Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1397.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Vertrieben, doch nicht aus der Kultur

Marco Bogade/Elisabeth Fendl (Hrsg.): Kultur und Lebensweise der Deutschen aus Ostmitteleuropa – Kontinuitäten und Brüche vor und nach 1945. Böhlau Verlag, Köln 2018,280 S., 35 Euro

Als Jubiläumsband 50 der „Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte der Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa“ legen die Kunsthistoriker Marco Bogade und Elisabeth Fendl vom Institut für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa in Freiburg zehn Beiträge vor, die auf einer international besetzten Tagung in Tübingen 2015 basieren. Erfreulich die vielen Fotos zu den Artikeln über Kirchenbauten und Glasfenster mit ostdeutschen Heiligen. Gedruckt wurde das Buch mit finanzieller Unterstützung des Verbandes der Diözesen Deutschlands.

Professor Rainer Bendel (Tübingen) verweist auf theologische und pastorale Deutungen der Vertreibungssituation. Es geht um Brückenbau zwischen Menschen und Völkern, Vertriebenen und Vertreibern, eine „heilsame Erschütterung“, die in die Zukunft führt. Bendel zitiert aus einer Predigt Sebastian Kallers vom 10. Juni 1945: „Ein Gift wird ja nicht durch Worte überwunden, sondern nur durch neue Lebenskraft.“

Cornelia Eisler (Oldenburg) geht es um die Rolle kirchlicher Verbände bei der Rettung des Kulturguts. So gingen von der Münchner Hilfsstelle Impulse zur Gründung der knapp sechshundert Heimatmuseen in der Bundesrepublik aus. Eine vergleichsweise umfangreiche Sammlung befindet sich im Ermlandhaus des Historischen Vereins für Ermland. Die Bestände enthalten das Vereinsarchiv des Historischen Vereins Ermland, eine Personalkartei und die Heimatortskarteien.

Wie ostdeutsche Heiligenverehrung in den Westen mitgebracht wurde, belegen Stefan Samerski (Berlin) und Marco Bogade am Beispiel der heiligen Dorothea von Montau, der neunfachen Mutter und späteren Klausnerin am Dom von Marienwerder unter geistlicher Führung eines Deutschordenstheologen. Ein weiteres Beispiel: Die mit ausdrücklicher Genehmigung von Friedrich dem Großen in Berlin erbaute Hedwigskirche blieb lange das fast alleinige nach dieser Persönlichkeit benannte Gotteshaus. Vor allem die Schlesier waren es, die Hedwig als Brückenbauerin zwischen Deutschen und Polen anriefen und Urheber der vielen aus der Raumnot geborenen neuen Hedwigskirchen im Deutschland der Nachkriegszeit wurden. Ein Verzeichnis der Bauten in den einzelnen deutschen Diözesen bietet einen imponierenden Überblick.

Folgten die Bischöfe den Wünschen der Heimatvertriebenen, verhielten sie sich bis heute ganz anders bei der Pflege des ostdeutschen kirchlichen Liedguts. Michael Hirschfeld (Vechta) beweist an vier ausgewählten Bistümern, wie durch die Bischöfe vor allem schlesische Kirchenlieder abgelehnt und nur für die Sonderseelsorge zugelassen wurden. Das Bistum Hildesheim mit einem Anteil von 60 Prozent heimatvertriebenen Katholiken und acht Hedwigskirchen berücksichtigte das ostdeutsche Liedgut in seinem 1948 aufgelegten Gesangbuch „Canta Bona“ so gut wie überhaupt nicht.

Weitere Buchbeiträge widmen sich der Regnitzau-Siedlung in Hirschaid, den Künstlern Otto Herbert Hajek, deutschbaltischen Komponisten, der Orgelbaufirma Berschdorf aus Neisse sowie den Themen Heimatverlust und Mystik in den Werken Erich Schicklings.

Viele Fußnoten, Autorenverzeichnis sowie Orts- und Personenregister runden das Buch ab.

Norbert Matern (KK)

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