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Ausgaben: Ausgabe 1343.

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Heimat als etwas, womit man nicht fertig wird

Ingeborg Szöllösi (Hg.): Heimat. Abbruch. Aufbruch. Ankunft. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag, 2014, 160 S., 14,95 Euro.

Will man die Heimat ins Rumänische übersetzen, so muss man sich zwischen tara, tinut oder loc natal entscheiden, oder man zieht gleich das Wort patrie (Vaterland) heran. Im Englischen gibt es ein homeland, im Französischen gar den berceau (Wiege), aber ein eigenständiges Wort für die urdeutsche Heimat haben diese Sprachen nicht.

Wie bei der Übersetzung, gibt es auch bei der Bestimmung des Begriffs einige Unwägbarkeiten. Wo siedelt man ihn an? Im geographischen, im soziologischen, im sprachlichen, im kulturellen oder gar im politischen Bereich? Hat Heimat außer seiner objektiven nicht vor allem auch eine subjektive Komponente? Ist der subjektive Einklang der Menschen mit der Landschaft nicht vielleicht ihr wichtigstes Merkmal? Diese und ähnliche Fragen stellt dieser Band, der infolge einer Tagung der Deutschen Gesellschaft e. V. in Zusammenarbeit mit der Babes-Bolyai-Universität in Cluj/Klausenburg stattgefunden hat. „Im Abbruch liegt der Aufbruch – und die Ankunft ist gewiss“, schreibt die Herausgeberin Ingeborg Szöllösi, in ihrem Vorwort zum Titel

Das Buch ist viergegliedert, die Heimat wird darin als Grenzbestimmung, als Lebenswelt, Lebensgefühl, als literarisches Refugium und schließlich – wie im Titel – als Aufbruch und Ankunft beleuchtet. Die Beiträge sind sehr unterschiedlich und reichen von wissenschaftlichen Eingrenzungen und Definitionen (Konrad Gündisch, Rudolf Poledna, Wilfried Eckart Schreiber) über literarische Annäherungen (Ingeborg Szöllösi, Joachim Wittstock, Daniela-Elena Vladu) oder künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten (Gert Fabritius), musikalische Exerzitien (Hans Peter Türk) bis zu ganz subjektiven Beschreibungen, wie etwa der von Hans Bergel, der die Heimat als Freiheit definiert, als „Liebe, die zu geben und die anzunehmen es uns drängt“. In einem Beitrag über „Siebenbürgen in der Literatur vor und nach der Ausreise“ analysiert Michael Markel Werke von Franz Hodjak, Werner Söllner und Franz Heinz und stellt fest, dass sich in diesen Texten unter unseren lesenden Augen zusehends „die Wirklichkeit Siebenbürgens zur literarischen Metapher“ verwandelt.

Es gibt viele Definitionen der „Heimat“ in diesem Band, eine geographische, die nicht ohne anthropologische Komponenten auskommt, von Wilfried Eckart Schreiber, Heimat als „Gebiet in gegebenen Grenzen, dessen Landschaft und Menschen sich im Einklang befinden, einem vertraut oder gewohnt sind und einen prägen“, bis zur Heimat als „gedanklicher Entwurf“ von Joachim Wittstock. Auf jeden Fall „wird man nicht fertig damit“, wie Georg Aescht abschließend feststellt, „denn das hieße, dass man auch mit all den Menschen ‚fertig’ wäre. Und das ist man hoffentlich noch lange nicht, nie.“

In Zeiten der Globalisierung und des Verlustes von Heimat ist der Band mit seinem Versuch einer differenzierten Betrachtung derselben höchst willkommen. Es ist eine Rückkehr zum Ursprung, der mit seinem Schwerpunkt auf Rumänien und die Aussiedlungsproblematik vor allem eine verlorene Heimat wieder aufleben lässt, diese in die neue Lebenswelt einfügt und dabei ganz und gar nicht rückständig wirkt.

Edith Ottschofski (KK)

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