Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1376.

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Mit der Geschichte ändert sich ihr Bild

Europa – Unsere Geschichte. Band 1: Von der Ur- und Frühgeschichte bis zum Mittelalter. Herausgegeben von der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission in Zusammenarbeit mit dem Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung Braunschweig und dem Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Eduversum Verlag, Wiesbaden 2016, 256 S., 24,80 Euro

Es ist der erste Band eines deutsch-polnischen Geschichtsbuches. Geplant sind drei weitere Bände, die bis zur Gegenwart reichen. Nach Aussage der Kultusministerkonferenz handelt es sich um ein reguläres Schulbuch zur Geschichte Europas, das in allen Bundesländern eingesetzt werden kann.

Die Geschichte dieses Projektes hat einen Vorlauf. In der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission hat man nach der politischen Wende, als das kommunistische System in Polen abgelöst wurde, die Planung einer gemeinsamen Darstellung der deutsch-polnischen Geschichte sehr konkret thematisiert. Inhaltlich konnte man auf die erarbeiteten Schulbuchempfehlungen zurückgreifen, die oft erhebliche Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten in den deutschen und in den polnischen Sichtweisen belegen.

Als Beispiel für Unterschiede sei die Schlacht von Tannenberg 1410 genannt. Sie ist für Polen bis heute von hoher Symbolik in der Auseinandersetzung mit dem „deutschen Drang nach Osten“; in Deutschland selbst ist Tannenberg allenfalls ein Ort der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, als die Armeen Hindenburgs die zaristischen Truppen aus Ostpreußen drängten. Differenzen gibt es auch beim Gesamtkomplex Vertreibung der Deutschen und der Beurteilung der Beschlüsse der Potsdamer Konferenz.

Einig waren sich beide Seiten, dass ein gemeinsames Geschichtsbuch kein amtlich genehmigtes Geschichtsbild zu vermitteln hat, weder in Polen noch in Deutschland besitzt der Staat die Deutungshoheit über die eigene Geschichte. Erst 2008 nahm das Projekt konkrete Gestalt an; die deutsche und die polnische Regierung stimmten der Erarbeitung eines gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichtsbuches zu. Die wissenschaftlich-fachliche Betreuung obliegt auf deutscher Seite dem Braunschweiger Institut für internationale Schulbuchforschung und auf polnischer Seite dem Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften.

Um die Einbettung der polnischen und der deutschen Geschichte in die europäische Dimension zu dokumentieren, einigten sich beide Seiten auf den Titel „Europa – unsere Geschichte“ für die auf vier Bände konzipierte Reihe. Autoren dieses und der folgenden Ausgaben sind Wissenschaftler – vornehmlich Historiker – und Pädagogen in gleicher Zahl aus beiden Ländern. Bedauerlich ist, dass auf deutscher Seite kein kompetenter Vertreter aus der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen oder der Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR berufen wurde.

Der erste Band, der deutsch-polnische Berührungspunkte logischerweise erst ab dem Mittelalter behandelt, wurde mit „Großem Bahnhof“ am 22. Juni 2016 in einer Berliner Schule mit Schwerpunkt Polnisch vorgestellt: Es sprachen die Außenminister Steinmeier für die deutsche Seite und sein Kollege Waszczykowski für Polen sowie der brandenburgische Ministerpräsident Woidke als Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Natürlich lobten alle Redner das Projekt, und das nicht zu Unrecht, denn dass nach den zerrütteten deutsch-polnischen Beziehungen praktisch seit den Teilungen nun unter dem Dach Europas eine solche Arbeit beginnen konnte, ist zweifellos eine Erfolgsgeschichte.
Dieser erste Band ist für die Mittelstufe (bis Klasse 10) bestimmt, Niveau und Sprache sind dem angepasst. Ein großes Problem war die Kompatibilität mit den Geschichtslehrplänen in Polen – ein zentralisiertes System – und den 16 Lehrplänen der Länder der Bundesrepublik Deutschland. Daher wird auch der relativ große Umfang des Lehrwerkes erklärbar. 14 deutsche und polnische Autoren haben insgesamt zwölf Kapitel bearbeitet.

Eingeleitet wird mit der Frage „Was ist Geschichte?“, wichtig für die Altersstufe, die mit dem Geschichtsunterricht beginnt. In den folgenden Abschnitten wird der Bogen von der Steinzeit über die frühen Hochkulturen zum antiken Griechenland, dem Römischen Reich, den religiösen, politischen, kulturellen, gesellschaftlichen Facetten des Mittelalters gespannt. Hier beginnen dann auch die ersten Berührungen deutscher und polnischer Geschichte. Zu nennen sind: die enge Zusammenarbeit zwischen den Kaisern der Ottonen und den Piastenherzögen Miezko I. und Boleslaw I. mit dem Akt von Gnesen im Jahre 1000; der Deutsche Orden und die große Auseinandersetzung mit Polen/Litauen 1410 in der Schlacht von Tannenberg/Grunwald, bis heute ein Fixpunkt im nationalen Gedächtnis vieler Polen; die Ostsiedlungsbewegung und Städtegründungen in Ostmitteleuropa. Bei allen drei Themen kann festgestellt werden, dass sie ohne einseitige nationale Überhöhung sachlich dargestellt werden. Positiv ist auch zu vermerken, dass neben den polnischen und deutschen Entwicklungslinien die europäische Dimension ihren Stellenwert erhält, sofern sie bedeutsam für die politische Landschaft des Kontinents sind.

Alle zwölf Kapitel, die jeweils übergeordnete Themen behandeln, werden in Unterabschnitte gegliedert; Beispiel: „Religiöse Gemeinschaften im Mittelalter“, hier werden im Einzelnen behandelt: das Christentum, der Islam, das Judentum. Arbeitsaufträge bzw. Verständnisfragen für die Schüler sind jeweils Teil der Darstellungen. Dies sind nicht nur Texte der Autoren, sondern eine Fülle an Bildmaterialien, Fotos, Quellentexten, Karten, grafischen Darstellungen, sie vermitteln ein anschauliches und lebendiges Bild jeder Epoche für Schüler und sonstige interessierte Leser. Damit soll gesagt werden, dass dieser Band 1 der Reihe als Geschichtslehrwerk andere auf dem Markt befindliche gut ersetzen kann, allerdings ist der Preis für eine Anschaffung z. B. von Klassensätzen zu hoch.

Mit einer gewissen Spannung darf den weiteren Bänden entgegengesehen werden, wenn die harten Dissenspunkte der deutsch-polnischen Beziehungen, beginnend mit den Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts über das 19. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, behandelt werden. Die Teilnahme des polnischen Außenministers an der Vorstellung des Bandes scheint zu beweisen, dass auch die aktuelle Regierung dem Projekt positiv gegenübersteht. Ob das so bleibt bei der neuerlichen Schwerpunktverlagerung des Geschichtsunterrichtes in Polen auf mehr Patriotismus?

Karlheinz Lau (KK)

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