinge auf Wanderschaft“ von Nadja Runde. Eine weitere Rubrik nennt sich „Erinnerungen, Zeitzeugenberichte und Texte zur Integration“. Diese Aufzeichnungen behandeln Fragen nach Abschied und Ankunft oder setzen sich mit der wechselvollen Geschichte der Volksgruppe auseinander. Es ist nach wie vor wichtig, diesem Diskurs seinen angemessenen Raum zu geben, da es bis in die späten 80-er Jahre in der Sowjetunion keine Möglichkeiten gab, zensurfrei über Themen wie Deportation oder die im Zweiten Weltkrieg erlittenen Greuel zu berichten. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass auch außerhalb der Zeitzeugenberichte viele Texte im Wesentlichen um Identität, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit oder die Wahrnehmung des eigenen Fremdseins in der hiesigen Gesellschaft kreisen.

Umso bemerkenswerter ist es, dass einige Beiträge des vorliegenden Jahrbuchs sich vollständig von solchen Inhalten lösen und sich anderen, allgemeineren Sujets zuwenden. Könnte das ein Zeichen dafür sein, dass die Russlanddeutschen endlich angekommen sind? Wie weit gehen sie in dieser Gesellschaft auf und was ist ihnen geblieben von dem Land, in dem sie viele Generationen lang gelebt haben?

Ungeachtet der Aussagekraft und Wandlungsfähigkeit ihrer Arbeiten finden russlanddeutsche Autoren im deutschen Literaturbetrieb leider noch zu wenig Beachtung. Gleich im ersten Beitrag der Anthologie setzt sich Eleonora Hummel deshalb mit der Wahrnehmung russlanddeutscher Literatur in der hiesigen Öffentlichkeit auseinander.

Die Bilder im Innenteil des Buches stammen von zwei Künstlern, dem in Kaarst lebenden Nikolaus Rode und Reiner Graner aus Rheinbach.

(KK)

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