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Ausgaben: Ausgabe 1389.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Liebesentrümpelung

Ilse Hehn: Sandhimmel. Lyrik & Übermalungen. edition textfluss, danubebooks, Ulm 2017, 103 S.

Ausgegangen sei alles von übermalten Fotografien, erzählt Ilse Hehn. Sie wurden in Ausstellungen in Deutschland und in Rumänien gezeigt. Weil es meistens Frauenbildnisse waren, dachte sie sich: „Lass sie – die Frauen aus den Bildern – sprechen“, die starken, emanzipierten Frauen, die die Liebe regelrecht entrümpeln.

So beginnt der Band, der in diesem Jahr bei danubebooks erschienen ist, mit dem titelgebenden Gedicht „Sandhimmel“, in dem die blutrot übermalte Tänzerin von Otto Dix die Liebe mit einer Portion Sand vergleicht und über ihre Vergänglichkeit meditiert. Der Sommermann von Arcimboldo hingegen ist orange betupft und birst vor Lüsternheit. Hier spricht eine abwesende Frau aus der Position des Winters, die den Sommermann als Lustobjekt ins Auge fasst.

Ilse Hehn hat die Bilder unterschiedlich verfremdet. Picasso ist lila getupft und schwarz herabrinnend; da spricht die Frau von „geschienten Stunden“. Olympia von Manet lugt nackt hervor hinter den roten Rinnsalen, die sich unten im Bild verdichten und ins Schwarze münden. Ihr wurde ein Brief Manets beigelegt. Als würde die Übermalung zum Bild gehören, ist der helle Himmel „Im Mai“ von Fritz Overbeck mit der Blütenpracht weiß bespritzt und leuchtet dadurch noch intensiver. Das beigeordnete Liebesgedicht eines lyrischen Wir versetzt sich in die Frühlingslandschaft hinein: „im Schneefall / pflücken wir in unseren Augen Äpfel / kalt und nass“. Liedhaft und passend zum märchenhaften Chagall, in dem das Liebespaar rot eingekreist wird, klingt das Gedicht „Aus dem Ruder“, in dem es um eine unverständlich gewordene Liebe geht. In „Im Bilde“ spricht die in Gauguins „Café in Arles“ dargestellte Frau, die abgeklärt wirkt und mit „Reim und Mai“ abgeschlossen hat.

Meist bekommen die abgebildeten Personen ein Rederecht, manchmal jedoch spricht die Künstlerin und Autorin über das Bild („Orchester“). Zuweilen beziehen sich die Monologe nicht nur auf das Kunstwerk, sondern metatextuell auch auf das Gedicht, wie bei der weiß schraffierten laufenden Frau von Picasso: „Dir / bleibt mein Körper meine Nacht / dieses Gedicht“. Und so bilden Übermalung und begleitender Text eine Einheit „um uns Spuren von Wörtern / du legst dich in meinen Satz / ich verschweige den Text / wir brauchen uns“.

Zugleich ist es aber auch, neben einigen politischen Gedichten, ein Buch über die verschiedenen Arten von Liebe, denn „Eskimos haben zweiundfünfzig / Ausdrücke für Schnee weil er / für sie wichtig ist / wir haben für die Liebe einen“. Es sind vorwiegend Meditationen, Entlarvungen einer enttäuschten Liebe, die zur Sprache kommen, aus einer selbstbewussten, wütenden, sarkastischen oder auch ironischen Position heraus: „und ich jag voller Wut / den Krempel durch die Luft / Papier samt Sommerduft // Weiß Gott es tut gut“.

Die Buchausgabe ist sehr schön geworden, man hätte sich jedoch die Titel der Bilder darunter gewünscht, nicht erst am Ende aufgelistet, und sich das Blättern erspart, ein Bildnachweis wurde dabei vergessen.

Formell interessant und abwechslungsreich, sprachlich ein Genuss, sind die Gedichte von Ilse Hehn und ihre Kunstübermalungen eine intermediale Art, sich mit bildender Kunst auseinanderzusetzen und sie in Lyrik zu ‚übersetzen‘, ein origineller und gelungener Dialog der Musen.

Edith Ottschofski (KK)

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