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Ausgaben: Ausgabe 1344.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Die Abenteuer des Soldaten Schwejk mit der Philologie

Jaroslav Hasek: Die Abenteuer des guten Soldaten Svejk im Weltkrieg Übersetzung aus dem Tschechischen, Kommentar und Nachwort von Antonín Brousek. Zum Svejk: eine Pilgerreise böhmischer Art von Jaroslav Rudis mit 14 Abbildungen und 2 Karten. Reclam Verlag, Stuttgart 2014, 29,95 Euro

Es gibt nur schlechte Übersetzungen
und weniger schlechte.
Christian Morgenstern

Die Neuübersetzung macht schon im Titel auf sich aufmerksam: „Die Abenteuer des guten Soldaten Schwejk“ heißt es da. In der 1926 erschienenen und nach dem Krieg bei Rowohlt verlegten zweibändigen Ausgabe von Grete Reiner ist Schwejk „brav“, freilich nicht in dem Sinn, wie man von artigen, gehorsamen Kindern spricht. Aber ungehorsam ist Schwejk auch nicht. Brav im Sinne von tapfer, aufrecht trifft es am ehesten.

Sodann machen sich die Unterschiede im ersten Satz bemerkbar: „»Also sie ham uns den Ferdinand erschlagen«, sagte die Bedienerin zu Herrn Schwejk“, heißt es bei Reiner. Sprechtechnisch folgt nach dem „also“ eine kurze Pause, so beginnt eine Erzählung, vergleichbar mit dem Märchenanfang „Es war einmal“. Das umgangssprachliche „sie“ lässt den Kreis der Akteure im Ungewissen, das „uns“ deutet in diesem Zusammenhang das Bewusstsein von einem Verlust an, mit dem man in irgendeiner Beziehung steht. Aber es handelt sich um einen Verlust in weiter Ferne. Das wird deutlich, als Schwejk nachfragt, welcher Ferdinand gemeint ist. Die zwei, die ihm bekannt sind, leben in seinem Umkreis. Und als Frau Müllerová ‚ihren‘ Ferdinand als den Erzherzog Franz Ferdinand, den Thronfolger, identifiziert, ist es Schwejk, der ins Dozieren kommt. Das „Also“ am Anfang des Satzes zieht den Leser also in eine Unterhaltung hinein. Grete Reiner lässt Frau Müller sagen, dass der Ferdinand „erschlagen“ wurde. Das ist in Anbetracht der Tatsache, dass Ferdinand erschossen wurde, eine recht freie Umschreibung des Mordes.

Bei Antonín Brousek, dem Neuübersetzer, geht es so los: „»Die haben uns also den Ferdinand umgebracht«, sagte die Zugehfrau zu Herrn Schwejk.“ Das klingt schon ganz anders, neutraler. Das „Die“ ist richtig, weil Frau Müllerová, wie sie im Tschechischen heißt, nichts weiß über die Identität der Täter. Die Platzierung des „also“ in der Satzmitte verstärkt die Distanzierung. Aber das „uns“ erinnert daran, dass es sich bei der Sprecherin um jemanden handelt, der dann doch nicht so neutral ist. Im „uns“ schwingt die Empathie mit dem Opfer mit. Bei Antonin Brousek wird Ferdinand „umgebracht“.

Brousek wollte, wie er im Nachwort erklärt, „philologisch korrekt sein und Ungenauigkeiten und Verfälschungen vermeiden“. Überdies wollte er den Text in ein Deutsch übertragen, „das genauso modern und unauffällig-umgangssprachlich ist wie das Tschechisch des Originals“. Da stellt sich die Frage, welches Verständnis von Modernität gelten soll: das heutige oder das damalige? Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass Brousek Grete Reiner vorwirft, ihre Übersetzung habe den Roman sprachlich in „das alte Österreich“ verlegt. Neun Jahre jünger als Hasek, wie er in Prag geboren (sie 1892, er 1883), kannte sie die Zeit, die im Roman erzählt wird, aus eigener Anschauung. Brouseks Vorwurf lautet, sie habe dem von ihr so bezeichneten Prager oder „Kleinseitner“ Deutsch literarische Weihen erteilt und so zur Verfälschung des „Schwejk“ beigetragen. Prager Deutsch war das jener Tschechen, die als Handwerker, Dienstmädchen oder Diener z. B. gezwungen waren, Deutsch zu sprechen, es aber nur fehlerhaft beherrschten. Es ist als „Böhmakeln“ in den Wortschatz eingegangen und hat durch die Verfilmungen nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem durch Fritz Muliar, Popularität erlangt. Indem Grete Reiner „ihren“ Schwejk böhmakeln lässt, so Antonin Brouseks kritische Einschätzung, entsteht nichts anderes als eine Art „k. u. k. Komödienstadel“.

Und dann konstruiert Brousek etwas Abenteuerliches. Er behauptet, dass es im Tschechischen etwas gibt, was es im Deutschen nicht gibt. Im Tschechischen unterscheide man zwischen Hochsprache und Umgangssprache. Das will man den Tschechen gern zubilligen. Doch die Ansicht des Amtsrichters Antonin Brousek, dass es im Deutschen dergleichen nicht geben soll, ist grotesk. Gerade ihm als Richter sollte die Verwendung unterschiedlicher Sprachcodes in Deutschland bewusst sein. Aber er muss etwas finden, um seine Neuübersetzung, übrigens ohne Auftrag erstellt, zu rechtfertigen. Also sprechen die Protagonisten bei Grete Reiner „oft fehlerhaft und grotesk“. Eben weil sie ihre Protagonisten böhmakeln lässt. Sie hat sich bemüht, eine Atmosphäre herzustellen, in der die Trennung der Welt in die da oben und die da unten sinnfällig wird. Sie hat das von Brousek beschriebene Prinzip von Hoch- und Umgangstschechisch umgedreht. Sie hat Schwejk böhmakeln lassen, um so seine Diagnose als „endgültig geistesschwach“ (Brousek) bzw. „endgültig für blöd erklärt“ (Reiner) sprachlich virtuos durchzuziehen. Und im Jahr 1926 und danach fand sie damit begeisterte Leser.

Ein Kritiker war mit der Übersetzung nicht einverstanden: Kurt Tucholsky. 1926 erschienen im Juni und im Dezember seine Rezensionen zu den beiden Teilen in der „Weltbühne“. Im Juni ist er mit der Übersetzung „nicht sehr glücklich“. Schwejks Jargon „ist nicht lustig. Seine Grammatik ist farblos und steht in gar keinem Verhältnis zu den herrlichen Sachen, die er zusammenphilosophiert – man ahnt, was einem da alles verloren gegangen sein mag.“ Im Dezember fasst er sich kürzer: „Gott weiß, was uns durch diese Übersetzung verloren geht – aber es bleibt uns genug.“ Das klingt vernichtend, im krassesten Gegensatz dazu steht freilich Tucholskys nahezu grenzenlose Schwärmerei für die Gestalt des Schwejk. Der Kritiker liest „Geschichten von so atembeklemmendem Wahnwitz in dem Buch, wie sie nur ein ungeheurer Bierbräu- und Schnapssäufer in tiefen Nachtstunden erfinden kann“.

Diesen Wahnwitz unterschlägt Brousek. Dafür teilt er mit, was Grete Reiner unterschlägt: z. B. Haseks Animositäten dem Deutschen gegenüber. Gut möglich, dass Reiner dergleichen einem deutschen Leserpublikum nicht zumuten wollte. Der Chauvinismus feierte in den zwanziger Jahren unfröhliche Urständ. Und der Verzicht auf eine ausgeprägte Fäkalsprache, wie sie etwa der Wirt Palivec im berühmt-berüchtigten Lokal „Im Kelch“ pflegte, war damals wohl auch nicht üblich. Immerhin sollte man bedenken, dass Grete Reiner den Auftrag zur Übersetzung vom damaligen Verleger des „Schwejk“ bekam. Dass sie dabei Begriffe verwendete, die man heute nicht oder kaum noch kennt, ist der Zeit geschuldet.

In der unterschiedlichen Bezeichnung für den Beruf der Frau Müller – Bedienerin, Zugehfrau – macht sich unsere Gegenwart bemerkbar, die diskriminierende Berufsbezeichnungen vermeiden will. Aber es ist zweifelhaft, mit dem Vokabular der Gegenwart an die Übersetzung eines Textes aus den zwanziger Jahren zu gehen, der seinerseits ein noch weiter zurückliegendes Geschehen reflektiert.

Brousek will auf Deutsch ebenso modern und unauffällig-umgangssprachlich sein wie das tschechische Original. Die Modernität des Originals besteht für ihn in der schon erwähnten Umgangssprache damaliger Zeit. Und übersetzen will er diese Modernität in ein ebenso unauffällig-umgangssprachliches Deutsch. Das ist eine Heraus-, wenn nicht gar eine Überforderung. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass sich Brouseks Übersetzung häufig nur auf der Ebene der Synonyme unterscheidet. Und natürlich dadurch, dass er seinem Schwejk die bisher bekannte Identifikationsebene des Böhmakelns nimmt. Philologische Korrektheit und Vermeidung von Verfälschungen und Ungenauigkeiten ist Brouseks Anliegen. Wenn das das Bestreben einer Übersetzung sein soll, ist es zu wenig. Vor welchen Problemen ein Übersetzer steht, hat schon Goethe in Faust I formuliert: Geht es um das Wort, den Sinn (des Wortes), die Kraft (die alles schafft) oder um die Tat? Und der Doyen der Übersetzer aus dem Slawischen, Karl Dedecius, gibt zu bedenken, dass Goethe für die Aufgabe des Übersetzers das „Gewahrwerden des anderen“ hielt, will sagen, der Übersetzer solle dieselben Gestalten, „aber wie in anderem Gewande“ sehen. Das geht über Brouseks Forderung nach philologischer Korrektheit weit hinaus.

Dazu ein weiterer Vergleich: Schwejk erzählt von einem Kohlenhändler, mit dem er kurz zusammen im Gefängnis gesessen hat. Als der das Protokoll seines Verhörs absegnen soll, sagt er: „Wie es war, so es war, immerhin es war, niemals aber es nicht war, dass nicht etwas war.“ Da stutzt der geneigte Leser ob der ungelenken Sprache. Bei Reiner lesen wir: „Wenns auch war, wies halt war, irgendwie wars, denn noch nie wars, daß es nicht irgendwie war.“ Hier findet sich Rhythmus, und wenn es auch Unsinn ist, was der Kohlenhändler sagt, es erschließt sich der ganze Widersinn. Ein ähnliches Rätsel an anderer Stelle. Schwejk wird von einem Einjährigfreiwilligen im Arrest zum Dichten ermuntert, wobei der ihm ein Beispiel gibt: „In seinem Munde die Antwort wohne, / wenn die Arbeit glücklich scheint: / Innig bleibt mit Habsburgs Throne / Österreichs Geschick vereint.“ Die Wohnung der Antwort ist der Mund, kann man herauslesen – das hat fast surrealistische Qualität. Doch welche Arbeit, die anscheinend Glücksgefühle verleiht, ist hier gemeint? Schauen wir bei Grete Reiner nach: „Speichel rinnt dem wackern Sohne / aus dem Mund, wenn er sie eint:/Innig bleibt mit Habsburgs Throne / Österreichs Geschick vereint.“ Aha. Die Antwort, die im Mund wohnt, ist wohl gleichzusetzen mit einem mehr oder minder kräftigen Ausspucken. Es lässt sich nur konstatieren: Philologische Genauigkeit allein hilft der Übersetzung nicht weiter.

Unbestritten ist der „Schwejk“ eines der besten antimilitaristischen Bücher. Die Schilderungen, die Haupt- und Nebengestalten von den Verhaltensweisen der Offiziere geben, zeigen deren Entmenschtheit. Jeder Soldat unterhalb des Leutnants ist nichts anderes als Kanonenfutter, Dressur- und Menschenmaterial. Dem Anbruch der Moderne in der Waffentechnik, dem das Offizierskorps in keiner Weise gewachsen ist, steht nichts Adäquates in der Menschenführung gegenüber. Der Arroganz und Ignoranz der Offiziere setzt Schwejk seine List entgegen, seine Art des Widerstands gegen die Menschenverachtung. Und diese List ist bei Grete Reiner bei aller Überalterung der Übersetzung doch besser aufgehoben. Ganz wunderbar allerdings ist die von Jaroslav Rudis – zusätzlich zum Nachwort – geschilderte Pilgerreise auf den Spuren Haseks. Da taucht die Erzählhaltung von Grete Reiner noch einmal auf.

Ulrich Schmidt (KK)

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