Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1401.

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Südosteuropäische Saga

Der diesjährige Hauptpreis des Georg Dehio-Buchpreises ging an den kroatischen Schriftsteller Miljenko Jergovic. Sein Roman „Die unerhörte Geschichte meiner Familie“ ist ein Meisterwerk der Erzählkunst.

Mal fühlte er sich als Deutscher, mal als Kroate – der Großonkel Rudolf Stubler. Am liebsten war ihm wohl seine „San-Marino-Identität“ – die „ilidžanische Identität“, schließlich war Ilidža, ein Vorort von Sarajevo am Fuße der Berges Igman, sein Zuhause. Dort grüßte er seine Nachbarn, wenn er durch die Gassen ging. Als ihn das Belgrader Eisenbahnministerium Ende August 1954 geschäftlich nach Berlin entsandte, empfand er die deutsche Metropole als einen „Albtraum aus Beton, großkotzig, riesig und grau wie der Tod, mitten im Nirgendwo“. Trost in dieser Betonwüste hätte nur ein Konzert mit den Berliner Philharmonikern spenden können.

Für den 1. September – dieses schwarzen Tages 15 Jahren zuvor, als der Zweite Weltkrieg begann, gedachte allerdings 1954 keiner – stand die 9. Symphonie von Beethoven auf dem Programm, mit Furtwängler am Dirigentenpult. Nichts wie hin! An der Kasse teilte der Kassierer dem Onkel Rudi mit, der Dirigent sei krank, das Konzert falle aus. Doch plötzlich, wie aus dem „Nirgendwo“, stand der Maestro höchstpersönlich vor der Konzertkasse und sagte: „Ihr Jugoslawen müsst um Beethoven nicht trauern, Ihr habt das Meer. In den letzten Sommertagen erhebt sich gegen Abend ein Wind und die Wellen klatschen in Dubrovnik an die Felsen, (…) die sind einem Beethoven ebenbürtig (…).“

Bei den Stublers wurde die Begegnung des Großonkels Rudi mit Furtwängler bei jedem Familientreffen, jeder Hochzeit und jedem Leichenschmaus nacherzählt. So erreichten diese und unzählige andere Geschichten den Nachfahren Miljenko. 2013 schreibt der Sohn von Rudis Nichte die „unerhörten“ Geschichten nieder. Aber hat er sie auch zu Ende erzählt? Anlässlich des Georg Dehio-Buchpreises 2018 darf diese Frage noch einmal aufgeworfen werden.

Am 10. Oktober 2018 verlieh das Deutsche Kulturforum östliches Europa den Hauptpreis des Georg Dehio-Buchpreises dem Schriftsteller Miljenko Jergovic. Die Preisverleihung fand im Festsaal des Roten Rathauses in Berlin statt – just in jenem Raum, wo das Gemälde „Der Berliner Kongress von 1878“ des Hofmalers Anton von Werner hängt. Für den kroatischen Schriftsteller, der bis 1993 in seiner Geburtsstadt Sarajevo gelebt hat, ein Gemälde, das ein schicksalsträchtiges Ereignis einfängt. Ohne dieses historische Datum gäbe es kein Familienepos, betonte der Preisträger in seiner Dankesrede. Auf der abschließenden Sitzung des Berliner Kongresses am 13. Juli 1878 in der Reichskanzlei wurde der russisch-türkische Konflikt beigelegt. Das Osmanische Reich trat alle seine Gebiete auf dem Balkan ab. In der Folge bekam Österreich-Ungarn das Gebiet Bosnien-Herzegowina zugesprochen. Ohne diesen k. u. k. Schachzug hätte es niemals einen Banater Schwaben namens Karlo Stubler in die entlegenste Ecke des Balkans verschlagen und die „unerhörte Geschichte“ seines Urenkels Miljenko nicht gegeben.

Jergovics Familiensaga setzt sich aus vielen narrativen Strängen zusammen. Vieldimensional sind die Geschichten von Verwandten und Freunden über glückliche Tage und entbehrungsreiche Zeiten. Alles fängt mit der Geschichte des Urgroßvaters an, des Eisenbahners Karlo und seiner Frau Johanna, beide aus dem Banat, aus einer Region, die einst zu Österreich-Ungarn gehörte. Nachdem Karlo „sein gesamtes Berufsleben entlang bosnischer Gleise“ verbracht hatte, wollte er zwar noch einmal in sein Heimatdorf Bosowitsch zurückkehren, doch machte ihm der Weltkrieg einen Strich durch die Rechnung. Er starb in Bosnien, ohne die Banater Verwandtschaft je wiedergesehen zu haben.

Die Geschichte der Großmutter Olga, Tochter des alten Karlo, fädelt sich schlicht und unspektakulär ein. Mit jener von Großvater Franjo, Olgas Ehemann, einem slowenischen Eisenbahner, ergibt sie ein Ganzes und ist dennoch brüchig. Franjo liebte seine Bienen über alles: Aus ihrem Honig hörte man Menschen aus der Habsburger-Zeit reden. Unermüdlich schrieb Franjo in sein Bienentagebuch, aus dem später der Enkel Zeit- und Familiengeschichte rekonstruieren wird. Olgas Liebe galt ihrem erstgeborenen Sohn Mladen – „in puncto Schönheit, Intelligenz und Talent“ war er den beiden anderen Kindern, Dragan und Javorka, überlegen. Sie lässt ihn zur SS-Ausbildung ziehen, in der Hoffnung, dass er verschont bleibt – und verliert ihn: „Ab Herbst 1943 begann die Zeit, in der er tot war, sein Tod quälte sie bis zu ihrem Tod, der Albtraum aber überlebte ihren Tod. Die Zeit von Mladens Tod währt bis heute, Sommer 2013, sie geht erst mit diesem Roman über die Familie zu Ende, falls der Roman ein Ende findet.“

Nicht wenige Schlenker erlaubt sich der Erzähler. Einer von ihnen gilt Olgas Schwester, der Großtante Rika, die zusammen mit ihrem Mann, dem Bahnhofsvorsteher Dundo, einen Tschetnik-Überfall während des Zweiten Weltkriegs überlebt. Ein anderer Schlenker fängt Tante Mara ein, Franjos Verwandte: „eine Bergarbeitermutter wie aus dem Alten Testament“, die ihre neun Kinder samstags badete und hinterher – je nach Tragweite der während der Woche begangenen Vergehen – prügelte, auf dass sie am Sonntag, dem „Tag des Herrn“, von Sünden „rein“ sein sollten. Einen weiteren Schlenker gibt es zu Cica Šneberger, die es „am Herzen hatte, aber keine Medikamente nahm“: „Es gibt Herzen, die darf man nicht behandeln, die würden das als Demütigung empfinden.“ Der Erzählschlenker zu dem Musikerehepaar Maksimilijan und Bosiljka Kamauf Stincic wächst sich in seiner Wucht zu einer unglaublichen Abzweigung aus: Die beiden Pianisten überließen ihren unmusikalischen Sohn einer jüdischen Tante in Graz und erklärten ihn in der Öffentlichkeit für tot. Ein leerer Sarg wurde zu Grabe getragen, während die vermeintlich erschütterten Eltern das ernstgemeinte Beileid mitfühlender Freunde entgegennahmen.

Eher im Brennpunkt steht die Mutter des Schriftstellers, Javorka, geboren 1942, ein Kriegskind, das Großmutter Olga aus Angst vor der Ustascha nicht abgetrieben hat – auf Abtreibung stand zu jener Zeit die Todesstrafe: „Ohne diese Angst hätte Olga wie schon im Sommer 1940 abgetrieben. Hätte Nonna nicht Schiss gehabt, wäre die Hand, die dies schreibt, eine kosmische Potenzialität geblieben. Muss ich der Ustascha dankbar sein?, frage ich mich in Zagreb, Sommer 2013, bald ist Mladens siebzigster Todestag, und der Ustascha wird in meinem Umfeld wieder viel verständnisinnige Dankbarkeit entgegengebracht für ihre Verdienste um Kroatien. Ich bin denen, die mir das Leben schenkten, nicht dankbar.“

Aus Dankbarkeit können Werke wie jene von Jergovic nicht entstehen. Seine messerscharfen Zeilen goutieren viele seiner Zeitgenossen nicht: Es schmerzt, wenn jemand an die „Wirklichkeit des Krieges“ erinnert – zumal es auf dem Balkan viele Kriege waren, einer nach dem anderen. Der Wiederkehr des Ressentiments und der nationalen Besessenheit scheint auch heute niemand Einhalt gebieten zu können. Kaum zu entscheiden, welcher von den vielen Kriegen denn mehr einer „Naturkatastrophe“ glich. Alle brachen sie wie eine „biblische Plage“ über die Menschen auf dem Balkan herein, als wären sie Facetten ein und desselben Untergangs, und dennoch „gleicht keine Apokalypse der anderen, jede grub sich in das Gedächtnis unzähliger Familien ein, deren Erinnerungen keiner zusammenfasste und archivierte, weswegen jede Tragödie individuelle und persönliche Rachegründe hat“.

Individuell und persönlich sind Jergovics Aufzeichnungen, die das zermürbende Sterben seiner Mutter begleiten. Aus ihnen ist ein Roman entstanden, der seinesgleichen sucht. Welches war wohl Jergovics Beweggrund für diesen persönlichen Einblick? Vielleicht geht es ihm wie jenem berühmten italienischen Geschichtenerzähler am osmanischen Hof, von dem es heißt, dass er nur „so lange existierte, wie seine Geschichte andauerte, und wenn die Geschichte beendet war, verwandelte er sich in einen Taugenichts, Faulpelz und Landstreicher. Keiner brauchte ihn …“ Bis ihn die Sehnsucht nach der nächsten Geschichte ergriff! Und die Geschichte ihn anschrie: Erzähl mich!

Miljenko Jergovic ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Erzählungen tauchen bei ihm auf und wieder ab. Unerwartet sind sie da – und enden, bevor sie „zu Ende erzählt wurden“. Denn das Ende ist nicht in Sicht, auch nach 1095 Romanseiten nicht. Und der letzte Satz ist immer nur der vorletzte: „die Welt, die dem Tod unmittelbar vorhergeht, das Sterben, das sich nicht erzählen lässt“.

Ingeborg Szöllösi (KK)

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