Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1389.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Ein erster schlesischer Aderlass

Marek Derwich (Hg.): Die Auflösung der Klöster in Preußisch-Schlesien 1810 / Wrocławskie Towarzystwo Miłosników Historii. Wroclaw 2016, 523 S., Ill. – Das Kulturerbe der aufgehobenen Klöster; 6

Mancher Jahrestag erreicht eine größere Öffentlichkeit. An die Aufhebung der schlesischen Klöster durch das Edikt des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. Ende Oktober 1810 erinnerten in Deutschland zwei Ausstellungen. Die größere veranstaltete das Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen mit einer Fülle von bis dahin nicht gezeigten Exponaten zum reichhaltigen Klosterwesen Schlesiens. Eine kleinere Ausstellung, jedoch verbunden mit einem noch verfügbaren Begleitband sowie einer Tagung, veranstaltete das Haus Schlesien in Königswinter. Aus beiden Ausstellungen entstand eine zweisprachige Bannerfassung, die das Thema an zahlreichen Orten in Deutschland sowie den polnischen Landesteilen Schlesiens präsentierte.

Nicht so sehr ins öffentliche Bewusstsein trat, dass im Umfeld des 200. Jahrestags in Breslau eine Tagung stattfand. In der in Polen beliebten Art einer Großveranstaltung, die nur noch ein Abspulen der Referate, aber keinen intensiven Dialog mehr ermöglicht, gab es an drei Tagen in drei Sektionen 90 Vorträge. Immerhin war dies kein Strohfeuer, vielmehr begann damit eine mehrjährige wissenschaftliche Beschäftigung in Breslau.

Seit 2014 erschienen in der dafür eingerichteten Buchreihe „Das Kultererbe der aufgehobenen Klöster“ unter der verdienstvollen Leitung des Breslauer Universitätsprofessors Marek Derwich insgesamt sieben voluminöse Bände. Es ist nachvollziehbar, dass die Finanzierung in Polen durch die thematische Ausweitung des knapp fünfjährigen Forschungsprogrammes vereinfacht wurde. Der typischerweise etwas gewundene Titel lautete: „Die Klosteraufhebungen auf dem Gebiet der früheren Königlichen Republik der polnischen Krone und des Großfürstentums Litauen sowie Schlesiens vor dem Hintergrund der Säkularisierungsprozesse in Europa“. Bei einer Betrachtung des Kernthemas, nämlich Ablauf und Konsequenzen des Geschehens in Schlesien, wird deutlich, dass sich genügend „grundlegend neue und unbekannte Aspekte behandeln“ lassen.

„Die Problematik von einer neuen, bislang wenig oder gar nicht erforschten Seite dar[zu]stellen“ fällt angesichts der Tagungsbeiträge und weiteren Forschungen leicht. Mit dieser Feststellung beginnt der als eine Art erweiterte Zusammenfassung in deutscher Sprache herausgegebene Abschlussband „Die Auflösung der Klöster in Preußisch-Schlesien 1810“. Es ist dabei dem besonderen Engagement von Dr. Gregor Ploch, dem ehemaligen Mitarbeiter der Stiftung Haus Oberschlesien und damaligen Kurator der Ratinger Sonderausstellung, zu verdanken, dass er als sachkundiger Theologe und Kirchenhistoriker die Übersetzung aus dem Polnischen vorgenommen hat und in dieser seltenen Symbiose hervorragend lesbare Texte entstanden sind.

Das Buch enthält 20 Beiträge, davon 19 Übersetzungen aus den vier Hauptbänden der polnischen Edition. Selbstverständlich geht es um eine Fülle an Details, die hier im Einzelnen nicht vorgestellt werden können. Wichtig ist der Hinweis, dass eine seriöse Diskussion um die Anzahl der aufgehobenen Klöster geführt wird. Damit wird deren Bedeutung und Besitzstand verständlicher. Hinsichtlich ihres Vermögens kommt eine glaubhafte Schätzung auf bis zu 13 Millionen Reichsthaler ohne den Gebäudewert. Überhaupt war eine Vermögensverwertung zugunsten des nach der Niederlage von 1807 und den Kontributionszahlungen auch finanziell schwer angeschlagenen preußischen Staates der eigentliche Anlass zur schlesischen Klosteraufhebung.

Genaue Zahlen zum klammen preußischen Staatshaushalt fehlen. Das hier vorzustellende Buch ist dazu auch keine Wirtschaftsgeschichte. Für den Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III. 1797 ist von einem Schuldenstand von 48 Millionen Talern auszugehen. Ein erst 1820 von Staatskanzler Hardenberg veröffentlichter Gesamtschuldenstand beläuft sich auf 180 Millionen Taler. Der jährliche Ertragswert des preußischen Domänenbesitzes von 3,4 Millionen sowie der mit 45 Millionen bewertete Grundwert mussten 1807 öffentlich verpfändet werden. Diese Zahlen verdeutlichen die Größenordnung und den finanzpolitischen Rahmen, in dem es lukrativ und opportun erschien, eine gesellschaftliche Gruppe in Schlesien, nämlich die Klöster und den Fürstbischof, zu einem Sonderopfer heranzuziehen.

Zu den immateriellen Folgen gehörten die Veränderungen der Seelsorge in vormaligen Klosterländereien und darüber hinaus des Bildungswesens. Gravierend sind aus späterer Sicht die Kulturgutverluste. Die Klöster waren der älteste Geschichtsspeicher.

Ein Staatsarchiv, das die Bestände aufgenommen hätte, bestand nicht. Detaillierter ausgeführt wird durch einige Autoren im vorliegenden Band die Übernahme von ausgewähltem Bibliotheksgut durch den Königlichen Säkularisierungskommissar J. G. G. Büsching. Unter widrigen Bedingungen und mit bald einsetzenden Einschränkungen bei der örtlichen Bestandsakzession konnte er immerhin eine Verbringung von ca. 300 000 Bänden zu der vorgesehenen neuen Schlesischen Zentralbibliothek in Breslau bewirken. Wohl zwei Drittel davon sind alsbald als Dubletten an externe Bibliotheken weitergegeben oder öffentlich veräußert worden.

Wenn der heutige Bestand in der Breslauer Universitätsbibliothek sachkundig gegen 12 000 Bände geschätzt wird, so sind das bloß noch magere vier Prozent. Solche Zahlen machen exemplarisch deutlich, welch immense Kulturgutverluste Schlesien erlitten hat. Andererseits wird auf 500 Akten zum Säkularisierungsgeschehen im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin verwiesen, von denen bisher die wenigsten ausgewertet worden sind. Den Verlusten an Büchern und Akten in Breslau am Ende des Zweiten Weltkrieges stehen also in erheblichem Umfang Dokumente gegenüber, deren zukünftige Auswertung das Wissen wiederum anreichern wird.

Aus den Klöstern wurden neue Funktionsgebäude. An Beispielen wie staatlicher Nutzung in Breslau oder dem Umbau des oberschlesischen Zisterzienserkloster Rauden als herzogliches Schloss werden Nutzungsvarianten deutlich. Die Umnutzung als Fabriken (z. B. Grüssau, Trebnitz), für das Militär (z. B. Glogau, Jauer) oder für Schulzwecke (z. B. Glatz, Neisse) wird nicht weiter ausgeführt. Ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis, hinsichtlich der Archivangaben weniger zielführend als zum gedruckten Dokumenten- und Sekundärliteraturangebot, sowie Personen- und Ortsindex beschließen den Band.

Stephan Kaiser (KK)

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