Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1399.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Weltflucht oder neue Horizonte?

Neue rumänische Literatur auf deutsch:

Lavinia Braniste: Null Komma irgendwas. Mikrotext, Berlin 2018, 281 Seiten

Liliana Corobca: Der erste Horizont meines Lebens. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2015, 191 Seiten

Filip Florian: Alle Eulen. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2016, 213 Seiten

Im Nachklapp zur Leipziger Buchmesse im Frühjahr – Gastland war Rumänien – hatte das Literaturbüro Detmold im Herbst zu einem Wochenende mit rumänischer Literatur eingeladen. Stargast war zum Auftakt die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, gebürtig aus dem Banat. Im Gespräch mit dem Dichter Ernest Wichner, ehemals Leiter des Literaturhauses Berlin, gelang es ihr, den abwesende Oskar Pastior, Prototyp der Hauptgestalt ihres Romans „Atemschaukel“, so lebendig werden zu lassen, wie ihn der Rezensent des Öfteren in Bielefeld beim Colloquium Neue Poesie erlebt hat.

Hauptteil aber war die Lesung zweier Autorinnen und eines Autors der jüngeren Generation Rumäniens, die einen ganz spezifischen Blick auf ihre Heimat pflegen. In der Einleitung zum Flyer, mit dem eingeladen wurde, verweist Ernest Wichner darauf, dass der rumänische Schriftstellerverband eine korrupte Vereinigung ist, die sich vor allem um ihre Pfründe kümmert – jedenfalls die Leitung des Verbandes. Das einzelne Mitglied kommt da nicht vor. Dieses Wissen im Hinterkopf, meint man zu verstehen, was und warum die vorgestellten Autoren schreiben, wie sie schreiben.

Vorweg der Mann. Filip Florians Roman „Alle Eulen“ erzählt von einer merkwürdigen Freundschaft. Der junge Luci in einer Kleinstadt in den Karpaten begegnet dem soignierten Herrn Emil, der aus Bukarest in die Provinz gekommen ist. Ihre beiden Lebensgeschichten werden von dem mittlerweile erwachsenen Luci in seinen Aufzeichnungen verflochten. Die beiden beflügeln sich gegenseitig, indem der Kleinstadtbewohner dem aus der Großstadt Vertriebenen die Neugierde auf die unmittelbare Umgebung, gepaart mit dem Kleinstadtklatsch, vermittelt, während Emil seine Kenntnisse über Literatur und Musik weitergibt. Kulturaustausch im besten Sinn. Der Leser lernt die Faszination der Karpatennächte ebenso kennen wie die Mythen der Berglandschaft. Doch mit dem Happy-end ist das ebenso eine Sache wie bei den Titeln der beiden Autorinnen.

Liliana Corobcas Roman „Der erste Horizont meines Lebens“ handelt von der zwölfjährigen Cristina, die ihre Brüder Dan und Marcel betreut, ihnen Vater und Mutter sein muss, weil die Eltern im Ausland Geld verdienen. Die Mutter – verkehrte Welt – hütet u. a. Kinder in Italien, der Vater schuftet in Jakutien. Gelegentliche Telefonate mit der Mutter müssen die fehlende Elternliebe ersetzen. Liliana Corobca ist in Moldawien geboren, um die unhaltbaren Zustände dort geht es in diesem Buch. Bei aller Poesie, die die Autorin für ihre Protagonisten aufbringt, und bei aller Sympathie, die man als Leser aufbringen kann, muss einen der Umstand empören, dass am östlichen Rand Europas eine stumme Katastrophe abläuft, die die Europäische Union heraufbeschworen hat. Wegen ungenügender Arbeitsmöglichkeiten sind die Erwachsenen gezwungen, dem Geld hinterher zu „reisen“. Sie tun im Ausland – Italien, Spanien etc. – die Arbeit, zu der sich die dortigen Bürger immer weniger bereitfinden. Das Wohlstandsgefälle von West nach Ost bewirkt den Sog, der im Osten die Dörfer aussterben lässt. Es leiden die Kinder, die nicht mit den Eltern ziehen dürfen. Der Schluss stimmt wehmütig, denn Cristina kommt gewissermaßen aus ihrem Dorf heraus, indem sie mit dem Vater zu den Nussbäumen weit hinten am Horizont wandert. Das könnte versöhnlich sein, in Wahrheit aber endet der Roman mit der Nachricht vom Tod der Großmutter. Und das wiederum bedeutet: Die Eltern müssen kommen, zur Beerdigung. Erstaunlich und erfreulich ist an diesem Roman, in Rumänien mit dem deutschen Titel „Kinderland“ erschienen, der wunderbar sanfte und gleichmäßig durchgehaltene Ton, der von einer liebevollen Empathie der Autorin für die Kinder zeugt.

Von ebenfalls unvorstellbaren Verhältnissen erzählt Lavinia Braniste in ihrem Roman „Null Komma irgendwas“. Der Titel legt es nahe, es geht um Zustände im „Turbo-Kapitalismus“, der es auch in Rumänien einigen ermöglicht hat, rasend schnell viel Geld zu verdienen. Aber der Autorin geht es um die Verlierer dieses Phänomens.

Zufällig heißt auch hier die Hauptperson Cristina. Sie arbeitet als Assistentin der Geschäftsführung einer Baufirma. Klingt nach einem guten Job, ist aber die Stelle des Mädchens für alles. Und die Firma ist nicht originär rumänisch, sondern wird von Spanien aus gemanagt. Dort arbeitet übrigens Cristinas Mutter im Tourismusgewerbe, weshalb sie allenfalls über Weihnachten ein paar Tage zu Besuch in die Heimat kommen kann. Cristinas Probleme sind einzeln schon schwierig genug, im Paket scheinen sie unlösbar: Sie hätte gern eine Eigentumswohnung, ein Zimmer mit Küche und Klo. Außerdem weiß sie nicht, wie sie mit ihrer Fernbeziehung weitermachen soll oder kann. Und immer droht die Arbeitslosigkeit.

Lavinia Braniste beschreibt, wie sich die Menschen im Land auf diesen Existenzkampf eingestellt bzw. darin eingerichtet haben. Es sind und bleiben prekäre Verhältnisse, die den Menschen keine geordnete Zukunft verheißen. Auch dies nicht zuletzt eine Folge der überstürzten Aufnahme Rumäniens in die EU, die zweifelhafte Zustände in Justiz und Verwaltung, Korruption und Gleichgültigkeit zur Folge hatte. Auch in diesem Roman macht sich der „Westsog“ der EU bemerkbar. „Null Komma irgendwas“ hat auch kein Happy-end. Cristinas Firma ist aufgelöst, sie ist also arbeitslos und hat alle Bekanntschaften aus ihrem Skype-Konto gelöscht. Dafür stehen auf dem Regal über dem Bett Bücher zur Selbstoptimierung.

„Neue Horizonte“ war die Wochenendtagung überschrieben. In der Tat haben sich dem Publikum neue Horizonte erschlossen. Wenig erfreuliche im Hinblick auf Rumänien. Erfreulich mit Sicht auf diese Autorengeneration, die trotz allem Pessimismus, der aus den Büchern spricht, den Blick auf die Zukunft nicht verstellt. Der positive Blick auf ihre Protagonisten ist es, der die neuen Horizonte eröffnet. Bedauerlich war die strenge Form der Veranstaltung. Ernest Wichner ebenso wie Georg Aescht als Kenner und Übersetzer rumänischer Gegenwartsliteratur sprachen zwar mit ihren „Schützlingen“, das Publikum jedoch musste sich mit diesen Brosamen begnügen, eigene Fragen kamen nicht vor.

Ein Fazit dieser Literatur zu ziehen ist riskant, weil man nicht weiß, wie sich die Autoren entwickeln werden, aber vielleicht ist Filip Florians Haltung seinem Roman gegenüber bezeichnend. Er sieht das Leben als Lotterie, und die Aufgabe der Literatur sei dessen Darstellung unter Auslassung der Grautöne. Das klingt nach Weltflucht, ist es aber nicht. Denn eine Katastrophe ist für ihn nicht allein der Sturz der Regierung, sondern z. B. das vergessene Taschentuch, wenn man an Schnupfen leidet.

Da im nächsten Jahr Tschechien Gast der Leipziger Buchmesse ist, wird das Literaturbüro Detmold im nächsten Herbst wohl tschechische Autoren vorstellen. Wieder schöne Aussichten.

Ulrich Schmidt (KK)

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