Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1375.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Vertreibung als Propagandamaterial

Im Münchner Haus des Deutschen Ostens stellte die Juniorprofessorin Maren Röger von der Universität Augsburg ihr mit Privatdozent Stephan Scholz von der Universität Oldenburg und dem britischen Professor William Niven von der Universität Nottingham herausgegebenes „Handbuch der Medien und Praktiken“ zur Erinnerung an Flucht und Vertreibung vor. In 35 Einzelbeiträgen mit jeweiligen Verweisen auf andere Publikationen zum Forschungsstand geht es unter anderen um Belletristik, Fachbücher, Film, Radio und Fernsehen, Heimatbücher, Internet und Landesmuseen.

Matthias Stickler, Professor an der Universität Würzburg, untersucht die Vertriebenenpresse und die Gründe dafür, dass es in diesem Sortiment zu keiner schlagkräftigen Tageszeitung gekommen ist. Er zitiert Herbert Hupkas Feststellung, „dass die Vertriebenenpresse in weiten Kreisen der Inlandspublizistik als Outcast der Meinungsmache dargestellt“ werde. Sieben Autoren kommen aus Oldenburg. Auch bei den anderen wird erfreulich deutlich, an wie vielen deutschen und ausländischen Bildungseinrichtungen über Flucht und Vertreibung geforscht wird. So auch in London, den USA und Posen. Was noch fehlt, so Maren Röger, ist eine Untersuchung über die Darstellung von Flucht und Vertreibung in der bildenden Kunst.

Sie wartete mit neuen Erkenntnissen zur vor allem von der linksliberalen Bewegung in den siebziger Jahren „verdrängten Tragödie“ auf. Nach der Wende allerdings kam es zu einem Forschungsboom. Entgegen landläufiger Meinung waren auch in der DDR Flucht und Vertreibung kein eigentliches Tabu. Der Unterschied zum Westen war nur, dass der Staat mit Rücksicht auf die Sowjets die Darstellung des Verhaltens der Roten Armee mehr reglementierte. Dennoch konnten Bücher erscheinen und Filme, Radio- und Fernsehsendungen ausgestrahlt werden. Letztere waren allerdings weniger kritisch als die – wenn auch vorsichtige – Belletristik.

Die Forschung zur fotografischen Erinnerung an Flucht und Vertreibung steckt noch in den Anfängen. Maren Röger hält fest: „Der Großteil der überlieferten Fotos hat einen politischen Entstehungskontext. Sie dienten der Kommunikation bestimmter Botschaften und teilweise der gezielten Desinformation. Private Aufnahmen gibt es kaum, es ging bei der Flucht um Leben und Tod. Wer hatte schon Fotoapparate dabei? Was von staatlicher Seite kam, sollte die Greuel der Rotarmisten präsentieren oder den Durchhaltewillen stärken.“ Einige Bilder, die bisher als Originalbeweise für die Schrecken der Flucht galten, stammen vielleicht gar nicht aus den Jahren 1944 bis 1948. Sie entstanden wohl bei der Umsiedlung Volksdeutscher durch die Nazis, der Abwanderung aus Polen nach dem Ersten Weltkrieg, oder sie zeigen sogenannte Displaced Persons.

Maren Röger, die unter anderem in Breslau studiert und zwei Bücher zum deutsch-polnischen Verhältnis publiziert hat, dankte der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Deutschen Historischen Institut Warschau für finanzielle Unterstützung bei der Herausgabe des Handbuches.

Norbert Matern (KK)

Stephan Scholz, Maren Röger, Bill Niven: Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung – Ein Handbuch der Medien und Praktiken. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2015

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