Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1345.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Völker als Verfügungsmasse

Jan M. Piskorski: Die Verjagten. Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts. Aus dem Polnischen von Peter Oliver Loew. Siedler Verlag, München 2013. 432 Seiten, 24,99 Euro ( Die polnische Originalausgabe erschien 2010 in Warschau.)

„Sie wälzten sich voller Furcht die Straßen entlang, schleppten ihre Habe auf dem Rücken, auf Fahrrädern oder in Kinderwagen, trugen ihre Kinder auf den Schultern. Sehr bald waren die Straßen verstopft. … Dazu keine Nahrung, kein Wasser, keine Unterkunft, keine medizinische Versorgung […]. Eine menschliche Katastrophe.“

Was hier geschildert wird, lenkt den Blick des deutschen Lesers auf das Schicksal der eigenen Landsleute aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien, die sich millionenfach in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs und danach auf die Flucht vor der Roten Armee in den Westen begeben mussten oder aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Aber dieses Zitat spricht nicht von Deutschen. Hier ist von mindestens fünf Millionen Franzosen die Rede, die 1940 vor der Deutschen Wehrmacht aus den nördlichen Departements nach Süden flüchteten, um sich im Frankreich der semisouveränen Vichy-Regierung in Sicherheit zu bringen. Zuvor schon waren Hunderttausende Belgier vor den Deutschen in die Niederlande geflohen.

Es ist diese Öffnung des Blicks für das gesamteuropäische Flucht- und Vertreibungsschicksal von Abermillionen von Menschen, die das Werk des polnischen Historikers Jan M. Piskorski (geboren 1956) zu einer erschütternden Chronik derjenigen Seiten des Krieges macht, die oft gar nicht oder nur einseitig beleuchtet werden: „Die Europäer vergessen allzu leicht, dass die Erfahrung erzwungener Flucht in großem Umfang etwas ursprünglich Europäisches ist – und ebenso sind es die Kamine von Auschwitz und die Gulags im sibirischen Schnee.“ Diesem Vergessen tritt Piskorski mit seinem Buch entgegen und erinnert daran, dass zwischen 1914 und 1960 rund 75 Millionen Europäer Opfer von Deportationen, Evakuierungen, Flucht oder Vertreibung waren, nicht nur die Deutschen.

Im einleitenden Kapitel wirft Piskorski einen kurzen vergleichenden Blick auf das 20. Jahrhundert, das in seiner ersten Hälfte Europa als Ort von Flucht und Vertreibung gesehen hat. „In diesem Buch soll erzählt werden, wie sich damals in Europa eine ‚moderne‘ Abart der ethnischen Säuberungen entwickelte, die mit der Entstehung und Festigung des homogenen Staatsmodells zusammenhing.“ Erst in der zweiten Jahrhunderthälfte sei es dann über die Entkolonisierung, die Rivalität zwischen den USA und der UdSSR sowie den Zerfall des kommunistischen Systems zu Problemen in der ganzen Welt gekommen, die in Asien, Afrika und Lateinamerika zu Fluchtbewegungen geführt haben, welche Westeuropa, Nordamerika und Australien zum Ziel hatten, die aber nicht Gegenstand dieses Buches sind.

In zwei weiteren Rahmenkapiteln widmet sich der Autor den Balkankriegen, dem Ersten Weltkrieg und der unruhigen Zwischenkriegszeit und diskutiert die wissenschaftlichen Unterscheidungen von Flüchtlingsbewegungen, ethnischer Säuberung und Völkermord, in deren Zusammenhang er auch die Massaker an den Armeniern von 1915 beurteilt. Für die bemerkenswert objektive Sicht des Autors spricht seine kritische Haltung zu Polen in der Zwischenkriegszeit: zum Verhältnis Polens zu den Juden einschließlich des unbestreitbaren Antisemitismus und dem polnischen Selbstverständnis, dessen „historische Vision nicht zur ethnischen Realität passte“.

Das Hauptkapitel des Buches behandelt das Flüchtlingsdrama in der Epoche des Völkermords und in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieser Teil umfasst zwei Drittel des Gesamtumfangs des Buches und leuchtet auf über 200 Seiten in jeden Winkel des europäischen Infernos, beginnend mit den Vertreibungen und Umsiedlungen in Polen 1939 und den ersten Morden an Polen und Juden. Es folgen die Schilderungen des Massentransfers der Deutschbalten „heim ins Reich“ 1940, Deportationen 1940, Aussiedlung und Verbannung, darunter von 900 000 Russlanddeutschen, Zwangsarbeit, darunter der fünf Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, von denen die meisten elend umkamen. Gegen Ende des Krieges gab es rund 11 Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene aus 26 Ländern in Deutschland, die meisten aus der UdSSR und aus Polen.

Das Schicksal der Juden, der Sinti und Roma wird ebenso geschildert wie die Germanisierungspolitik der Nationalsozialisten, der Generalplan Ost und der damit verbundene „Bevölkerungstausch“, die Behandlung der Volksdeutschen und die Politik der Kolonisierung. Piskorski resümiert für das Jahr 1941: „Mit dem ‚Dritten Reich‘ und der UdSSR waren zwei totalitäre Regime, die seit einigen Jahren den Kontinent terrorisierten und mit sehr ähnlichen Methoden ganz unterschiedliche Ziele verfolgten, in den Kampf auf Leben und Tod eingetreten.“

Gegen Kriegsende und nach dem Krieg folgen die Deportationen von Ukrainern, Polen und Deutschen in den Gulag, das Vorgehen der Roten Armee in Ostdeutschland, Flucht, Vertreibung, Befreiung, speziell die deutsche Flucht mit Verlusten, Opfern, Krankheit, Hunger, Diebstahl, Raub, Rache, Vergeltung, Aussiedlung und Rückkehr, Repatriierung, vor allem der Zwangsarbeiter, die Problematik der „Displaced Persons“ und der Umsiedlung. Es wird ein großer Faktenreichtum zusammengetragen, der mit zahlreichen Verweisen und Quellen belegt wird.Piskorski relativiert die deutschen Leiden nicht, und er stellt auch zwischen den deutschen Taten und ihren zeitlich versetzt folgenden Leiden keinen Kausalzusammenhang her. Er verschweigt allerdings auch nicht, dass dieser Kausalzusammenhang von vielen Zeitgenossen gesehen und ausgesprochen wurde, vor allem von jenen, die im Westen die Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten aufnehmen mussten und diesen die Schuld an der Katastrophe des deutschen Volkes in die Schuhe schoben. Diese Fehlinterpretation hat sich lange Jahre, teilweise bis heute, in zahllosen Köpfen erhalten.

Mit Bezug auf Andreas Kossert schreibt Piskorski: „Tief in uns hegen wir das Gefühl, dass niemand ohne Schuld aus seiner Heimat flieht. So war in Nachkriegsdeutschland die – selten laut geäußerte – Überzeugung verbreitet, dass die deutschen Vertriebenen Hitlers größte Unterstützer gewesen seien und nun ihre gerechte Strafe erlitten. Dadurch konnte man sich um die Frage nach dem eigenen Anteil am nationalsozialistischen Unternehmen drücken und zugleich seine Abneigung gegen die Landsleute erklären, die zuweilen so schlecht behandelt wurden, dass sogar sowjetische Kommandanten einschritten.“

Der Autor bereichert sein Buch zum einen durch die Schilderung familiengeschichtlicher Hintergründe (z. B. Großvater Stanisław) und bindet sich damit auch persönlich in die Geschichte ein. Zum anderen kommen durchgängig namhafte Schriftsteller zu Wort. Das Hauptkapitel steht unter der Überschrift „So wird wohl das Ende der Welt aussehen“ und fängt mit dem Satz an: „Kriege beginnen fast immer bei schönem Wetter.“ Das ist ein Zitat von Erich Maria Remarque aus seinem Roman „Die Nacht von Lissabon“.

Weitere Autoren, die Piskorski zitiert, sind Isabel Allende (Von Liebe und Schatten), Horst Bienek (Die erste Polka), Heinrich Böll (Der Engel schwieg), Elias Canetti (Masse und Macht), Alfred Döblin (Reise in Polen), Marion Gräfin Dönhoff (Kindheit in Ostpreußen; Namen, die keiner mehr nennt), Gabriel García Márquez (Liebe in Zeiten der Cholera), Günter Grass (Beim Häuten der Zwiebel; Im Krebsgang), Henryk Grynberg (Der jüdische Krieg; Memorbuch), Ernest Hemingway (Auf dem Quai in Smyrna), Viktor Klemperer (LTI), Andreas Kossert (Kalte Heimat), Christian Graf von Krockow (Die Stunde der Frauen), Siegfried Lenz (Heimatmuseum), Karl Schlögel (Kosovo ist überall; Der große Exodus), Wisława Szymborska (Gedichte) und Ernst Wiechert (Das einfache Leben; Missa sine nomine).

„‚Die Sieger haben nicht gewusst, wie viele Herzen sie zerrissen haben‘, sagt in Ernst Wiecherts Roman ‚Missa sine nomine‘ Graf Amadeus zu einem aus Ostpreußen vertriebenen Fischer, dessen Frau es vor Sehnsucht nicht mehr aushält und sich zurück in den Osten aufmacht, wo sie ihr Herz gelassen hat, denn ‚ohne sein Herz kann man nicht leben‘. Das stimmt, nur ist es schwer, überhaupt europäische Sieger im Zweiten Weltkrieg auszumachen – wenn man einmal Stalin ausnimmt, der sich den halben Kontinent unterordnen und die andere Hälfte in seinen Bann ziehen konnte und der unmittelbar nach 1945 den Zenit seiner Popularität erreichte.“

„Die Verjagten“ – auch dieser Titel hat seine besondere Qualität – ist ein Buch voller wichtiger Fakten und Erkenntnisse und tiefer Humanität. Es beschreibt, einschließlich des Jugoslawischen Postskriptums, das Panorama für ein Zentrum gegen Vertreibungen und liefert – obwohl das nicht gesagt wird – die Begründung dafür, warum, trotz des europäischen Charakters der geschilderten Ereignisse, ein solches Zentrum nach Berlin gehört. Das Buch sollte von der Kultusministerkonferenz als Pflichtlektüre für den Geschichtsunterricht empfohlen werden, zumal die zahlreichen Anmerkungen, die Bibliographie, das Personenregister, das Ortsnamenverzeichnis und die Konkordanz der Ortsnamen und geographischen Bezeichnungen viele Möglichkeiten des persönlichen Weiterstudiums eröffnen. Darüber hinaus bleibt Piskorskis Text auch in der deutschen Übersetzung von Peter Oliver Loew ein Glanzbeispiel historischer Narration.

Klaus Weigelt (KK)

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