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Ausgaben: Ausgabe 1397.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Der Dichter und das Kasperle

Hans Pleschinski: Wiesenstein. Roman. Verlag C. H. Beck, München 2018, 548 Seiten

„Das ist so spannend, spannender als jeder Krimi!“ Das ist meine Antwort, wenn mich jemand in der Bahn oder in der Arztpraxis fragt, was für ein dickes Buch ich da lese.

Die letzten Lebensmonate des Dichters Gerhart Hauptmann vom März 1945 bis zu seinem Tod am 6. Juni 1946 werden geschildert. In seiner Villa „Haus Wiesenstein“ bei Agnetendorf im Riesengebirge verbringt er seinen Lebensabend, zusammen mit seiner zweiten Frau Margarete und einem privaten Hofstaat, zu dem die Köchin, der Hausdiener, der Gärtner, die Zofe, die Krankenschwester und vor allem der livrierte Diener/Butler Pietsch gehören. Der Leser wird in das Inferno der Jahre 1945/46 und zugleich in eine feudale Welt – eben in die Villa – geführt. Er findet sich wieder in Rübezahls Zauberreich und zugleich in den Schrecknissen des 20. Jahrhundert.

Sieben Aspekte sollen hier beleuchtet werden, die die Lektüre des Romans zu einem Gewinn machen. Der Leser bekommt, aufgrund präziser Recherche und eingefügter Dokumente, eine lehrreiche Geschichtsstunde und ein unterhaltsames Epochenbild. Er kann sich einen Überblick über Hauptmanns Werk verschaffen, wobei auch jemand, der sich für einen Hauptmann-Kenner hält, zugeben muss, dass er noch manches von dem Werk des Nobelpreisträgers lesen sollte. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit Hauptmanns politischem Netzwerk, seiner Rolle im Dritten Reich und bei den Siegermächten ist zudem eine wichtige und für viele Leser sicherlich neue Erfahrung. Begegnungen mit zeitgenössischen Autoren und Künstlern finden statt, ein Erlebnis für Literaturwissenschaftler. Der Leser kann einen tiefen Blick in Hauptmanns Persönlichkeit tun, eine widersprüchliche, geniale Persönlichkeit, von Leidenschaften, Empathie und dem Wissen geprägt, dass der Mensch dem letztlich Unerklärbaren gegenübersteht.

Und immer wieder findet sich der Leser in der Welt des Feudalen, des Luxus, wobei sich der Gegensatz zu dem katastrophalen Mangel weiter zuspitzt. Das wird gleich zu Beginn auf der Reise des kranken Dichters („ein Halbtoter“) von Dresden nach Agnetendorf am 20. März 1945 deutlich. Das Ehepaar Hauptmann hat die Zerstörung Dresdens bei einem Aufenthalt im Sanatorium Dr. Weidner miterlebt und reist nun mit der Sekretärin Annie Pollak und dem Masseur Paul Metzkow nach Schlesien zurück. Auf dem Bahnhof geraten sie in das Gewühl von Hamsterfahrern und Flüchtlingen. „Von Erster Klasse konnte keine Rede sein.“ Einen Speisewagen gibt es auch nicht. „Rank und elegant im Nerz“ steht Frau Dr. Hauptmann neben ihrem Gatten, während irgendwo eine Frau mit Kraftausdrücken schimpft, „der jemand mit Holzsohle auf den Fuß getreten war“.

Durchgehend ist der Roman von meisterhafter Erzähltechnik geprägt. Ellipsen fangen die Schrecken und Greueltaten des Krieges ein. „Reste einer Kinderkarre in einem umgepflügten Baum.“ „Dazu die immer deutlicheren Gerüchte … über Zehntausende … von Ermordeten …“ In erlebter Rede setzt sich Margarete Hauptmann mit der Kriegsschuld auseinander. „Das konnte nicht sein, empfand sie. Unausdenklich.“ Ebenso sinniert Paul Metzkow, als er in Bad Warmbrunn „vier gelynchte Menschen an Parkbäumen“ sieht: „Wie sollte es ein Pardon der Bedrängten geben, die nun vorrückten? Warum war er nicht Generationen früher, eine Generation später geboren?“

Ein auktorialer Erzähler schildert die Rezitationsabende im Hause Hauptmann. Jenseits aller ideologischen „Maßstäbe“ werden Heinrich Heine, Maxim Gorki, Dostojewskij vorgetragen, bei reichlichem Alkoholgenuss. Den bemerkenswerten Lebenslauf des Dichters erzählt die Sekretärin Pollak dem Masseur Metzkow. Dieser ist eine etwas undurchsichtige Figur, aufgetaucht in Dresden, angeblich Krankenpfleger im Lazarett. Es gelingt ihm, den todkranken Dichter zu stabilisieren und damit seinem Gefolge das Überleben und den Deutschen im Umkreis des Prominenten einen vorläufigen Aufenthalt in dem eroberten Schlesien zu sichern.

Mit Metzkow wandert der Leser durch Haus Wiesenstein. Der Masseur lernt staunend die Räume kennen, das Biedermeierzimmer, die Bibliothek, das Musikzimmer, den Musiksaal, die „Arche“, so nennt man das Speisezimmer. Besonders die „Paradieshalle“ begeistert die Betrachter. „Wände mit himmlischen Szenen“, „die Decke ein blaues Firmament“, „gotische Madonnen“ und „asiatische Kriegerfiguren“ und besonders der „Wagenlenker von Delphi“ am Treppenaufgang.

Der Leser empfängt zusammen mit dem Ehepaar Hauptmann Besuch. Es kommen im Frühjahr 1945 Ministerialrat Zeller aus Hirschberg und Dr. Schulz von der Außenstelle des Propagandaamts Breslau, die mit schärfer werdendem Ton Hauptmanns Stellungnahme zur Zerstörung Dresdens fordern. Der Dichter kann sie zufriedenstellen, der Diener Pietsch in Livree ist konsterniert über die Manieren der Besucher. Sie treten einfach in Hauptmanns Arbeitszimmer, ohne sich von ihm melden zu lassen! Dabei war auch Hans Frank in Wiesenstein bewirtet worden, und Gauleiter Hanke hatte ein paar Kisten Wein geschickt.

Monate später ist ein Oberst der Roten Armee, Wassilij Sokolow, häufiger zu Gast, ein Hauptmann-Verehrer mit guten Deutschkenntnissen, und auf Schloss Wiesenstein findet ein letztes „Gastmahl“ statt mit Gesprächen über Literatur und Kunst, Rezitationen und gutem Essen und Trinken.

Ein Reporter schildert ausführlich die Abschiebung der deutschen Bevölkerung und die Ansiedlung der „repatriierten“ Polen, Rechtlosigkeit und elende Versorgung, Zerstörung und Zusammenbruch des reichen Kulturlandes Schlesien. Margarete Hauptmann vermerkt in ihrem Tagebuch sorgfältig den Gesundheitszustand des Dichters. Dieser darf in seiner Heimat sterben, aber dann muss auch er sie verlassen.

Eines Nachts führt er eine Unterhaltung mit seinem „letzten Gefährten“. Das ist eine barocke Kasperle-Figur aus Italien, die „in Hauptmanns Händen“ Märchen erzählt und Theater spielt. Nun belauschen der Diener Pietsch und der Leser die Abrechnung des hölzernen Narren mit dem Dichter. Dieser verteidigt sich, die „Höllengespanne“ hätten ihn mitgeschleift, aber Kasperle sagt: „Ruhe und Behagen wolltest du … Ruhe, Herr Nobelpreisträger, wird Verbrechen.“ Pietsch hat sich bereits zurückgezogen, aber der Leser beobachtet weiter und hört die hilfreichen Worte des „ausgewachsenen Zweihundertjährigen“: „Lernt die Sprache neu. Denn vollgesaugt ist sie mit Gift.“ Und schließlich tröstet er den „Moribunden“: „Schlesien ist eine Welt. Und wo die Welt ist, kann auch Schlesien sein.“

Bärbel Beutner (KK)

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