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Ausgaben: Ausgabe 1340.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

„Ihr glaubt jeden Blödsinn“

Rolf Bauerdick: Zigeuner. Begegnungen mit einem ungeliebten Volk. Deutsche Verlags-Anstalt 2013, 350 Seiten, 22,99 Euro

Die Besprechung dieses Buches bedingt das Betreten hochproblematischer Tabuzonen, zumal bereits der Titel unkorrekt anmutet. Dennoch fällt die Rezension des Werkes von Rolf Bauerdick leicht, zumal der aus Westfalen stammende, 1957 geborene Bauerdick den Leser inhaltlich wie sprachlich zu fesseln weiß. Die 14 mit zahlreichen Reiseerlebnissen gespickten Kapitel erzählen überzeugend aus dem Erfahrungsschatz des mehrfach preisgekrönten Journalisten und Romanautors mit Zigeunern oder – um in der hierzulande üblichen Wortwahl zu bleiben – Sinti und Roma.

Für Bauerdick handelt es sich um Begegnungen mit einer ganz und gar fremden, im modernen Europa anachronistisch wirkenden Kultur, die eigentlich eine Summe vielfältigster kultureller Ausprägungen ist. Denn eines belegt diese mit viel Empathie geschriebene Neuerscheinung nachdrücklich: Von „den Zigeunern“ oder „den Sinti und Roma“ zu sprechen ist kaum angebracht, da sich die auf alte Stammesgliederungen und typische traditionelle Gewerbe zurückgehenden Gemeinschaften selbst nicht als ein großes Volk verstehen, verschiedene Sprachen sprechen und sich nicht selten massiv voneinander abgrenzen.  So gibt es die Lovari (Pferdehändler) in Ungarn, in Rumänien den Stamm der Kesselschmiede oder die Ursari genannten Nachfahren umherziehender Tanzbären-Halter, in Bulgarien die Lingurari-Familien (die seit altersher Holzlöffel und Stöpsel für Weinfässer schnitzen) oder die musizierenden Lautari. Die Eigenbezeichnungen differieren, wobei sich nicht wenige Gruppen selbst stolz als „Zigeuner“ bezeichnen.
Nicht von ungefähr zitiert Bauerdick einen rumänischen Priester mit den Worten:

„Die Abgrenzung der verschiedenen Zigeunerstämme untereinander ist oft größer als die Vorurteile und die Diskriminierung durch die Rumänen.“ Und er plädiert im achten Kapitel ausdrücklich für die Bezeichnung Zigeuner als „ehrenwerter Begriff“ und schreibt: „1990 bereits hatte ich ungarischstämmige Gabor-Sippen kennengelernt, die darauf bestanden, Tzigani zu sein. Mit bildungsbürgerlichem Dünkel hatte ich darin einen Mangel an ethnischem Selbstbewusstsein gesehen. Nur habe ich seitdem ungezählte Male erlebt, dass die Zigeuner in Südosteuropa mit dem deutschen Begriffspaar Sinti und Roma nicht anzufangen wussten. Und auch nicht wollten.“

Der Autor hat seit dem Umbruch von 1989/90 weit über hundert Reisen zu Zigeunern in zwölf europäischen Ländern unternommen und verarbeitet seine Eindrücke mit deutlicher Sympathie, aber eben auch – wo nötig – mit kritischem Blick, auch auf eigene naive Fehleinschätzungen von früher. Schon das Vorwort beinhaltet ein bezeichnendes Urteil über „Gadsche“-Journalisten (mit diesem Begriff, der Dummkopf, Bauer oder Feind bedeuten kann, bezeichnen die Zigeuner alle Nichtzigeuner): „Ihr glaubt jeden Blödsinn, den man euch erzählt.“

Groß ist Bauerdicks Unverständnis über den nicht nur in Deutschland tonangebenden „keimfreie(n) Diskurs über die ‚Sinti und Roma‘“. Dieser werde „heute weitgehend von Antiziganismusforschern bestimmt, die Jahre in Bibliotheken und am Schreibtisch verbringen, aber keinen einzigen Tag ihres Lebens mit den Zigeunern auf osteuropäischen Müllkippen teilen; die von Kongress zu Kongress reisen, doch albanische, bulgarische oder ukrainische Elendsviertel nicht einmal vom Hörensagen kennen; die ignorieren, dass rumänische Waisenheime von Roma-Kindern überquellen, weil deren Eltern in westeuropäischen Fußgängerzonen betteln; die nie ungarischen Romungros eine Kiste Bier spendieren, nachdem sie beim Armdrücken verloren haben; die nicht mit spanischen Gitanos Tage und Nächte durchfeiern, aber trotzdem meinen, auf akademischen Podien den Sinti und Roma ihre Stimme geben zu müssen, verbunden gewöhnlich mit der Belehrung, wie rassistisch und antiziganistisch die Dominanzgesellschaft ist.“

Der Leser findet Kapitel über liebenswerte Gastfreundschaft, urtümliche Herzlichkeit und Freiheitsliebe von Zigeunern ebenso wie solche über allerlei soziale Probleme bis hin zu bitterster Armut und Verzweiflung. Immer wieder stößt er auf den Topos des Aus-der-Zeit-gefallen-Seins – sprich: die Tatsache, dass die Anforderungen der modernen Zeit in Europa schier unüberwindliche Hürden bilden für eine gedeihliche Zukunft der Zigeunergemeinschaften im Rahmen ihrer Überlieferungen.

Darüber hinaus gibt es Passagen, die sie als apathische „Meister des Wartens“ darstellen oder sogar – wie im Fall der dahinvegetierenden, völlig unorganisierten und unsolidarischen Bewohner der Müllhalde der rumänischen Grenzstadt Großwardein (Oradea) – erschreckende sittliche Verrohung offenbaren. Zeitgeistige Richtigstellungen von aus unserer Sicht moralisch irritierenden Verhaltensweisen werden an vielen Stellen des Buches ganz ungeschminkt als das bezeichnet, was sie sind: ideologisch motivierte Desinformation. Und an vermeintlichen Fürsprechern wie Romani Rose und einschlägigen Kreisen des akademischen Establishments lässt Bauerdick kein gutes Haar. Desgleichen an in Deutschland gängigen „verbalen Albernheiten wie ‚Mobile ethnische Minderheiten‘ oder ‚Rotationseuropäer‘“.

Letztlich ist der Autor im Laufe seiner journalistischen Erkundungsreisen zu Erkenntnissen gelangt, die weit über die Thematik dieser Veröffentlichung hinausweisen. Bauerdicks Zorn über die Kartelle der political correctness ist hier offenkundig und mündet in ein ungewöhnliches Lob: „Den Zigeunern war ein politisches Schubladendenken fremd, wenn nicht suspekt. (…) Im Grunde interessieren die Roma unsere etablierten Rituale der Politik nicht. Wenn sie wie in Rumänien Hunderte von Parteien und Organisationen gründeten, war das eher ihrer Stammesmentalität geschuldet als programmatischen Abgrenzungen. Bei vielen Zigeunern in Osteuropa hatte ich ihre freie und unabhängige Art zu denken schätzen gelernt.“

Rolf Bauerdick hat ein ungemein lebendiges und hinsichtlich des politischen Gehalts wegweisendes Buch geschrieben. Für den Rezensenten, der in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten insbesondere in Rumänien und Ungarn wiederholt Blicke von außen auf das „ungeliebte Volk“ werfen konnte, stellt sich allerdings mehr denn je eine Frage: Wie kann der Verlust jahrhundertelang erprobter – aller wechselseitigen Ablehnung und Unwissenheit zum Trotz – symbiotischer wirtschaftlicher Beziehungen zwischen Mehrheitsvölkern einerseits und Zigeunergruppen andererseits trotz kippender demographischer Verhältnisse und schwerwiegender Massenumsiedlungen wie jener der Siebenbürger Sachsen ausgeglichen werden? Wie kann es ein dauerhaft friedliches Zusammenleben zwischen den zahlenmäßig explodierenden Roma und den „Gadsche“ geben? – Die Antwort darauf ist extrem schwer, kann aber sicherlich nicht in realitätsfernen ideologischen Projektionen liegen, die den eben auch zur vielfältigen europäischen Kulturlandschaft gehörenden facettenreichen Zigeunergemeinschaften in keiner Weise gerecht werden.

Martin Schmidt (KK)

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