Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1394.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

„Heimat ist der Ort, wo man sich am fremdesten fühlt“

Eginald Schlattner: Wasserzeichen. Pop Verlag, Ludwigsburg 2018, 628 Seiten, 29 Euro

„Mir wurde der Atem knapp, nicht so sehr wegen des Steigens, vielmehr weil ich mich immer mehr im Dickicht der Familienlandschaft verfing.“ Ob dem Schriftsteller beim Erinnern streckenweise auch der Atem wegblieb? – Das „Familiendickicht“, das er vorführt, erweist sich als harmlos gegenüber den zeitgeschichtlichen Verstrickungen, in die er selbst gerät. Doch für alle Akteure gibt es „ein Später. So oder anders. Selbst für mich.“

Von der Warte des „Später“ – genauer: zwischen 2006 und 2017 – reflektiert Schlattner im orthodoxen Waldkloster Spiridon und in seinem Pfarrhaus in Rothberg bei Hermannstadt über den Sommer 1947, den „letzten königlichen Sommer“, den er in dem „Haus mit der schiefen Fassade“ in der Tannenau in Kronstadt bei Großmutter, der „Griso“, und Malytante verbringt. Am 30. Dezember 1947 wird König Michael I. von den rumänischen Kommunisten gezwungen, abzudanken und das Land zu verlassen. Während des erbitterten Klassenkampfes muss die Familie Schlattner aus einer vornehmen Villa in eine Bruchbude, die Fogarascher „Rattenburg“, umziehen.

Die nächste Erinnerungsvolte setzt im Herbst 1950 an: Der Ich-Erzähler wechselt aufs Deutsche Lyzeum in Kronstadt und kommt in einem rumänischen Internat unter. Für die Feierlichkeit zum Schulbeginn verfügt er über nichts als einen „ausgelaugten Trainingsanzug“, von einem deutschen Offizier auf dem Rückzug am 23. August 1944 im Gästezimmer seines Elternhauses zurückgelassen. „Armselig bis zur Groteske“ ist die Garderobe, nicht aber die geistige Verfassung und Allgemeinbildung des jungen Eleven. Mit Letzterer beeindruckt er den Kreis der „Literaturbeflissenen, Schöngeistigen, musisch Begabten, an höheren Dingen Interessierten“, die sich im „asymmetrischen Zehn-Tage-Takt“ in der Sakristei der Obervorstädter Kirche zu ausgiebigen Gesprächsrunden treffen. Hier lernt er seine Schulkollegen – Annemarie Schönmund, Susanna Sara Blau, Bileam Caesar Römer, Karl Carol Karoly Gelproth, Heiko von Khor, Richard Faber, Gunther Reissenfels, Reimar Schnitzel – näher kennen und vollzieht den „qualitativen Sprung“, der seine Position in der Klasse schlagartig verändern wird.

Einer stört allerdings die elitäre Runde: Odin Poseidon Saulus Prall (bei Schlattners Namensfindung für seine Romanfiguren müsste man Pate stehen!), der Junge mit den roten Boxhandschuhen und der roten Gesinnung. Während einer Diskussion über den Raketenpionier Hermann Oberth ruft er den Transzendenzverliebten spöttisch zu: „Euer Gefasel, ihr Altarschwalben, ihr Talarwanzen, alles stinkender Unsinn. Lasst euren Herrgott im Himmel sein Gemüse anbauen. Aber wir hier? Was brauchen wir Spazierfahrten im All, wenn auf der Erde alles drunter und drüber geht!“

Emotional drunter und drüber geht es in den Skiferien auf dem Königstein, in denen Hiltraut Ewamaria Scriptorius, Zwillingsschwester von Wiltrud Awemaria (nach dem Abitur Freundin des Ich-Erzählers), in eine Schlucht stürzt. Aber auch in den langen Sommerferien, in denen der Autor mit dem Bizykel und Heinrich Wachners „Kronstädter Heimat- und Wanderbuch für die Jugend“ seiner Kollegin Susanne Sara das Burzenland zeigt. Die Arbeit mit Carmencita, der lebenslustigen jungen Zigeunerin, die vieles übers Torfstechen und Fischefangen weiß, aber ihr Alter nicht kennt, fällt am Ende der Sommerferien auch verwirrend aus und wirft die Frage auf: „Verachten wir die Zigeuner?“ Die Frage wird von der Familie dezidiert verneint: Die Mutter stimmt prompt eine Arie aus dem „Zigeunerbaron“ an; die Großmutter attestiert den Roma die „vornehmste Abstammung“; die kleine Schwester Elke phantasiert davon, gekidnappt zu werden und im Koberwagen durch die Welt zu reisen; den Bruder Uwe erinnern die Roma an „afrikanische Schmetterlinge, bunt und exotisch“; Bruder Kurtfelix bewundert ihre Wald- und Flurkenntnisse.

Doch nicht nur Mädchen flankieren den Weg des Heranwachsenden und verwirren ihn, auch der Krake Securitate streckt seine Tentakel in alle Richtungen aus. Die Verwirrung durch die Mädchen wird überwunden, die Unruhe hingegen, die der rumänische Geheimdienst in sein Leben bringt, verfolgt den Ich-Erzähler bis ins Erwachsenenalter hinein. Der Rat des Klavierbaumeisters Anselmus Cyriakus Scriptorius erweist sich als kostbar: „Wenn wir diese Zeit nicht nur überleben wollen, sondern in dieser Zeit leben wollen, dann müssen wir tun, als ob es die Securitate in unserem Kopf nicht gibt.“

Die vorletzte Episode gilt den Studienjahren in Klausenburg, wo der Ich-Erzähler zunächst Theologie studiert, aber nach zwei Semestern „als Ketzer“ von der Uni fliegt. „Verfolgt bis zur Selbstvernichtung von der Obsession eines totalitären Gottes, der dir dauernd auf die Finger sieht, durchs Schlüsselloch guckt, hinter die Kulissen luchst, sich in den verborgenen Winkeln deiner Seele einnistet“, landet er schließlich in der Psychiatrie, wo er täglich von seiner einstigen Schulkollegin und neuen Freundin Annemarie Schönmund, Studentin der Psychologie und Securitate-Spitzel, besucht wird. In der letzten Erzählvolte macht der Autor einen Zeitsprung und widmet sich der Begegnung mit seiner künftigen Ehefrau Susanne Dorothea: „Ich war damals unter den zweihunderttausend Sachsen die schlechteste Partie, eben aus der Haft [darauf wird in diesem Buch nicht eingegangen] entlassen, abgebrannt, übel beleumundet, kopfscheu, bettelarm. Was brachte ich in die Ehe mit? Einen leeren Koffer und einen verfemten Namen.“ Erst 2007 wird Susanne Dorothea das Rothberger Pfarrhaus verlassen.

„Ein jeder geht für sich in seine Klosterzelle, mit seiner Schuld und Hoffnung. Heimat ist der Ort, wo man sich am fremdesten fühlt.“ Und der „Klosterzellen“ gibt es unzählige auf Erden. Davon legt dieser autobiographische Roman ein beredtes Zeugnis ab.

Ingeborg Szöllösi (KK)

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