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Ausgaben: Ausgabe 1399.

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Transnationale Klänge

Usedomer Musikfestival

Baltic Sea Philharmonic beim Eröffnugskonzert des 25. Usedomer Musikfestivals
Bild: der Autor

„Podium der Ostsee” nennt sich das Usedomer Musikfestival. Drei Wochen lang steht hier jedes Jahr ein Ostseeland exklusiv im Mittelpunkt. Auf der deutsch-polnischen Insel kommen dieses Jahr alle zehn Länder und Kulturen rund um die Ostsee zusammen. Die Hälfte davon, darunter Polen, feiert dieses Jahr 100 Jahre Unabhängigkeit. Es begegnen sich polnische Klaviermusik, schwedischer Jazz und russische Kammermusik, estnische Choräle und dänische Kantaten, norwegische Lieder und litauische Tänze, deutsche Sinfonik, lettische Naturklangbilder und finnische Tangos.

Mit niemand geringerem als Wojciech Kilar und seinem Stück „Orawa“ eröffnete das Baltic Sea Philharmonic das 25. Musikfestival. Kilar war vor allem als Autor zahlreicher Kompositionen von Filmmusik bekannt, u. a. für Francis Ford Coppolas „Dracula“ oder für Andrzej Wajdas „Das gelobte Land“. Er begann in den 70er Jahren, Anregungen des amerikanischen Minimalismus mit Folklore der polnischen Bergregion zu verbinden. „Orawa“ sei „die einzige Partitur“, in der er selbst „keine Note ändern würde“, obwohl er sie oft studiert habe. „Orawa“ sei für ihn „der beste Kilar“, wie er einmal dem Polnischen Musik-Verlag sagte.

Der Titel dieses Werkes, das den Höhepunkt von Kilars „Tatra“-Serie darstellt, ruft eine ganze Reihe von Assoziationen hervor. Sie beschwören nicht nur die geografische Region an der polnisch-slowakischen Grenze, sondern beziehen sich auch auf den Fluss, der durch diese Region fließt. Der Verlauf der Orawa, zu Deutsch Arwa, enthüllt immer mehr schöne Landschaften. Der Titel der Komposition ist auch mit dem Namen einer nach der Beweidung gemähten Bergwiese verbunden, auf der die Schäfer am Ende der Hirtensaison einen Goralentanz zu tanzen pflegten. Dem Dirigenten Kristjan Järvi erscheinen Kilar und sein „Orawa“ aus vielen Gründen fantastisch: „Es ist gleichzeitig einfach und kraftvoll. Irgendwie ist es auch archaisch, weil es minimalistisch und wiederholungsreich ist. Es ist voller Folklore. Eigentlich ist es eine Tanzmusik.“

Vor hundert Jahren erstand Polen als unabhängiger Staat wieder, nachdem es 123 Jahre lang von der Landkarte Europas verschwunden war. Litauen, im Mittelalter ein mächtiges Großfürstentum, kehrte nach der Teilung zwischen Preußen und Russland ebenfalls als eigenständiger Staat zurück. Lettland und Estland erklärten zum ersten Mal in ihrer Geschichte ihre Unabhängigkeit. Finnland hatte es kurz zuvor getan. In Europa herrschte Aufbruchsstimmung. Dennoch: „Wer die Geschichte kennt, weiß auch, dass keines der fünf Länder seine Unabhängigkeit frei entwickeln durfte“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Festivaleröffnung: „Denn der Völkergemeinschaft war es damals nach dem Ersten Weltkrieg nicht gelungen, die Grundlagen für eine dauerhafte Friedensordnung zu schaffen. Im Gegenteil, es sollten der von Deutschland begangene Zivilisationsbruch der Shoah und der von Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg folgen. Unser Gedenken an diese Schrecken und das Erlangen der staatlichen Unabhängigkeit kann und darf daher nicht sich selbst genügen. Damit verbunden ist eben auch die Verpflichtung, dass wir uns immer wieder für unsere Friedensordnung, für Zusammenhalt und für Verständigung starkmachen müssen“, so Merkel weiter.

Im Unabhängigkeits-Jubiläumsjahr feiern das Usedomer Musikfestival sein 25. und das Baltic Sea Philharmonic sein zehntes Jubiläum. Sein Programm „Nordic Pulse“ hat für den Dirigenten Kristjan Järvi eine besondere Bedeutung: „All diese fünf Nationen haben ihre Kulturen und ihre Lebensstile sowie ihre Sprachen selbst bestimmt. Und das Orchester spiegelt diesen besonderen Geist wider. ‚Nordic Pulse‘ gibt Impulse für eine neue Ära. Vor 25 Jahren entstand das besondere Gefühl von Einheit und Eigenständigkeit zugleich. Das war eine Revolution, zu der auch Musik und Gesang beigetragen haben. Die Frage ist, was wir aus der Vergangenheit machen. In der Vergangenheit zu leben hilft niemandem. Man sollte den Moment leben und etwas Schönes, Sinnvolles und Hilfreiches schaffen.“

Um diese Freiheit, Eigenständigkeit, aber auch Gemeinsamkeit des Orchesters zu demonstrieren, ließ Järvi sein Baltic Sea Philharmonic den „Sturm“ des finnischen Komponisten Jean Sibelius ohne Noten spielen. Die meisten Musiker standen dann um den Dirigenten herum und konnten sich zu den Rhythmen der Musik bewegen, ja sie rotierten sogar auf der Bühne. Sibelius schrieb sein Stück als Schauspielmusik zu Shakespeares Drama. Shakespeares Stück spielt auf einer Insel, wo Magie, Machtintrigen und eine große Liebe aufeinandertreffen. Starke Bilder, eingängige Melodien, intensive Stimmungen kennzeichnen die Komposition.

Der Name der Insel Usedom soll auf ein altslawisches Wort zurückgehen, das so viel bedeutet wie „das Umflossene“. Sie verschließt gemeinsam mit ihrer östlichen Nachbarinsel Wollin die Mündung der Oder in die Ostsee. Das Land hier ist wahrscheinlich schon seit gut zehntausend Jahren besiedelt. Doch seine Geschichte ist wechselvoll: Slawen in der Vorgeschichte, Dänen im Hochmittelalter, die Pommern seit mindestens dem zehnten Jahrhundert, seit dem Dreißigjährigen Krieg für ein paar Jahrzehnte die Schweden, danach die Preußen. Seit 1945 ist die Insel zwischen Polen und Deutschland zweigeteilt. Wie werden die musikalischen Akzente dieser Länder im Usedomer Musikfestival geteilt? – Der Intendant Thomas Hummel: „Wir haben ja immer auch polnische Komponisten, die wir hier aufführen. Wir sind auch immer auf der polnischen Seite der Insel. Und meistens laden wir da auch polnische Musiker ein, weil die Polen sehr stolz auf ihre Kultur sind. Das ist eine große Freundschaft zwischen Swinouscie und eben dem deutschen Teil. Es kommen auch sehr viele Polen zu unseren Konzerten rüber und eben auch die Deutschen dann auf die andere Seite. Ich glaube, so sollte es auch sein, dass man dann einen Austausch entwickeln kann, einen natürlichen Austausch, dieses Jahr auch nach Wollin, der Nachbarinsel, die wir mit der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach besuchen. Ich denke, das sind schöne, große Momente, die wir zusammen feiern; gerade in diesem Jahr, wo die Unabhängigkeit oder die Neugründung des Staates Polen vor hundert Jahren geschah. Wir starten mit Paderewski.“

Das Stück „Au soir“, zu Deutsch „Am Abend“, von Ignacy Jan Paderewski, dem polnischen Staatsmann und Komponisten, wurde zum Beispiel gleich am zweiten Festivaltag im Rahmen des Ostsee-Salons in der Villa Irmgard gespielt. Dort lebte einst der proletarische russische Dichter Maxim Gorki. Heute hat hier der Förderverein Usedomer Musikfreunde seinen Sitz. Menschen, die sich Usedom verbunden fühlen, taten sich mit Hoteliers und Geschäftsleuten zusammen, um ein jährlich klassisches Musikfestival auf Usedom zu initiieren. Darunter war Dr. Werner Molik, Geschäftsführer des Strandhotels Heringsdorf. Er holte sich Unterstützung von Musikern und Gleichgesinnten.

In den frühen 90er Jahren in der nordöstlichen Ecke der wiedervereinten Bundesrepublik ein solches Festival zu organisieren war alles andere als einfach. Heute ist das Usedomer Musikfestival mit seiner Ausrichtung auf den Ostseeraum einzigartig. Der Ururenkel des letzten deutschen Kaisers, Georg Friedrich Prinz von Preußen, ist Ehrenpräsident des Fördervereins. Er selbst musiziert nicht, wie es einige seiner königlichen Vorfahren getan haben. Wie ist dann seine Verbindung zu Musik? Sein Großvater Louis Ferdinand sei ein Liebhaber romantischer Musik gewesen, habe selber komponiert, für sein Leben gerne gespielt und auch mit ihm regelmäßig geübt: „Ich habe auch sehr lange Klavierunterricht gehabt“, so Georg Friedrich, „aber ich bin da, offen und ehrlich gesagt, kein Ausnahmetalent. Hoffentlich trifft die Begabung die nächste Generation dann wieder. Aber was ich mitgenommen habe, ist meine Begeisterung für die Musik und eben auch die Erkenntnis, was Musik bewirken kann.“ Wenn alles nichts mehr nütze, die Politik versage, dann habe die Musik das Potenzial, uns zusammenzubringen und zu verbinden, meint der Prinz.

800 Musiker aus zehn Nationen des Ostseeraumes und darüber hinaus bespielen dieses Jahr rund vierzig Orte der Insel auf beiden Seiten der deutsch-polnischen Grenze. Es kommen noch weitere für diverse Schulprojekte, Workshops und verschiedene Kooperationen hinzu. Wie zum Beispiel die Young Concert Artists, eine Non-Profit-Organisation mit Sitz in New York, die sich der Entdeckung und Förderung talentierter junger klassischer Musiker aus der ganzen Welt widmet. Die diesjährige Gewinnerin in der Akkordeon-Klasse, Hanzi Wang, spielte das Stück „De Profundis“ der von biblischen Psalmen inspirierten Komponistin Sofia Gubajdulina.
Usedom und Wollin standen in diesem Frühherbst ganz im Zeichen großer Musikstars, aber auch begeisterter Beginner.

Arkadiusz Łuba (KK)

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