Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1339.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Inständig widerständig

Klaus Werner: Schriftsteller und Gesellschaft. Beiträge zu „östlichen“ deutschen Literaturen. Neisse Verlag, Dresden – Wroclaw 2011, 242 Seiten

Es gibt sie also, die „östlichen“ deutschen Literaturen, wenn auch einstweilen mit Gänsefüßchen – die immerhin auch als Auszeichnung aufgefasst werden können. Ein sorgfältig wägender Wort- und Textgläubiger wie der Germanist Klaus Werner hätte das Attribut nicht in den Untertitel seiner Aufsatzsammlung gesetzt, käme nicht ein dritter Glaube hinzu: an ein Spezifikum jener Literaturlandschaften oder auch nur Blätterwäldchen, die einst vom Eisernen Vorhang verhangen waren, von der DDR über das Banat, Siebenbürgen und Bukarest bis in die Bukowina. Geschärft haben mag den Blick für derlei einst stacheldrahtbewehrte und staatlich bewirtschaftete Poetenbiotope – „Gesellschaftliche Befriedung (und geschähe sie mittels Einfriedung) und Emanzipation durch Kunst wurden nicht als Gegensatz gedacht“ – die ebenfalls staatlich gesteuerte Akademikerlaufbahn, die den Leipziger als Gastdozent nach Klausenburg, Breslau und Troppau geführt hat.

Gesehen hat er daheim und auf dieser Bahn stets Schriftsteller in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, und so ist der denkbar lapidare Titel des Buches dennoch ein gezielter Hinweis auf die zentrale Problematik, die hier verhandelt wird: „Mindestens in ihren letzten gut zwei Jahrzehnten wollte die DDR-Literatur widerständige Literatur sein“, das gilt ebenso für die deutsche Literatur „in und aus Rumänien“, allerdings trifft auch für den aus Siebenbürgen stammenden und in der frühen DDR zu Ehren gekommenen Georg Maurer die Einschränkung zu, dass es sich dabei nicht um Subversion gehandelt habe, vielmehr habe diese Literatur „öffentlich vereinbarte oder ihr stillschweigend zugewiesene Funktionen erfüllt, die sich zum Teil erheblich von den im westlichen Kunstschaffen verankerten abhoben“.

Hat sie nun, oder hat sie nicht, die Literatur – und wenn, was eigentlich? Leihen wir uns Klaus Werners Goldwaage für Worte aus, so finden wir heraus, sie sei, wie oben zu lesen, „widerständig“ gewesen, allerdings steht nirgends zu lesen, dass sie widerstanden hätte. In der DDR nicht und nicht im südosteuropäischen Raum, allenfalls eine mehr oder minder „heitere Renitenz“, wie sie Peter Hacks – der die DDR liebevoll ein „Dörfchen“ spottete – an den Tag gelegt habe, war möglich, und schier grundstürzend war in der „innerliterarischen Auseinandersetzung … der sechziger Jahre“ die Besinnung der Dichter auf den Menschen: „In Erkenntnis – arger! Erkenntnis – ungeminderter und Desillusionierung – unaufhaltsame! Desillusionierung – mit sich bringender Mühen der Ebenen wurde vielmehr Ernst gemacht mit der Wahrnahme einer (im Sozialismus scheinbar überflüssigen) therapeutischen Literaturfunktion, die auf die wirklichen Freuden und wirklichen Leiden der Hierlebenden abstellte.“

Diese ehern engmaschig geflochtene Sprache ist durch die Schmiede der akademischen Germanistik gegangen, wie sie in der DDR trotz oder gerade wegen ideologischer Einschränkungen mit heiligem, oft bitterem bis erbittertem Ernst betrieben wurde. Ihrem exegetischen Bemühen haben sich die Dichter offenbar angeschlossen mit tief reflektierter, aus dem Hundertsten ins Tausendste ausdifferenzierter Rezeption literarischen Erbes – unter Goethe tat’s ein Peter Hacks nicht, aber auch Büchner und Heine bis hin zu den Romantikern, namentlich Eichendorff, sie alle wurden von den spätgeborenen Kollegen zur Zeugenschaft aufgerufen, dass es der Kunst bedarf, um die Wirklichkeit zu durchdringen, und erst recht in der sozialistischen „Gesellschaft“, die sogar zusätzliche Reize bereithält: „Kunstaneignung in der DDR gestaltete sich weithin als ein Prozess der Auseinandersetzung mit oktroyierten wertkanonischen Normativen und ideologischen Versatzstücken und bezog aus dieser ihrer Widersprüchlichkeit und Nichtlinearität eine ganz spezifische Qualität und Spannung.“

Dass diese „Qualität und Spannung“ sich stets kreativ und produktiv ausgewirkt hätten, ist mitnichten überliefert, Klaus Werner immerhin schlägt post festum manchen Funken daraus. Kaum zu ermessen in seinem schier genüsslichen Bekenntnis zur Aporie ist der lakonische Aphorismus von Volker Braun dazu: „Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle“.

Legion sind die zumal bukowinischen Entdeckungen Klaus Werners zur „Bestätigung, dass das Buchenland ein Acker war, der literarisch reiche Ernte abgeworfen hat“, zugleich aber auch die „rumäniendeutschen“ Offenbarungen, an denen er den Leser teilhaben lässt, und zwar ausgehend ausgerechnet vom Telegramm des Rates der Werktätigen deutscher Nationalität an Nicolae Ceausescu vom 28. Oktober 1989, abgedruckt ausgerechnet in der unterschwellig „widerständigen“ deutschsprachigen „Neuen Literatur“ Bukarest.

Spätestens hier geht dem in Werners Sprachmaschen wohlig Verstrickten auf, was an gleichsam obsessiv betriebener literarischer Hermeneutik faszinieren kann: die Deutung der Wirklichkeit vom Text her, das Primat der Sprache beim Verständnis der Welt – intellektuell tröstlich, weil fast spielerisch flexibel, und zugleich eine Herausforderung, auch dann mitzudenken, wenn man nicht ganz mitkommt. Zu hoffen steht drum, dass auch Sachsen und Schwaben sich zur Einsicht durchdenken können, „dass Ceausescus sprach- und literaturpolitisch manipulative Kulturraumformung zum einen durch die Trotzbesinnung und den Rückzug der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben aufs Überkommene, zum anderen aber durch eine Widerständigkeit beweisende rumäniendeutsche Literatur unterlaufen worden ist, die dank erweiterter und sozusagen entterritorialisierter Perspektiven den transkulturellen Diskurs vorbereiten half“.

Spätestens jetzt, da jene Protagonisten immer leiser werden.

Georg Aescht (KK)

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