Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1392.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Eingemachtes aus Königsberg

Ulrich Trebbin: Letzte Fahrt nach Königsberg. Verlagsgruppe Random House GmbH, München 2018, 349 S., 20 Euro

In einem Münchener Altenheim reifte der Entschluss des Journalisten und Therapeuten Ulrich Trebbin, sich in einem Roman der ostpreußischen Heimat und der Vergangenheit seiner Familie zu nähern. Das Bild eines jungen Soldaten auf dem Sekretär seiner Großmutter Ella faszinierte ihn. Durch Lektüre, Gespräche mit Ostkundlern und in der „schier unerschöpflichen und inspirierenden Fundgrube des Bildarchivs Ostpreußen“ kniete er sich in sein Thema Königsberg und Kurische Nehrung. Das Ergebnis: Ein glänzend verfasstes Portrait der „weltoffenen Urform aller Städte mit der größten Buchhandlung Europas, Gräfe und Unzer“, und Landschaftsbeschreibungen, wie sie nicht oft gelingen. Schattenseiten wie die Judenverfolgung im eigentlich toleranten Einwanderungsland Ostpreußen werden nicht unterschlagen. Ostpreußen werden dieses Buch mit Wehmut lesen, anderen wird die Region vertraut und vielleicht gar zum Ziel einer Reise auf den Spuren der Hauptperson erkoren.

Traumabehandlung gehört zum Beruf des Therapeuten Trebbin. Hier geht es um die Aufarbeitung von Heimweh und einer unerfüllten Jugendliebe. Lebensgefühl und Lebensart werden getroffen, die Beschwörung preußischer Tugenden bei Ellas Erziehung bleibt nicht unerwähnt. Rückblenden in glückliche dreißiger Jahre am Ostseestrand wechseln mit den Schreckensjahren 1944/45. „Kostproben“ ostpreußischer Umgangssprache bleiben nicht nur bei Marjellchen und Lorbass.

Die Idee, Großmutter Ella, die als junge Frau mit zwei kleinen Kindern bereits im relativ sicheren Potsdam angekommen war, Mitte Januar 1945 in das von Bomben zerstörte und bereits von der Roten Armee bedrohte Königsberg reisen zu lassen, ist originell. Ihr Ziel: Für die darbenden Familienangehörigen in Potsdam Eingemachtes aus der Königsberger Wohnung in großen Kisten auf die Bahn zu bringen. Eine kommt wirklich an.

Dem Autor bietet diese „letzte Fahrt nach Königsberg“ die Möglichkeit, Situation und Stimmung in der kurz vor der Einschließung durch die Rote Armee bedrohten Stadt detailliert und historisch getreu zu schildern. Der Leser verfolgt mit Spannung, ob Ella inmitten der Massen von Flüchtlingen die Rückkehr zu ihren Kindern gelingt und wie es ihrer Mutter ergeht, die schließlich in Dänemark landet.

In den Einbanddeckeln gibt es einen Stadtplan von Königsberg und eine Ostpreußenkarte von 1920.

Norbert Matern (KK)

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