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Ausgaben: Ausgabe 1392.

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Böhme war er nicht, in Böhmen schon

Reiner Stach: Die Kafka-Biographie in drei Bänden (Die frühen Jahre; Die Jahre der Erkenntnis; Die Jahre der Entscheidung). S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main (verschiedene Erscheinungsjahre)

Über Goethe und Böhmen wurde viel geschrieben, seine Aufenthalte in Karlsbad, Marienbad oder Teplitz und die dortigen Begegnungen wurden weit bekannt. Prag jedoch hat er nie besucht, trotz mehrfacher Einladung. Bei Franz Kafka sind die in Böhmen besuchten Orte nie in den Vordergrund gehoben worden.

Diese umfangreiche Biographie in drei Bänden über den berühmten Schriftsteller dokumentiert nicht nur das komplexe Werk, sondern gibt auch einen erhellenden Einblick in die böhmisch-österreichische und jüdische Welt der Habsburger Monarchie und des Nachfolgestaates Tschechoslowakei in seinen ersten Jahren. Sie macht uns mit der Persönlichkeit Franz Kafkas, aber ebenso eingehend mit Prag bekannt und benennt dabei eine ganze Reihe deutschböhmischer Orte, die Kafka in Diensten der Unfallversicherung, mehr noch aber bei privaten Aufenthalten kennengelernt hat, darunter die Egerländer Kurorte Karlsbad, Franzensbad und Marienbad.

Hier erlebte er eine glückliche Begegnung mit seiner Verlobten Felice Bauer aus Berlin. Im nördlichen Böhmen hatte er dienstlich zu tun (Gablonz an der Neiße), in Bodenbach (Tetschen) nahe der Grenze zu Sachsen traf er wieder Felice, in Friedland war er im Auftrag der Prager Unfallversicherung tätig. In Zürau bei Saaz verbrachte er mehrfach Erholungsaufenthalte bei seiner Schwerster Ottla, die wegen seiner Tuberkuloseerkrankung immer häufiger nötig waren.

Der Ausbildungsaufenthalt dieser Schwester in einer landwirtschaftlichen Winterschule führte ihn wieder nach Friedland – „eine merkwürdig schöne traurige Stadt“. Stach ergänzt: „Friedland lag in Deutschböhmen, einer politisch gärenden Zone, deren Bevölkerung entweder zu Deutschland oder zum neuen ‚deutschösterreichischen‘ Staat gehören wollte und sich daher der Regierung in Prag lautstark verweigerte.“ Es war im Dezember 1918 durch tschechisches Militär besetzt worden. Kafka zog daher Schelesen bei Melnik für seinen Aufenthalt vor.

Friedland und sein berühmtes Schloss, das bis 1945 der Adelsfamilie Clam-Gallas gehörte und durch seinen kurzzeitigen Eigentümer Herzog Albrecht von Wallenstein (bei Schiller der „Friedländer“) bekannt wurde, mag als Vorbild für das Schloss in Kafkas Roman dieses Titels gelten. Als er daran arbeitete, hielt er sich allerdings im Hotel Krone in Spindelmühle-Friedrichsthal auf, wo es kein Schloss gab. Nach Stach ist eher an die Prager Burg über der Moldau zu denken.

Allerdings fühlt man sich bei der Lektüre der Einleitung an das winterliche Riesengebirge gemahnt: „Es war spät abends, als ich ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schlossberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloss an. Lange stand ich auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.“ Die Landschaft des Riesengebirges erschien Franz Kafka schöner und mannigfaltiger als die Hohe Tatra, wo er ebenfalls einen Kuraufenthalt verbracht hatte.

Kafkas Beziehung zu Prag und Böhmen war eine durchaus widersprüchliche, seine Wohnsitze wechselte er mehrfach, es zog ihn auch wegen seiner Bekanntschaften nach Berlin zu Felice Bauer, nach Wien zu Milena Jesenska, wiederum gegen Ende seines Lebens nach Berlin-Steglitz zu Dora Diamant. Zeitweise dachte er sogar an Palästina, das der langjährige Freund und Förderer Max Brod im Sinne der Zionisten propagierte.

Dieser hielt ihn schon 1915 für den „größten Dichter unserer Zeit“. Der immens belesene Biograph Reiner Stach urteilt am Schluss seiner drei Bände: „Seine Welt gibt es nicht mehr, nur seine Sprache lebt.“ Hinzufügen darf man: Auch alle Orte, die mit Kafkas Leben verbunden waren, leben, selbst ihre deutsche Geschichte lebt weiter, auch wenn ihre Menschen vertrieben worden, durch Verfolgung umgekommen und zerstreut worden sind wie die der jüdischen Gemeinden in den böhmischen Ländern und andernorts.

Rüdiger Goldmann (KK)

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