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Ausgaben: Ausgabe 1343.

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Vergeblich grabschte Goebbels nach den Gobelins

Gerald Mund (Hg.): Deutschland und das Protektorat Böhmen und Mähren. Aus den Akten des Auswärtigen Amtes 1939 bis 1945.Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Bd. 127, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, 689 S.

Dieses umfangreiche und sorgfältig bearbeitete Dokumentenwerk gibt anhand der Berichte der in Prag tätigen Vertreter des Auswärtigen Amtes einen aufschlussreichen Einblick in die Verhältnisse der deutsch besetzten Länder Böhmen und Mähren, die unter der Oberaufsicht eines NS-Reichsprotektors eine begrenzte Autonomie mit eigenem Staatspräsidenten und eigener Regierung zugestanden bekommen hatten.

Für das Deutsche Reich und Hitler war dieser Teil der ehemaligen Tschechoslowakei von großer wirtschaftlicher Bedeutung, nicht zuletzt auch aus kriegswirtschaftlichen Gründen. Erster Reichsprotektor war Konstantin von Neurath (1939 bis 1941), der nach 1945 acht Jahre lang inhaftiert war. Er und seine Mitarbeiter, unter anderem Staatssekretär Karl Hermann Frank, versuchten die Tschechen für eine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich zu gewinnen und gleichzeitig den tschechischen Nationalismus zu unterdrücken, der sich jedoch nur zum Schein der Übermacht des Besatzungsregimes beugte. Dies wird aus den sehr genauen Berichten von Dr. Kurt Ziemke an Außenminister von Ribbentrop deutlich.

Als der erkrankte von Neurath durch den SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich im September 1941 vertretungsweise abgelöst wurde, ließ dieser den tschechischen Ministerpräsidenten Anton Elias inhaftieren und begann eine Verhaftungsaktion mit zahlreichen Todesurteilen, die mit Hochverrat, Widerstand oder Schwarzhandel begründet wurden. Schon im Mai 1942 fiel er selbst dem von Exilpräsident Benes aus London befohlenen Attentat durch tschechische Agenten zum Opfer.

Im November 1940 besuchte Joseph Goebbels Prag und zeigte sich überwältigt von der Stadt, lobte die kulturellen Veranstaltungen und fand die Neuraths wie den tschechischen Präsidenten Hacha „sehr nett“. Er bewunderte alte Gobelins im Malteserhaus und bedauerte deren für ihn zu hohen Preis. Und um diese Gobelins rankt sich dann eine groteske Geschichte: Der Reichsprotektor erfährt nachträglich vom Abbau und überfallartigen Abtransport nach Berlin, fordert die unverzügliche Rücksendung, und der Staatssekretär Ernst von Weizsäcker muss sich um die Lösung der Affäre bemühen und den Raubzug bemänteln. Es ist bis heute unklar, ob Goebbels hier die Hand im Spiel hatte.

Neben den vielfachen Einsichten in die verfehlte und verbrecherische Politik der Hitler-Diktatur erfährt der Leser groteske Einzelheiten dieser Besatzungsjahre: so zum Beispiel von der minutiösen Beschlagnahme von Gemälden, Teppichen, Porzellan und Silber aus Botschaften der ehemaligen Tschechoslowakei und deren Aufteilung an deutsche und slowakische Dienststellen. Und wer kann sich vorstellen, dass Hitler mit Hacha Geburtstagsgrüße austauschte und diesem zum 70. einen Mercedes schenkte? Und wie ist zu beurteilen, dass für Benes, der den Slowaken Tiso hinrichten und Emil Hacha im Gefängnis sterben ließ, in der Tschechischen Republik Denkmäler errichtet, Plätze und Brücken nach ihm benannt und seine „Dekrete“ und Mordaktionen noch heute gerechtfertigt werden?

Rüdiger Goldmann (KK)

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