Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1375.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Überbrücken, was unter Wasser längst verbunden ist

Deutsch-polnischer Studentenaustausch

Haus Schlesien blickt anlässlich der 150. Studentengruppe und des 5000. Teilnehmers auf seinen 20-jährigen deutsch-polnischen Jugendaustausch zurück. „Immer wieder ist in der Literatur von Schlesiens historischer Funktion als ‚Brückenlandschaft‘ die Rede. Vielleicht begreifen auch wir irgendwann einmal das, was Erasmus von Rotterdam schon wusste: dass nämlich Brücken nur über Wasser verbinden, was unter Wasser längst verbunden ist“, betonte Dr. Christoph Studt von der Universität Bonn im Rahmen seines Vortrages bei der Jubiläums-Tagung im Haus Schlesien. An der Universität Bonn findet jedes Semester ein „Dies academicus“ statt. Anlässlich des Jubiläumstreffens im Siebengebirge hat das Dokumentations- und Informationszentrum in Königswinter-Heisterbacherrott ein schlesisches Pendant ausgerichtet: In Zusammenarbeit mit der Germanistikabteilung der Universität Breslau und dem Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn fand ein „Dies silesiae“ statt.

Die Schlesischen Begegnungen sind ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit von Haus Schlesien und zugleich ein wichtiger Beitrag zur deutsch-polnischen Verständigung. In jedem Jahr besuchen acht oder neun Studentengruppen aus Schlesien die Einrichtung in Königswinter-Heisterbacherrott und nehmen an einem umfangreichen Seminar-, Vortrags-, Informations- und Exkursionsprogramm teil.

Das war nicht immer so. Vor 20 Jahren, als Petra Meßbacher, die damalige Geschäftsführerin von Haus Schlesien, gemeinsam mit Adrian Sobek die ersten Kontakte zu Hochschulen in Nieder- und Oberschlesien sowie im Teschener Land aufnahmen, um Studentenbesuche abzustimmen, herrschte eine gewisse Skepsis. Petra Meßbacher erinnert sich heute daran, dass die Teilnehmer der ersten Gruppen vor dem Hintergrund der damaligen politischen Lage in Europa nicht wussten, was sie von dem Projekt zu erwarten hatten.

Dank der kontinuierlichen Finanzierung durch das Bundesministerium des Innern im Rahmen seiner verständigungspolitischen Maßnahmen und durch die stetig ausgeweitete Kontaktpflege seitens des Hauses Schlesien zu Hochschulen im schlesischen Raum nehmen mittlerweile acht bis zehn Partner-Institutionen aus Polen und Tschechien regelmäßig an den Programmen der Schlesischen Begegnungen teil.

Im Fokus dieser Dialogplattform stehen neben Zeitzeugengesprächen auch Diskussionsrunden mit deutschen Jugendlichen über historische und aktuelle grenzüberschreitende Fragen. Der Austausch erweist sich jedes Mal – so die Veranstalter – als bereichernd für beide Seiten, da ein neuer Blick auf unterschiedliche Sachverhalte vermittelt wird. Die Studierenden setzen sich in der Seminarwoche mit Inhalten der Geschichte und mit dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsverhältnis auseinander. Ihre erarbeiteten Ergebnisse stellen sie einem Prüfungsgremium vor und erhalten für das Bachelor-Studium relevante ECTS-Punkte. In der Regel sind es germanistische Institute, die der Einladung ins Rheinland folgen, aber auch Historiker und Soziologen, Lehrer und Kommunalpolitiker sowie Vertreter der deutschen Minderheit aus den Woiwodschaften Oppeln und Oberschlesien nutzten bisher das Seminarangebot.

Nicola Remig, die Leiterin des Dokumentations- und Informationszentrums, bringt die Zielsetzung des Projektes auf den Punkt: „Die Idee des Programms ist, jungen Multiplikatoren, die insbesondere in Lehrberufen tätig sind, ein positives Bild ihres Nachbarlandes zu vermitteln sowie Stereotype aufzubrechen und Vorurteile abzubauen.“

Die nunmehr 150. Gruppe bestand aus 26 Studierenden und sechs Dozenten der Universität Breslau. Der in Neisse geborene Adam Wojtala, der im Haus Schlesien als Projektmitarbeiter tätig ist, begleitete auch diese Jugendlichen eine Woche lang durch das Programm. Höhepunkte der Jubiläumsveranstaltung waren der Besuch bei der Studentenverbindung Marchia in Aachen sowie die Vortragsreihe der Mitarbeiter des Germanistischen Instituts in Breslau in Zusammenarbeit mit Historikern der Universität Bonn im Haus Schlesien.

Der jüngste Thementag „Dies silesiae“ im Haus Schlesien wurde durch Professor Dr. Marek Hałub von der Universität Breslau mit dem Vortrag „Schlesien. Ein ungewöhnliches europäisches Kulturphänomen aus deutscher und polnischer Perspektive heute“ eröffnet. Prof. Hałub wurde übrigens für seine Verdienste in der deutsch-polnischen Zusammenarbeit und der Förderung der deutschen Sprache in Polen im September 2016 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Im Rahmen der Sektion „Breslau/Wrocław“ schilderte Dr. Christoph Studt von der Universität Bonn in seinem Beitrag „Terra incognita! Mit Bonner Geschichtsstudenten auf der Suche nach deutsch-polnischen Erinnerungsorten in Breslau“ Eindrücke von seinen nunmehr sieben Exkursionen mit Studenten nach Schlesien. Dr. Mariusz Dzieweczynski sprach über „Wrocław als europäische Kulturhauptstadt 2016 vor dem Hintergrund der Stadtgeschichte“. Im Vortrag von Dr. Adrian Madej ging es um „Schlesische Literatur in der heutigen Erinnerungskultur Wrocławs“. Dr. habil. Dariusz Komorowski widmete sich dem Thema „Die Überschwemmung 1997 in Wrocław. Literarische Wahrnehmung einer Naturkatastrophe anhand von ausgewählten Beispielen“.

Zur zweiten Sektion unter dem Titel „Zur schlesischen Kulturgeschichte. Fallbeispiele“ gehörten die Beiträge von Dr. Leszek Dziemianko, „Schlesisches Gedenken an Karl von Holtei – einst und heute“, sowie von Dr. Marcin Miodek, „Gerhart Pohl – ein rätselhafter Freund Gerhart Hauptmanns“. Dr. Rafał Biskup setzte ebenfalls mit einem literarischen Schwerpunkt fort und referierte über Heinz Pionteks „Goethe unterwegs in Schlesien“ zwischen Fiktion und Realität. Alexander von den Benken rundete die Vortragsreihe mit seinem Referat „Die Europavorstellungen des Kreisauer Kreises – ein Konzept für die Zukunft?“ ab.

Veranstalter und Partnerinstitutionen sind sich einig, dass die schlesischen Begegnungen im Haus Schlesien auch weiterhin einen wesentlichen Teil der Bildungsarbeit darstellen werden.

Dieter Göllner (KK)

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