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Ausgaben: Ausgabe 1346.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

„Brotkrümel kehren in den Ecken“

Klára Húrková (Hrsg.): Nad Strechami Svetlo / Über den Dächern das Licht. Dauphin Verlag, Prag 2014, 336 S., 10 monochrome Fotografien von Lenka Mrázková, 12 Euro

„Die Poesie befindet sich / in der Phase / des Turbo-Staubsaugers / Es ist nötig / zum Besen zurückzukehren / sich Splitter einzuziehen / Brotkrümel zu kehren / in den Ecken.“ Dieses Gedicht von Katerina Bolechová eröffnet in Deutsch und Tschechisch den Band, der eine Auswahl zeitgenössischer Lyrik tschechischer und deutscher Autoren enthält.

Die Auswahl besorgte Klára Húrková, die sich bereits mit den Anthologien „Wende und Winkel“ / „Zmeny a zákoutí“ (2012) sowie „Abziehbilder in der Luft“ / „Obtisky ve vzduch“ (2009) nicht nur als sensible Übersetzerin, sondern auch als Kennerin literarischer Entwicklungen in Deutschland und Tschechien ausgewiesen hat. Klára Húrková, geboren 1962 in Prag, lebt seit 1991 in Aachen. Sie studierte Philosophie an der Karls-Universität in Prag, später Anglistik und Kunstgeschichte an der Technischen Hochschule Aachen und an der University of East Anglia in Norwich.

Seit 1987 tritt sie auch mit Ausstellungen eigener Bilder an die Öffentlichkeit.
Húrkovás neue Anthologie gliedert die aufgenommenen Gedicht- und Kurzprosatexte von 22 tschechischen und 22 deutschen Autoren unter zehn Kapitelüberschriften, mit denen die thematische Ausrichtung signalisiert wird. Das Buch, vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gefördert und bei Dauphin erschienen, repräsentiert ein breites Spektrum lyrischer Weltbetrachtung. Dominant sind auch hier die Gedichte, die subjektive Eindrücke, fast immer reimlos zum Ausdruck gebracht in freien Rhythmen, ins Paradigmatische oder Parabolische überhöhen. In der deutschen Version des Gedichtes „Prag“ von Markus Roloff heißt es: „märztag, herbsttag / pfützenscherben im gesprungenen / straßenpflaster, am wenzelsplatz / gerinnen die reflexe meines leeren atems / zu einer prachtpostkarte …“

Schmerzliche Kapitel der deutsch-tschechischen Geschichte werden nicht berührt. Der Band bietet aber eine Fülle von Beispielen für jene Art von Literatur, die im privaten Beobachtungsfeld große Zusammenhänge entdeckt und thematisiert. „Bau die Welt um / stell dir die Sonne vor“, heißt es im Gedicht „Freiluftmuseum des Neutruhnismus“ von Ivan Bartoš.

Erarbeitet wurde der Band mit großer Sorgfalt. Ausgestattet mit Illustrationsfotos von Lenka Mrázková, stellt er die deutsch-tschechischen Texte jeweils auf zwei Seiten gegenüber. Angefügt ist ein Autorenverzeichnis mit biographischen Angaben. Der Band wird sich als eine Fundgrube für jene Entdecker erweisen, die den Gemeinsamkeiten und Gegensätzen in Sprache und Thematik der zeitgenössischen Literatur Deutschlands und Tschechiens nachspüren wollen.

Erich Pawlu (KK)

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