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Ausgaben: Ausgabe 1376.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Zwei Freunde und kein Ende

Hans Bergel/Manfred Winkler: Die Verweigerung der Negativität. Gespräch über Hiob und Apollon. Edition Noack & Block, Berlin 2016, 201 Seiten, 18 Euro

Gut, dass Dinge kurzzeitig in Vergessenheit geraten! Ihnen wird ein anderes Schicksal zuteil als das, das ihnen in der Projektplanung beschieden war. Planungsphasen wohnt ein Ehrgeiz inne, der nicht selten Lust und Leben übergeht. Ein sardonisches Lachen vermeint man zu hören: „Ha, das hast du dir zwar so vorgenommen, doch wirst du nun eines Besseren belehrt!“ Das Planvolle ergibt sich dem Planlosen und lässt Neues entstehen – so geschehen im Falle des Gesprächsbandes von Hans Bergel und Manfred Winkler.

Ursprünglich war ein kurzer Austausch für eine Literaturzeitschrift geplant – ein Gedankenaustausch zwischen zwei Freunden: dem 1922 in der Bukowina geborenen, seit 1959 in Israel lebenden Manfred Winkler und dem 1925 in Siebenbürgen geborenen, seit 1968 in Deutschland lebenden Hans Bergel. Das Gespräch fand im Herbst 2011 in Manfred Winklers Wohnung in einer kleinen Stadt westlich von Jerusalem statt – alles andere war Improvisation. Die beiden Schriftsteller, Kunst- und Literaturbegeisterten hielten sich nicht an die Vorgaben der Redaktion; den Zweck ihres Dialogs völlig vergessend, vertieften sie ein Thema nach dem andern.

Dabei wurde es Abend, die Nacht brach herein und der Morgen an – und einer von beiden hörte gewiss irgendwann die „Lerche“ und sagte dann zu dem anderen: „Der Morgen hat sich ein Herz gefasst. Er hat sich auf die Föhrenkronen gesetzt und sie zum Leuchten gebracht. Sieh dir das an!“ Und da machte der Angesprochene einen Vorschlag: „Sobald die Sonne aus den Wüsten im Osten gestiegen ist, legen wir uns im Garten ins Gras unter den Orangenbaum zum Schlafen.“ Frommer Wunsch, denn „ich habe immer noch eine Menge von Fragen“. Zwei Freunde, die kein Ende fanden. Doch das Ende kam dann doch unerwartet: Der eine von ihnen, Manfred Winkler, verstarb im Mai 2014 im Alter von 92 Jahren. War das Zwiegespräch beendet?

Mit der verspäteten Dokumentation „Die Verweigerung der Negativität“ gelingt es Hans Bergel, den Faden wieder aufzunehmen. Ein Gespräch kann ansteckend und verführerisch sein, wenn es zweckentbunden daherkommt: „Ob von Gott und Hiob, von der Zukunft Europas oder Israels, vom Griechengott Apollon, von Kunst und Politik, von Jesus und Johann Sebastian Bach, vom Koran, der Thora oder vom Neuen Testament die Rede war – keine Replik gewann konformistische Schlagseite.“

Und Konformismus ist etwas, was heute am wenigsten gebraucht wird. Eigenständiges Denken ist gefragt, denn es gibt viele Fallen, in die der Mensch tappen kann. Ohne Tiefgang und Reflexion, ohne Muße und Meditation ist keine „Kultivierung zur Humanitas“ möglich. Und ohne Offenheit erst recht nicht. „Während du dich auch im Geist ans Sensuelle bindest und im Enthusiasmus des offensiven europäischen, des apollinischen Lebensverständnisses wiedererkennst, tue ich es in der auf das Finale fokussierten defensiven Begegnung mit Gott, den ich das Nichts nennen, um das Unfassliche seiner Dimension, für die es kein Wort gibt und keines geben kann, klar zu machen.“ So bringt Manfred Winkler den Unterschied auf den Punkt, den Freunde immer zelebrieren sollten, denn nur durch ihn entsteht Anziehung, die niemals endet.

Ingeborg Szöllösi (KK)

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