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Ausgaben: Ausgabe 1401.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Vor-, Nach- und Inbild

Robert Rauh: Fontanes Frauen. Fünf Orte, fünf Schicksale, fünf Geschichten. be.bra Verlag, Berlin 2018, 255 S., Leinen, 22 Euro

Fast fünfzig Jahre hat Theodor Fontane mit seiner eigenen Frau verbracht. Insofern ist der Titel des zu seinem 200. Geburtstag erschienenen Buches etwas reißerisch. Gemeint sind nämlich seine wichtigsten Frauengestalten in „Effi Briest“ (1896), „Frau Jenny Treibel“ (1893), „Vor dem Sturm“ (1878), dem ersten Band seiner „Wanderungen“ (1865) und „Fünf Schlösser“ (1889). Autor Robert Rauh begab sich wie bei seinem vorhergehenden Buch „Fontanes fünf Schlösser“ zu den Orten, an denen die Vorbilder gelebt haben, und recherchierte mit wissenschaftlicher Akribie in einem „Balanceakt zwischen Literatur und Wirklichkeit“. So dokumentiert er am Schluss seines Buches auch die Lebensdaten der Fontaneschen Vorbilder. Schließlich ist Rauh Historiker und Lehrer, Herausgeber von Lehrbüchern und Träger des Deutschen Lehrerpreises.

Fontane – nach eigenen Worten ein „Frauenschwärmer“ – war zeitlebens fasziniert von Frauen, deren Lebensweg jenseits der gesellschaftlich vorgegebenen Bahnen verlief. Dafür steht besonders Effi Briest alias Elisabeth von Ardenne (1853–1952), an deren Geburtsort Plotho-Zerben in der Nähe von Magdeburg Rauh mit Erfolg recherchiert hat und einige Fotos dazu liefert. Ein Museum im Rest des in der DDR-Zeit abgerissenen Schlosses ist geplant. Rauh sah sich auch an den anderen Lebensorten der geschiedenen Baronin um, in Benrath und Lindau. Fontane denkt aber als Schriftsteller, wenn er in einem Brief über seine Figuren schreibt : „Es ist nämlich eine wahre Geschichte, die sich hier zugetragen hat.“

Bei seiner Parallele zwischen Fontanes einziger Tochter Martha (1860–1917) und Corinna Schmidt in dem Roman „Frau Jenny Treibel“ (1893) beschreibt Rauh oft bis ins Detail den Lebensweg der von Krankheiten geplagten und spät verheirateten Martha, „in deren Leben Wunsch und Wirklichkeit hart aufeinander prallten“, vorwiegend im mecklenburgischen Waren. Er besuchte ihre Wohnungen und befragte die Stadtführerin, die selbst bei der 750-Jahr-Feier der Kleinstadt ins Kostüm der Mete schlüpfte und ihn zum noch heute erhaltenen Grab begleitete. Im Gegensatz zur bisherigen Fontane-Forschung glaubt Rauh nicht an Marthas Selbstmord, sondern an einen Unfall.

Für die gleichnamige Novelle „Grete Minde“ hatte sich Fontane im Jahre 1878 zweimal selbst auf den Weg nach Tangermünde gemacht, allerdings nicht so gründlich recherchiert wie Robert Rauh 2018. Es ging um den großen Stadtbrand von 1617, das Todesurteil gegen die angebliche Brandstifterin Minde und die grausame Vollstreckung. Rauh durfte sogar im Stadtarchiv die originalen Prozessakten einsehen. Ediert, aber noch nicht gedruckt wurden sie gerade im Rahmen einer 560 Seiten umfassenden Doktorarbeit. Vorgelegt wird diese von Friedrike Wein an der Freien Universität Berlin. Rauh traf sich mit der Verfasserin in Berlin, sieben Jahre hat sie gearbeitet an ihrem Opus über die Frau, die Tangermünde bekannt machte.

Karoline Amalie Marie de la Roche Aymon (1771–1859) war das Vorbild für die fiktive Gräfin Amalie in den „Wanderungen“ und noch einmal im „Stechlin“.

Das Kapitel über Prinzessin Goldhaar wirkt wenig geschlossen, ja zerfasert. Drei Stränge sind notdürftig verwoben: die Beschreibung des Dörfchens Köpernitz bei Rheinsberg im Landkreis Ostprignitz-Ruppin mit seinem Gutshof, der stillen Passion Fontanes, die Herkunft von Karoline, ihre Stellung am preußischen Königshof und schließlich ihre Ehe mit Graf Charles de la Roche Aymon, der „mehr als ein Lustknabe“ am Rheinsberger Hof war. Karoline kommt im Gegensatz zu den drei vorher präsentierten Frauen bei Rauh zu kurz. In Köpernitz gibt es alljährlich den „Tag der Gräfin“ und einen Fontanebrunch.

Im letzten Buchkapitel über das „fast märchenhafte Leben der Krautentochter“ (1762–1819), gewürdigt in „Fünf Schlösser“, schlüpft Rauh gleichsam selbst in die Rolle Fontanes, so eindringlich beschreibt er deren einstigen Besitz von Schloss Hoppenrade mit der es umgebenden Landschaft. Rauh hatte Glück, da er gerade zum 750. Gründungsfest von Hoppenrade (etwa eine Stunde nördlich von Berlin gelegen) zum Schloss kam und dieses Tag der offenen Tür hatte. Sich an Fontane orientierend, erzählt Rauh aufgrund zusätzlicher eigener Recherchen das abwechslungsreiche Leben der durch Heirat adelig gewordenen Krautentochter. Drei Ehen, ein Duell ihrer beiden ersten Ehemänner und eine Entführung ihres Kindes haben darin für viel Aufregung gesorgt. Das heute vorbildlich renovierte Schloss beherbergte 1945 etwa 25 Flüchtlingsfamilien.

Nicht nur Fontane-Freunden bietet Rauh einen lebendigen Eindruck literarischer Orte, belebt die Erinnerung an die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ und regt zu einem baldigen Besuch von Fontanes Heimat an.

Norbert Matern (KK)

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