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Ausgaben: Ausgabe 1394.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

„… viel Weizen und noch mehr Unkraut“

Christian Heidrich: Wo bitte geht’s nach Königsberg – eine Wanderung von West nach Ost, EOS Verlag, St. Ottilien 2017, 395 S., 19,95 Euro

Christian Heidrich, der auch Polnisch sprechende Oberschlesier und promovierte Theologe, Gymnasiallehrer für katholischen Religionsunterricht am Leibniz-Gymnasium in Östringen und regelmäßige Autor von „Christ in der Gegenwart“, lässt sich im Kölner Dom den Reisesegen geben. Dann geht er während eines Sabbatjahres nach 13 Jahren im Schuldienst Ende Juli 2014 zu Fuß von Köln nach Königsberg/Kaliningrad und schreibt darüber ein originelles Buch.

Es ist kein eigentlicher Reiseführer, der Autor reflektiert – immer Kant- oder Fontane-Texte im Kopf – die durchwanderten Landschaften. Dabei interessiert ihn besonders die Geschichte, sonst lässt er seinen Gedanken freien Lauf. Menschen, denen er beim Kaffee begegnet, werden charakterisiert, nur zu oft wird erwähnt, dass Heidrich Vegetarier ist. Zwei Seiten aus dem Kant-Büchlein „Deines Lebens Sinn“ von Wolfgang Kraus liest Heidrich täglich, die letzten Seiten spart er sich für die Lektüre vor dem Kant-Denkmal an der Universität Kaliningrad auf.

Das erste Viertel des Buches gilt der Wanderung durch Westdeutschland, dann erreicht Heidrich durch den Harz das Gebiet der ehemaligen DDR mit literarischen Reminiszenzen und dann Polen. „Meine Wanderung lebt davon, dass ich aufbreche, Augen und Ohren aufsperre und mich auf das konzentriere, was mich anspricht, mich erfasst .Wandern ist das menschliche Maß.“ So geht es auf den Brocken. „Ist Quedlinburg eine Schöne, dann ist Halberstadt ein … Biest“, mit dem er sich dann aber doch versteht. Magdeburg mit seinen zwei Ottos nennt Heidrich den am stärksten säkularisierten Flecken Deutschlands mit acht von der DDR abgerissenen Kirchen. Der heilige Norbert, Stadt- und Bistumspatron sowie Gründer der heute wieder in Magdeburg wirkenden Prämonstratenser, bleibt unerwähnt.

Potsdam und Berlin werden durchwandert, und Heidrich gelangt zu der Erkenntnis: „Preußen, das ist viel Weizen und noch mehr Unkraut.“

Knapp die Hälfte des Buches gilt dann Polen und der Oblast Kaliningrad. Heidrich vermutet, dass man mit dem Zug von Berlin nach Kaliningrad vielfach umsteigen müsste. Falsch, es gibt einen durchgehenden Nachtzug. In Polen vermisst der Autor Radwege, auf denen der Wanderer den Autos ausweichen könnte, selten findet er ein Stück des Jakobsweges. Preußen mag er nicht, trifft aber vielerorts auf die deutsche Geschichte, beginnend in der zerstörten Altstadt von Küstrin, wo deutsche wie polnische Touristen den Platz aufsuchen, auf dem nach der missglückten Flucht des späteren Friedrich II. sein Freund Katte hingerichtet worden ist. Wiederaufgebaut und „frisch renoviert“ wurde vieles – wie Heidrich öfter anmerkt – mit reichlich fließenden EU-Geldern.

Schneidemühl „mit seiner verworrenen deutsch-polnischen Grenzgeschichte“ wird erreicht, dann folgen Bromberg, Kulm und Graudenz. Mit Marienwerder geht es ins Gebiet des Deutschen Ritterordens, „Teil einer unversiegbaren deutsch-polnischen Großerzählung, eines Mythos“. Heidrich schließt sich einer mehr als dreistündigen polnischsprachigen Führung durch die Marienburg an – „pure Schönheit, geistvolle Architektur“ –, die für ihn wohl überraschend den Orden gerecht würdigt. In Danzig werden die polnischen, preußischen und Danziger Wappen auf dem Hohen Tor erwähnt, und dann geht es über Elbing am Frischen Haff entlang ins Ermland/Warmia. Frauenburg, Dom und Kopernikus-Museum faszinieren.

Vor dem ausführlich beschriebenen Grenzübertritt in die Oblast Kaliningrad übernachtet Heidrich in einem Dachzimmerchen im eigentlich durch Geschäftsleute ausgebuchten Braunsberger Hotel „Warmia“. Kein Wort über die einstige Hauptstadt des Ermlandes und ihre kulturelle Bedeutung. Ja, er hat sich in Frauenburg beim Fischessen den Magen verdorben, vielleicht hat er deshalb kein Interesse an St. Katharina, obwohl er an den dortigen Pfarrer zwei Bücher über Königsberg zur Aufbewahrung geschickt hatte, die in seinen Wanderrucksack nicht gepasst hätten.

Heidrich bekommt seine Königsberger Stadtführer zurück: Jürgen Manthey: Königsberg – Geschichte einer Weltbürgerrepublik, und Gunnar Strunz: Königsberg, Kaliningrader Gebiet. Er besucht aber anscheinend nicht St. Katharina. Kein Wort zur Statue von Regina Prothmann und ebenfalls nichts über ihre Kongregationsgründung und das große Mutterkloster der international tätigen Schwestern. Den bereits in Gollwitz von einem Radler empfangenen Rat, in Braunsberg und Königsberg Unterkunft bei den Katharinenschwestern zu suchen, befolgt er nicht. Stattdessen berichtet der Autor über den Kauf einer Zeitung mit Fußballberichterstattung und den Besuch der „turbulenten Europa-Bar“ zum Verzehr einer vegetarischen Pizza. In Königsberg wird er später durch Autoschlangen darauf aufmerksam, dass die Russen nach Braunsberg zum Einkaufen fahren.

Zu Recht wird der große Friedhof für die rund 31 000 Sowjetsoldaten – von denen nur etwa 4000 identifiziert werden konnten – erwähnt, die im Kampf um Ostpreußen gefallen sind. Vorher hat Heidrich in Frauenburg den zweisprachigen Gedenkstein gesehen: „450 000 ostpreußische Flüchtlinge flohen über Haff und Nehrung, gejagt vom unerbittlichen Krieg. Viele ertranken, andere starben in Eis und Schnee. Ihr Opfer mahnt zu Verständigung und Frieden. Januar – Februar 1945.“ Der Text, meint Heidrich, ist „reichlich diplomatisch, fast schon komisch, wenn das Attribut an dieser Stelle nicht so deplatziert klingen würde“.

Dem „Weltbürger aus Königsberg“ ist die von Marion Gräfin Dönhoff besorgte Kopie des im Krieg verlorengegangenen Kant-Denkmals vor der Universität gewidmet. Es ist das Ziel von Heidrichs langer ereignisreicher Wanderung. Er sieht auf dem hohen Granitsockel einen „jugendlich wirkenden Kant im Gehrock, mit Dreispitz und Stock in der linken Hand. Der rechte Arm doziert ein wenig.“ „Der kritische Weg ist allein noch offen“ liest Heidrich am Schluss der „Kritik der reinen Vernunft“. An Kants Grab legt er eine gelbe Blume nieder.

Am Schluss des Buches gibt es eine Karte von dem Wanderweg. Mit drei Ausnahmen sind anders als im Text alle Orte nur polnisch bezeichnet. Nur auf dem Schutzumschlag gibt es Fotos, obwohl immer wieder vom Fotografieren die Rede ist. Es fehlen auch Zeitangaben, so dass nur aus dem Text geschlossen werden kann, dass es sich um den späten Juli bis zum Oktober 2014 handeln muss. Die endgültige Kilometerzahl würde den Leser auch interessieren.

Norbert Matern (KK)

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