Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1339.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

„Erinnerung, du meine Kastanienblüte“

Johann Lippet: Tuchfühlung im Papierkorb. Ein Gedichtbuch. Pop Verlag, Ludwigsburg 2012, 167 S., 17,20 Euro

Auf Tuchfühlung mit der Vergangenheit geht Johann Lippet; der deutsche Dichter aus dem Banat kramt eine ganze Dorfwelt hervor, zum Teil, wie es der Titel andeutet, aus dem Papierkorb, und lässt sie sprachlich neu erstehen. Dabei wertet der Banater Autor und Mitbegründer der Aktionsgruppe Banat den heimatlichen Dialekt wieder auf, mischt altes Liedgut und rumänische Wörter dazu. Herausgekommen ist ein Gedichtbuch, das einem das Gefühl gibt, man wäre in der Kindheit des lyrischen Ichs in dem kleinen Banater Dorf dabei gewesen oder aber man könnte ihm, wie er/es heute an seinem Schreibtisch hockt, über die Schulter gucken.

Eigenwillig ist das Buch schon durch seine Typographie. Nach dem Aufschlagen des unruhig in Schwarzweiß und Farbe gestalteten Covers muss man das Buch drehen und im Querformat lesen. Der zweite Teil besteht aus dem längeren Text „Anrufung der Kindheit“, der bereits 2003 mit „willkürlichen Zeilenumbrüchen“ erschienen ist und nun in Originalfassung vorliegt, und einem Nachtrag. Zweifellos besser ist der erste Teil, der von Temporalbestimmungen mit dem immergleichen „Derweil“ rhythmisiert wird: „Derweil ich hier sitze am schreibtisch“, „Derweil ich hier stehe am fenster“, „Derweil ist es allerheiligen geworden“.

Da nimmt Lippet in Kleinschreibung den Leser mit in seine Alltagsmeditationen, allesamt pointiert auf ein knappes Gedicht konzentriert, in Überlegungen zu seiner Ars poetica, in Kindheitserinnerungen und politische Anspielungen, wobei der kritische metaliterarische Blick nicht ausbleibt: „Derweil ich hier sitze wieder seit tagen / geht draußen das leben weiter wie banal / nein nicht das leben der satz den ich gerade schrieb“. Und man ahnt, was den Autor umtreibt: „empfindung die unter die haut geht / poren öffnet denen ahnung entströmt von leben und liebe / trauer vergänglichkeit“. Dieser Teil besticht durch Dichte, Knappheit, Authentizität. Es ist ein wunderschönes Zusammenspiel von Erinnerungen und Eindrücken aus der Gegenwart, wobei diese wie der Duft der Madeleine bei Proust jene auslösen, und man wünschte sich, Johann Lippet hätte das so durchgehalten und sein lyrisches Tagebuch weitergeschrieben.

In „Hyperlinks“ und „Hinfort“, die ebenfalls zum ersten Buch gehören, kehrt Lippet, wie auch im zweiten Buch, zur normalen Schreibweise zurück. Im zweiten Buch allerdings, „fort/schreiben“, taucht das lyrische Ich ganz in die Kindheit ein, es ist, wie es der Titel sagt, eine „Anrufung der Kindheit“, durch erinnerte Begebenheiten, Gedanken oder aber Wörter. Detailgenau beschreibt Lippet sogar ein Fußballspiel und listet manchmal detailversessen ein ganzes Alphabet von „abgaschtich“ bis „Zwinkel“ auf. Denn: „Es bedarf der Zeichen auf dem Papier der von der Hand / gemalten Zeugnisse in Blau da steckt mehr drin für mich als das was andere / lesen“. Manchmal klingen die Zeilen manieriert, wenn „man“ oder „wir“ unbedingt auf „du“ und „ich“ heruntergebrochen werden muss, manchmal nachdenklich, wie beispielsweise jene über die untergegangene Dorfidylle oder über die Sprache. Da gerät der Mensch zwischen dem nicht mundgerechten Deutsch an der Schule einerseits, der Staatssprache andererseits, „in Atemnot, Sprachnot“ und muss sich Luft verschaffen, indem er redet, „wie uns der Schnabel gewachsen“.

Warum das alles, diese „Rückholung von Erinnerungen heute und hierzulande / warum als Fünfzigjähriger zurück in den Kopf eines Kindes?“ Nun, es geht unter anderem um die Sehnsucht, die kindliche, die das Leben verlängert. Der Nachtrag ist nochmals eine Meditation über den Schreibanlass des „Einkehrers in die Erinnerung“, des „Zaungastes in der Prozession zu (s)einem Lebenslauf darin“. Mit seiner „Tuchfühlung“ hat Johann Lippet ein einfühlsames Banater Zeugnis geschaffen, das durch Poesie und Nachdenklichkeit bezaubert.

Edith Ottschofski (KK)

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