Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1389.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Gulasch- und andere Kanonen

György Dalos: 1968: „Stimmung durchschnittlich“. Eine Montage. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2017, 14,95 Euro

Von den ehemals aktiven Achtundsechzigern weiß man, dass sie in die Jahre gekommen sind. Nun ist das Datum selber dran. In diesem Jahr wird vielerorts und vielfach des Jahres 1968 gedacht. Natürlich auch in Büchern. Einen Frühstart, der freilich nicht zur Disqualifikation geführt hat – jedenfalls nicht aus Sicht des Rezensenten –, hat György Dalos geliefert. Noch vor Weihnachten 2017 erschien sein einschlägiges Buch.

Die Montage beginnt mit der Silvesterfeier 1967. Die „Gruppe Ungarischer Revolutionärer Kommunisten“ lädt ein. Zunächst werden Minister ernannt. Das Besondere: Der Innenminister erteilt z. B. die Erlaubnis, das Zimmer zu verlassen, der Außenminister soll mit den anderen Hausbewohnern verhandeln, wenn diese sich über zu viel Lärm beschweren. Und der Minister für Schwerindustrie etwa ist für ausreichend Essen und Trinken zuständig. Klingt lustig, war es aber nicht. Jedenfalls nicht für die ungarische Staatssicherheit. Da überdies diverse Parteien gegründet wurden, war höchster Alarm angesagt bei den Staatsschützern. Nicht zuletzt wegen deren Hochschätzung für die Kulturrevolution in China. Aber auch deswegen: „Wir machen keinen Hehl daraus, dass unser Ziel der gewaltsame Sturz der sich mit dem Deckmantel des Revisionismus tarnenden bürgerlich-demokratischen Diktatur ist.“

Von außen, also z. B. aus Sicht der damaligen BRD, galt Ungarn als die „lustigste Baracke des Ostblocks“, der „Gulaschkommunismus“ erlaubte schließlich Westreisen. Von wegen lustig. János Kádár regierte mit eiserner Hand, die hier veröffentlichten Protokolle erzählen von der repressiven Intoleranz der Partei. Noch heute bekommt György Dalos Herzklopfen, wenn er im Protokoll des ihn bespitzelnden IM liest: „Solange er funktioniert, wird er Schaden anrichten. Man muss ihn unschädlich machen.“ Nachvollziehbar. Der Prozess gegen die Gruppe wurde öffentlich geführt, freilich nur für Geladene. Will sagen: Die Zuschauer sollten als Eingeweihte, treu der Sache des Staates, in die Öffentlichkeit wirken. Die Strafen waren unterschiedlich. Der Hauptverantwortliche – in den Augen der Ermittler Gyuri Pór – erhielt zweieinhalb Jahre Haft, alle anderen deutlich weniger, meistens eine Bewährungsstrafe. In einem Parallelverfahren wurden erheblich strengere Strafen ausgesprochen, weil sich unter den Verschwörern Soldaten befunden hatten.

Während zum Jahresanfang 1968 in Ungarn also ein Staatsstreich (?) verhindert wurde, ging es anderswo im Ostblock ganz anders zu. In der Tschechoslowakei wurde der sogenannte Prager Frühling vorbereitet. Ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz war das Ziel. Die Folgen sind bekannt.

György Dalos war im Herbst 67 nach fünf Jahren Studium aus Moskau zurückgekommen. Er musste sich sowieso erst einmal orientieren und landete bei der „Gruppe Ungarischer Revolutionärer Kommunisten“. Aber er hegte nun auch solche Gedanken: Eine neue Wohnung, viel Geld verdienen, vielleicht heiraten, einen neuen Gedichtband beim Verlag einreichen. Also lauter Auswüchse von Individualität. Was einerseits zum Klischee vom Gulaschkommunismus passt, andererseits auch jedem Menschen – egal wo – zuzugestehen ist.

Rückblickend stellt György Dalos fest, dass er es einerseits als berauschendes Erlebnis empfand, vom Alltag als Museumsmitarbeiter in die Peripherie der Budapester Intellektuellenszene geraten zu sein, andererseits wähnte er sich in der romantischen Aura der Verschwörungen angekommen. Ein Effekt war seine zunehmende

Prominenz. Andere Promis, z. B. der kubanische Botschafter, machten ihm ihre Aufwartung. Eine Konsequenz, die er befürchtet hatte: 1964 war sein erster Gedichtband in Ungarn erschienen, sein nächster sollte dort erst 1989 erscheinen. Dazwischen lagen freilich Veröffentlichungen im Westen. Zurück nach Ungarn 1968.

Arbeitslos geworden, betreut György Dalos eine jugendliche nordkoreanische Fußballmannschaft als Übersetzer, er übersetzt Literatur aus der DDR, und natürlich verfolgt er wie viele andere die Entwicklung in der Tschechoslowakei und die in der BRD. Liest von Rabehl/Dutschke: Die Rebellion der Studenten. Liest etwas von abflauender Revolution und dem Rezept dagegen: Man müsse den gordischen Knoten der inneren Krise des Proletariats mit dem Schwert zerschlagen. Die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem: hier bringt György Dalos sie auf den Punkt. Während also deutsche Studenten die Revolution theoretisch durchdenken, wird in Prag gehandelt. In ungarischen Rundfunkmeldungen klingt das freilich so: „Auf den Straßen von Prag wütet ein erbitterter ideologischer Streit.“

Doch die zentrale Erkenntnis liefert György Dalos ein paar Seiten vorher. Der stellvertretende Direktor des Museum erklärt ihm nach dem Arbeitsgerichtsprozess, den Dalos wegen seiner Entlassung angestrengt hat, lautstark auf der Straße: „Nimm bitte zur Kenntnis, dass es überall einen Staat gibt, auch in China, ob dir das passt oder nicht! Und es gab schon immer einen Staat, schon vor fünftausend Jahren! Und auch in fünftausend Jahren wird es einen geben!“

Ulrich Schmidt (KK)

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