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Ausgaben: Ausgabe 1394.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Klartext gegen das Raunen

Horst Samson und Anton Sterbling (Hrsg.): „Die Sprache, die auf das Nichts folgt, die kennen wir nicht“. Sätze und Texte für Richard Wagner. Pop Verlag, Ludwigsburg 2018; 317 Seiten, 23 Euro

Mit dem Satz : „In einer am Rande des Sprachraums gelegenen Region bist Du, lieber Richard, als Leader der Aktionsgruppe gestartet und inzwischen in der Mitte des literarischen Geschehens fest verankert“, gratulierte Albert Bohn im vergangenen Jahr dem Schriftsteller und streitbaren Publizisten Richard Wagner zu dessen 65. Geburtstag. Die Glückwünsche Dutzender Freunde und Bekannter, die zunächst in der vom Münchener Institut für Kultur und Geschichte Südosteuropas herausgegebenen Zeitschrift „Spiegelungen“ erschienen, finden sich in dem vom Pop Verlag Ludwigsburg veröffentlichten Buch „Die Sprache, die auf das Nichts folgt, die kennen wir nicht“ wieder. Der mit Grafiken und Malereien von Walter Andreas Kirchner, der wie Wagner aus dem rumänischen Banat stammt, reich illustrierte Band enthält darüber hinaus Texte von Wagner selbst und weiteren Autoren sowie kunsthistorische, literaturwissenschaftliche und essayistische Beiträge.

Die Anmerkung Bohns, der zu den Mitgliedern der 1972 gegründeten und nur wenige Jahre später vom rumänischen Geheimdienst Securitate zerschlagenen literarischen Gruppierung Aktionsgruppe Banat zählt, und die für viele Wegbegleiter und Leser Wagners evident ist, verdeutlicht der Literaturkritiker und Übersetzer Gerhardt Csejka: Rund 40 Titel zähle Wagners Werk bisher. Bereits vor seiner Ausreise 1987 mit seiner damaligen Frau Herta Müller hatte er mehrere Gedichtbände und Kurzprosa veröffentlicht. Seither aber erschienen in verschiedenen deutschen Verlagen, darunter Rotbuch, Luchterhand, Klett-Cotta, Aufbau oder Hoffmann und Campe, in rascher Abfolge zahlreiche Romane, von denen insbesondere „Habseligkeiten“ von der Kritik wie von den Lesern sehr gut aufgenommen wurde, Sachbücher zum zeitgeschichtlichen Geschehen, Bücher mit ebenso glänzenden wie pointierten Analysen über die Verfasstheit der deutschen Gesellschaft sowie Lyriksammlungen. Beeindruckend viele Bücher hat Wagner in den vergangenen Jahren der Parkinson-Krankheit abgerungen, darunter den gemeinsam mit Thea Dorn geschriebenen Bestseller „Die deutsche Seele“ und den essayistischen Streifzug durch die Donaumonarchie „Habsburg“, bei dem es neben ihren politischen und geistigen Auswirkungen, neben Joseph Roth oder Franz Kafka, auch um Temeswar und die Doboschtorte geht. Sogar seine Krankheit hat Wagner gewissermaßen in einem sublimen Racheakt zum Thema gemacht mit „Herr Parkinson“, einem luziden und bewegenden Buch.

Eine Ehrung dieses ebenso scharfsinnigen wie außergewöhnlich produktiven Autors, der in den vergangenen Jahrzehnten zudem oft mit Stellungnahmen und Gesprächen in der geschriebenen deutschen Presse sowie im Rundfunk vertreten war, bot sich an.

Die Herausgeber des Wagner gewidmeten Buchs, Horst Samson und Anton Sterbling, weisen in ihrer Einführung darauf hin, dass diese Sammlung eine Fortsetzung zweier im vergangenen Jahr von Wagner beziehungsweise in Zusammenarbeit mit ihm veröffentlichten Büchern sowie den oben genannten Gratulationen ist. Sie fügen hinzu, dass die Zeit für die einzelnen Beiträge knapp bemessen gewesen sei, da der Band zur jüngsten Buchmesse in Leipzig vorliegen sollte, bei der Rumänien Schwerpunktland war. Erwartungen, dass zusammen mit dem Autor auch sein vielfältiges bisheriges Werk gewürdigt wird, kann das Buch somit nicht erfüllen. Doch die literarischen Texte vermitteln zusammen mit den unterschiedlichen Ansätzen und Herangehensweisen der anderen Beiträge facettenreiche Einblicke in die Anfänge der Aktionsgruppe Banat, einer literarischen Gruppierung, wie es sie bis dahin weder im Banat noch in Siebenbürgen oder in der Bukowina gegeben hatte, und in eine Literatur, die ihren Platz im binnendeutschen Geschehen schon lange behauptet.

Eine willkommene Wiederentdeckung in diesem Sinn ist „die letzte banater story“ von Gerhard Ortinau, der „offene brief eines auf den mond verschlagenen“, der erstmals vor mehr als vier Jahrzehnten in Rumänien erschien. Persönlichkeiten der Geschichte und Kunst, Prinz Eugen von Savoyen, der Maler Stefan Jäger, der Romancier Adam Müller-Guttenbrunn, einiges von dem, was für Ortinaus Landsleute identitätsstiftend war oder als solches zu gelten hatte, werden auf die Schippe genommen. Der ironische Ton und die Selbstironie, von der die Aktionsgruppe selbst nicht ausgenommen wird, sind durchgehend, der „brief“ wirkt bis heute frisch und scheint im Hinblick darauf, dass Ortinau wenig später die Ausreise beantragte und somit nicht mehr veröffentlichen konnte, wie eine Prophezeiung oder ein Vermächtnis. Darüber hinaus war die deutliche Abgrenzung von den Reliquien der banat-schwäbischen Gemeinschaft für die gesamte Gruppe der damals sehr jungen Leute Programm. Dem Prosastück steht Anton Sterblings Fragment „Die serbische Katze, die nie nach Horka kam“ gegenüber. Jahrzehnte später schreibt er, der wie Ortinau Gründungsmitglied gewesen ist, die Satire quasi fort, nimmt noch einmal den Ton auf und hält ihn! Weil die Aktionsgruppe, so die Beschreibung, in der „Juchtenkäferrepublik“, in der seit Jahrhunderten eine grün-linke Regierung an der Macht ist, als gefährlich gilt, folgt die Deportation in eine Strafkolonie. Dort führt Herta Müller Gespräche mit Franz Kafka, Johann Lippet erweitert und vertieft seine Dorfchronik, Rolf Bossert übersetzt alles ins Banater Berglanddeutsch und William Totok arbeitet an Portraits ehemaliger Securitate-Offiziere, während Goethe erhaben Schlittschuh läuft.

Neben einer Auswahl von Gedichten Wagners enthält das Buch auch Lyrik von Ilse Hehn, Lippet, Traian Pop, Samson und Hellmut Seiler. Lippet ist dabei etwas Besonderes gelungen: Aus Gedichtüberschriften und Gedichtzeilen, die aus einer Reihe von Veröffentlichungen Wagners stammen und von denen einige noch in Rumänien erschienen sind, hat er einen Text montiert, der als Ganzes poetisch funktioniert und in seiner Eigenständigkeit überzeugt. Die Hommage an den Freund könnte origineller nicht sein. Sehr lesenswert ist auch ein autobiographisch gefärbter Essay des Publizisten und Übersetzers Georg Aescht. Ohne eine Analyse der Gemeinschaft der Deutschen Siebenbürgens und ihrer Mentalitätsmuster zu liefern, zeigt er auf, mit welchen Mitteln das kommunistische Regime die Menschen in die innere und schließlich auch in die faktische Emigration trieb. Aescht schreibt von der damals herrschenden Angst und dem Schweigen, das sich die Minderheit teilweise selbst verordnete. Dichter, wie Wagner einer sei, hätten dem Raunen schließlich Worte gegeben.

Während sich der Literaturwissenschaftler Peter Motzan mit neuen Modellen zur Beschreibung der deutschsprachigen Minderheitenliteraturen auf dem Gebiet Rumäniens befasst, wertet sein Kollege Stefan Sienerth einen Briefwechsel zwischen Wagner und einer jungen Frau aus, der in den Jahren 1969–1971 stattgefunden hat. Wagner ging zu jener Zeit noch ins Gymnasium, bevor er im Herbst 1971 das Germanistikstudium in Temeswar aufnahm.

Nicht etwa eine Liebesbeziehung macht den Gegenstand dieser Briefe zweier junger Menschen aus, die einander nie gesehen haben, sondern Leseerlebnisse, literarische Vorlieben und der Austausch eigener literarischer Versuche. Wagner berichtet, er habe Fjodor Dostojewski, Gustave Flaubert, Jean-Paul Sartre, Samuel Beckett und Ingeborg Bachmann gelesen, seine Briefpartnerin aus Arad empfiehlt ihm Günter Grass, Wolfgang Borchert und Peter Handke. Wobei nicht nur die Belesenheit der beiden erstaunlich ist, sondern auch hinzugefügt werden muss, dass man damals ohne die Hilfe kundiger Freunde und Verwandter aus Westeuropa kaum an Bücher zeitgenössischer Autoren aus jenem Teil der Welt kam. Beide hatten bereits in rumäniendeutschen Publikationen veröffentlicht und zeigen sich am Literaturbetrieb und seinen Akteuren sehr interessiert. Der Briefwechsel ging auch nach der Ausreise der jungen Frau eine Zeitlang weiter. Sienerth zitiert aus dem vermutlich letzten Brief Wagners, in der dieser auf die Frage, was in Sachen Dichtung in Rumänien los sei, schreibt: „wie immer nicht viel und doch ein wenig mehr. die verteidiger der tradition haben noch immer das zepter in der hand.“

Es sollte nicht lange so bleiben, denn bereits 1973 erschien Wagners erster Gedichtband mit dem programmatischen Titel „Klartext“, und niemand, der von Literatur etwas verstand, hatte Zweifel daran, dass sich damit ein vielversprechender Autor ankündigte. Selbst wenn es damals vom Rand bis zur vermuteten literarischen Mitte noch ein weiter Weg sein sollte.

Rudolf Herbert (KK)

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