Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1340.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Ex Silesia lux

Roswitha Schieb: Jeder zweite Berliner. Schlesische Spuren an der Spree. Mit zahlreichen Abbildungen, Kurzbiografien, detaillierten Registern und Karten. Potsdamer Bibliothek östliches Europa – Kulturreisen, Deutsches Kulturforum östliches Europa, Potsdam 2012, 384 Seiten, 19,80 Euro

Ein Spaziergang entlang der Berliner Spree. Am Brandenburger Tor beginnend, überqueren wir den Hauptstadtfluss und schlendern hinüber zum Deutschen Theater, dann über die Friedrichstraße und Unter den Linden bis hinunter zur Nationalgalerie. Die vorgeschlagene Route könnte von jedem x-beliebigen Touristenbüro stammen, die Geschichten, die Roswitha Schieb zu den aufgezählten Orten zu erzählen vermag, sind jedoch etwas ganz Besonderes. Denn jede Station hat einen in Schlesien wurzelnden Hintergrund. „Jeder zweite Berliner. Schlesische Spuren an der Spree“ heißt deshalb auch das Buch der Germanistin und Kulturhistorikerin, das vom Deutschen Kulturforum östliches Europa in Potsdam herausgegeben wurde.

Die Provinz Schlesien hat die Berliner Stadtgeschichte seit mehr als 200 Jahren beeinflusst und geprägt. Roswitha Schieb geht noch weiter und will anhand einer kunst-, literatur-, sozial- und industriegeschichtlichen Analyse den Ausspruch Helmut Börsch-Supans belegen, der in seiner „Künstlerwanderung“ angibt, dass Schlesien „die Kultur Berlins wie kaum eine andere bereichert hat“. Ihre Ausführungen über schlesische Baumeister, Künstler und Schriftsteller, die in Berlin gewirkt haben, veranschaulicht Schieb durch drei Spaziergänge entlang der Spree und will darüber hinaus auch einen „mentalitätsgeschichtlichen Beitrag zur Berliner Stadtgeschichte“ leisten.

Der erste Spaziergang, vom Brandenburger Tor zur Alten Nationalgalerie, stellt Prägung, Stil und Werk des schlesischen Baumeisters Carl Gotthart Langhans vor. Einen Aspekt seines Schaffens stellt die Entwicklung seines sakralen Architekturstils dar. Doch im Gegensatz zu den Bauten der Antike sind seine Werke den „Göttern Wissenschaft und Fortschritt“ gewidmet. Im weiteren Verlauf begegnet uns Gerhart Hauptmann, eine zentrale Figur der schlesisch-berlinerischen Geschichte. Wie kein anderer hat er den schlesischen Dialekt an das Deutsche Theater geholt, so zum Beispiel mit seinen Dramen „Der Biberpelz“ und „Die Weber“, die Schieb durch gut eingesetzte Zitate lebendig werden lässt. Am längsten verweilt die Autorin auf ihrem ersten Spaziergang bei Adolph Menzel, dem „vermutlich berühmtesten Schlesier in Berlin“, und führt den Leser zur Nationalgalerie und Menzels berühmtem Friedrich-Zyklus.

Im zweiten Spaziergang, von der St. Hedwigs-Kathedrale zum Alexanderplatz, stellt Schieb die Friedrich-Literatur in den Mittelpunkt. Am Beispiel von Willibald Alexis’ „Cabanis“ wird der literarische Niederschlag des preußischen Nationalhelden „von der frühen Verurteilung hin zur späteren heftigen Verehrung“ nachgezeichnet. „Schlesischen Spuren an der Spree“ kann auch direkt anhand der besuchten Bauten nachgegangen werden. Der schlesische Marmor im Stadtschloss Friedrichs des Großen erzählt ebenso eine Geschichte, wie das „fer de Berlin“, das Berliner Eisen, das den Leser in die oberschlesischen Gießereien zurückführt. Der wohl heiterste Abschnitt des Spaziergangs führt zu den Stätten der alten Komödienhäuser am Alexanderplatz, an die heute nur noch eine Figur des „Eckenstehers Nante“ erinnert. Schieb belegt mit vielen Zitaten, wie die schlesische Mundart in den typischen „Berlinismen“ ihren Niederschlag gefunden hat.

Der letzte Spaziergang beginnt am Schlesischen Bahnhof und führt durch das Schlesische Tor in den Berliner Westen hinaus. Die Autorin schildert hier die Verhältnisse am „Brennpunkt Schlesischer Bahnhof“ zur Zeit der Zuwandererwelle aus Schlesien um 1870. Im letzten Abschnitt widmet sich Schieb Künstlern und Literaten des 20. Jahrhunderts und findet mit dem Schlesischen Bahnhof, der für viele schlesische Expressionisten der Startblock in ihr neues Berliner Leben darstellte, wieder einen geographischen Ausgangspunkt.

Auf 345 Seiten stellt Roswitha Schieb dar, wie eng verwoben die schlesische Kunst-, Theater-, Industrie-, und Gesellschaftsgeschichte mit der Berliner Stadtlandschaft ist, und deckt dabei immer wieder verblüffende oder fast vergessene Verbindungen auf. Friedrich Schleiermacher, der Mitgründer der Humboldt-Universität, Helmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg, zwei bedeutende Mitglieder des Kreisauer Kreises, das Brandenburger Tor, der Berliner Bär – ja, sogar die gute Altberliner Posse: Alle stehen sie in irgendeiner Weise in Verbindung mit der benachbarten Kulturlandschaft Schlesien.

Verbindungen und Zusammenhänge knüpft die Autorin auch zwischen den einzelnen Themenbereichen und bettet somit die Darstellung in einen gesamtgeschichtlichen Zusammenhang ein. Das immer wieder auftauchende Motiv des „Weberelends“, Informationen über die gemeinsamen thematischen Vorlieben von Adolph Menzel und Willibald Alexis und die Geistesverwandtschaft zwischen Ludwig Meidner und Georg Heym sind Beispiele für die hilfreichen „Verknüpfungen“ zu einer Gesamtdarstellung Aufgrund eines ausführlichen Anhangs sind die verschiedenen schlesischen Zünfte und Akteure in Berlin trotzdem gut differenzierbar.

„Jeder zweite Berliner“ – „ist ein Schlesier“ möchte man anhängen und somit ein altes Berliner Sprichwort vervollständigen. Wer sich durch diese Assoziation eine historisch-soziologische und statistische Ausleuchtung erwartet, liegt jedoch falsch. Dafür ist das Buch für alle Interessenten, die Näheres über das Berliner Kulturgut mit schlesischen Wurzeln erfahren oder sich einen angenehm aufgemachten Überblick verschaffen wollen, ein Gewinn. Ihr Vorhaben, den reichhaltigen Beitrag Schlesiens zur Berliner Stadtgeschichte nachzuzeichnen, ohne das Material „in die Fläche hin auszubreiten“, setzt Schieb ohne Zweifel um. Mit der Gliederung in Spaziergänge gelingt es ihr, den Leser auf eine abwechslungsreiche „Spurensuche“ mitzunehmen. Das Buch lebt von den exzellent ausgewählten Literaturbeispielen und von der ebenfalls großzügig verwendeten Bebilderungen zur Veranschaulichung von Malerei, Skulpturen und Bauten. Ausführungen über schlesisch-berlinerische Persönlichkeiten, Architekten, bildende Künstler oder Literaten unter Einbeziehung der Kritiker, ergeben ein attraktives Informationspaket und locken Interessenten auf den einen oder anderen zusätzlichen Quellenpfad. Wer kein spezifisches Themenfeld fokussiert und sich zunächst nicht umfassend und vertieft informieren will, hat die Möglichkeit, sich auf nur einen der drei Spaziergänge einzulassen. Roswitha Schieb hat ein facettenreiches Themengebiet sorgsam und durchdacht aufbereitet und präsentiert mit „Jeder zweite Berliner. Schlesische Spuren an der Spree“ ein Buch, das aufgrund seiner verschiedenen Zugänge, die es den Interessenten bietet, eine breite Leserschaft ansprechen und informieren kann.

Anna Valeska Strugalla (KK)

«

»