Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1396.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Hoher Mut

Richard Wagner/Christina Rossi: Poetologik. Der Schriftsteller Richard Wagner im Gespräch. Wieser Verlag, Klagenfurt 2017, 184 S.

Wir haben es gerne einfach und benennen Wirbelstürme mit Personennamen und fragwürdige bis gewalttätige, jedenfalls unerhörte Begebenheiten bis hin zu katastrophalen Ereignissen mit den Namen von Städten, ob Gladbeck oder Chemnitz. Irgendwie muss sie ja zu greifen sein, diese verstörende Welt, und der Hilf- und Ratlosigkeit ihr gegenüber kommt man am ehesten mit scheinbar griffigen, jedenfalls kurzen und eingängigen Formeln bei. Ist der Rücken des Aktenordners säuberlich beschriftet, kann man die Akte schließen.

Ein Mittel gegen diesen Selbstbetrug weiß der Dichter Richard Wagner, zumindest hat er eine Ahnung davon, aber es ist nur um den Preis, ja im Vorgang des Sterbens zu haben: „Ich stelle mir das Ganze als eine Situation der Unaufgeregtheit vor. Wo ich die Aufgeregtheit, die auf dem Planeten herrscht, überwunden habe und dann wahrnehme, wie ich langsam eingehe in das große Sprachlose, das mich dann umgibt.“ Ein Schriftsteller, dem „das große Sprachlose“ als Versprechen erscheint, das ist der gelebte Widerspruch.

Allerdings ist das, was der schwer Erkrankte – sein Buch darüber heißt „Herr Parkinson“ – noch kann, kaum mehr Leben zu nennen: „Ich bin im Grunde ein an seinem Ego amputierter Mensch – ich kann nicht tun und lassen, was ich will, sondern ich muss tun und lassen, was mir möglich ist.“ Das war schon in Rumänien von Amts wegen so, jetzt aber ist die Ohnmacht abgründig. Umso eindrucksvoller ist die Schärfe seines Denkens und seiner Formulierungen. Die Bitterkeit wird erträglich in dieser sachlichen Sprechweise, die sich Metaphorik kaum noch leistet, die Welt ist nicht minder verstörend, aber so wird sie begreiflich.

Wagners Verlagslektor hat sich von seiner „hochmütigen Art des Weglassens“ beeindruckt gezeigt, dabei sollte man aus dem Beiwort nicht Hochmut herauslesen, sondern hohen Mut, beim Weglassen und beim Aussprechen. Die strenge Ökonomie, die ohne jede Rhetorik auskommt, ist ein Gebot der Vernunft. Diese aber hat bei Wagner seit seinen Anfängen im kommunistischen Rumänien und erst recht in den Jahrzehnten nach der Ausreise (1987) in Deutschland stetig an kritischer Schärfe gewonnen, dergestalt, dass er sich mit einigem Recht aus der eigenen Berufsgruppe hierzulande ausnimmt, deren Produktion ihn nicht mehr interessiert: „Ich habe mit diesen Autoren nichts zu tun. (…) Und es verlangt heute auch niemand mehr, dass die Schriftsteller Deutsch können, um es mal ganz einfach zu sagen.“ Man hört durch, dass er nicht allein die Schriftsteller meint, der Esel ist viel größer als der Sack, auf den er da einschlägt.

Beim Gespräch mit der Germanistin Christina Rossi geht einem auf, dass er, der ja Poet nicht mehr recht sein mag, sich herausnehmen darf, den weidlich paradoxen Begriff „Poetologik“ zu prägen. Voraussetzung ist – logischerweise – Unnachgiebigkeit im Nachdenken, auch, ja zuvorderst gegen sich selbst. Und wenn man „es“ recht bedenkt, dann schwindet die Relevanz alles Poetischen, zumindest dessen, was gegenwärtig als solches gilt. Dann gelangt man mit Fragen hinter die Formeln, mit denen der moderne Kulturbetrieb seine Existenzberechtigung zu stützen versucht, und sieht dort hinten, wie leer sie sind – und dass sie durch die Wiederholung im Feuilleton nicht voller werden: „Paul Celans Satz von der Landschaft, in der Menschen und Bücher lebten, hat unverkennbar ein Nachleben als Kitsch.“

Bei allem gerechten Zorn über bedenkenloses Wortgeklingel ist diese Leere bisweilen nach gerade lustig, zumal wenn sie der eigenen Schicksalsgemeinschaft Deutschschreibender aus Rumänien widerfährt: „Da schrieb Sigrid Löffler einmal einen Artikel in der ZEIT mit dem Titel: ‚Willkommen in der Weltliteratur‘. Da frage ich mich zwei Dinge: Was ist die Weltliteratur? – erstens – und zweitens: Wer ist Sigrid Löffler, was ist sie dort in der sogenannten Weltliteratur, wenn sie sagt ‚willkommen‘ – ist sie der Türsteher? Das ist schon interessant.“ Richard Wagner nimmt damit vorweg, dass schon ein Wort wie „Willkommenskultur“ in seiner gebetsmühlenhaften Inständigkeit zwingend zur Karikatur seiner selbst wird.

Begriffsgymnastik bis hin zu grotesken Verzerrungen sind das Fitnessprogramm der modernen Öffentlichkeit: „Ich bin der Ansicht, dass es einen Kosmopolitismus gibt – ein Kosmopolit ist ein souveräner Mensch, der sich in den Kulturen auskennt und mehrere Sprachen spricht –, aber keinen Multikulturalismus geben kann.“ So viel zur Leitkultur. Vielleicht nur noch: „Ein guter Deutscher legt Wert darauf, nicht zu wissen, was deutsch ist.“

Die Verlotterung greift aus der Sprache ins Denken und blendet oder vernebelt es, so dass es Wagnerschen Selbstbewusstseins und eben hohen Mutes bedarf, Worte in ihrer ursprünglichen Bedeutung zu verwenden: „Ich habe deutsch-national gedacht, und das hatte nichts mit Extremismus zu tun, das war ganz selbstverständlich. Das, was man heute darunter versteht, ist das Spezifikum der Verdrehungen, die nach dem Nationalsozialismus gekommen sind.“ Eine, auch diese, Rezension ist müßig, denn dieses Buch zu besprechen erübrigt sich, schon die paar Zitate hier sprechen für sich und eine klare Sprache ebenso wie Wagner, wenn er – über Werke anderer, ganz anderer Kollegen (Johannes Bobrowski, Uwe Johnson, Joseph Roth, Arno Schmidt …) – sagt: „Ich lese im Übrigen keine Bücher, sondern in Büchern. … Meistens macht das übrigens die guten Bücher aus – dass man ansetzen kann, wo man möchte, und immer an der richtigen Stelle ist.“ Das könnte er mit gleichem Recht über die seinen sagen, diese „Poetologik“ allen voran.

Man folgt bereitwillig dem poetischen wie logischen, illusionslosen wie klaren Denken und Sprechen eines kranken Menschen, und es ist – die Vermessenheit gestatte man sich – eine intellektuelle Lust zu beobachten, wie er ganz ohne Hoffnung auskommt. „Jede Literatur, die sich ernst nimmt, muss sich selbst in Frage gestellt sehen. Es ist alles ein Dorf, ein Fragment. Und das reicht ja auch.“ Wer hier dennoch wider besseres Wissen Trost sucht, geht gleichwohl nicht ganz leer aus: „Ich bekam vor einigen Jahren ein Kreuz geschenkt, als ich an Krebs erkrankt war, das ich mir nach meiner Rückkehr aus dem Krankenhaus in meiner Wohnung aufgehängt habe. Es hängt dort sozusagen kommentarlos. Aber es hängt dort.“

Das ist so lapidar und zugleich treffsicher, so beiläufig und zugleich kategorisch, dass man gar nicht auf den Gedanken kommt, es mit dem bayrischen Wahlkampf in Verbindung zu bringen. Bei Richard Wagner kommt man auf viele Gedanken, auf viele aber auch gerade nicht, weil die seinen Stoff genug sind.

Georg Aescht (KK)

«

»