Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1346.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Sankorn, Wanze, Mensch

Otto Folberth: Das Stundenglas. Ein Roman. Schiller Verlag, Bonn – Hermannstadt 2013, 276 S.

Es gibt Bücher, die den Leser dermaßen bedrängen, dass er die Distanz zu Text und Gegenstand aufzugeben versucht ist. Das sollte er natürlich nicht, er sollte seinen kritischen Blick bewahren. Wenn er aber den Spuren der in dem Buch erzählten Zeitgeschichte in der eigenen Biographie nachsinnen kann und muss, ist es schlecht bestellt um die Distanz.

Die Siebenbürger Sachsen, ein verhältnismäßig kleines Völkchen mit einer unverhältnismäßig wortreich erzählten Geschichte, üben sich seit Jahr und Tag in mehr oder minder kritischem, mehr oder minder verständnisinnigem, ja gefühligem Selbstbezug. Sachsen schreiben Bücher über und für Sachsen, sie reden mit Sachsen über Bücher von Sachsen über Sachsen, man weiß Bescheid, und alle, die nicht Bescheid wissen, täten gut daran, zu lauschen. Allein, sie tun es nicht.

Darum wohl hat der siebenbürgische Schriftsteller Otto Folberth einen Schweizer namens Claude Favre-Rüegg als Nicht-Sachsen zum Protagonisten seines Romans gemacht und ihm die Siebenbürger Lehrerin Susanne – lediglich –  beigesellt  als Zeitzeugin, Traditionsträgerin und Gewährsfrau für all das, was er als europäisch bestallter Flüchtlingsbetreuer in Nachkriegs-Österreich erfährt über das Gemeinschaftsschicksal dieses Völkchens, über Familien- und Einzelschicksale  zwischen Siebenbürgen, den Arbeitslagern im Donbass und der einstweilen, in den späten Vierzigern und frühen Fünfzigern, noch gar nicht so freien Welt des freien Westens.

Der soignierte Claude hat sich unter Entwicklungshilfe etwas Exotisches vorgestellt, die österreichischen Flüchtlingslager um Salzburg jedoch konfrontieren ihn mit mitteleuropäischer Nachkriegsdringlichkeit:  „Der Gegensatz zwischen dem heiteren, genießerischen Treiben der Festspielgäste im Stadtkern und der Not und der Armut in den Lagern draußen am Stadtrand steigert seine Ungeduld, beflügelt seinen Wunsch, mit helfender Tat einen Anfang seiner Tätigkeit in diesem Land zu setzen.“ Tat und Tätigkeit – hier lässt sich Folberth schon zu pleonastischem Überschwang hinreißen, den er im Verlauf seiner Erzählung allerdings einzudämmen weiß. Es folgen vor dem Hintergrund einer Liebesgeschichte Bilder und Szenen aus Österreich und  Siebenbürgen, aus Stalingrad und Salzburg, bei denen man die Absicht durchaus merkt, aber nicht verstimmt ist, schon gar nicht sein muss.

Hier erzählt einer, der weiß, wovon er redet. Horst Schuller breitet in seinem Nachwort die Biographie eines siebenbürgischen Geistes- und Tatmenschen aus, der sowohl  in seiner Heimat als auch nach 1947 in der österreichischen Emigration nicht nachgelassen hat, sein siebenbürgisches Panier zu entfalten in historischen, kunsthistorischen und allgemein landeskundlichen Belangen, der in soziokulturellen und schlicht „landsmannschaftlichen“ Auseinandersetzungen auf politischer Bühne manchen Strauß ausgefochten hat, stets eingedenk jenes Bedarfs an Tat und Tätigkeit.  Es ist das Schlechteste nicht, wenn man über ein Buch sagen kann, der Autor habe das hineingeschrieben, was er nicht tun konnte, und das, was er lieber getan hätte.

Otto Folberth hat in Österreich an einer neuen Heimat für die Siebenbürger Sachsen gebaut, er hat ihr ein kulturhistorisches Fundament zu gießen versucht und vermocht, aber er hat schließlich vor politischen Zwängen, nein, nicht kapituliert, er hat das, was realiter nicht zu schaffen war, literariter gestaltet in einem Buch, das allerdings nicht als Ersatz für Tat und Tätigkeit gelesen werden sollte, sondern als das, was es ist: „Ein Roman“. Die Gattungsbestimmung mit unbestimmtem Artikel eröffnet den Blick auf so viele andere Romane, veröffentlichte, verfasste, aber nicht verlegte, oder auch nur mögliche. Und deren sind Legion.

Claude Favre-Rüegg stößt also auf die Siebenbürger Sachsen, ja verliebt sich in eine von ihnen,  und muss/darf mit fremdem Blick all das betrachten, was einem Westeuropäer – wenn er es denn hätte wissen wollen – nicht verhehlt, aber fern geblieben ist an Ereignissen um die Mitte des 20. Jahrhunderts in der südöstlichen „Mitte“. Die Zivilisationsinsel Schweiz, die Folberth genüsslich vorstellt, und das kulturell selbstverliebte Österreich sind Schauplätze einer mühsamen europäischen Symbiose und Orte, an denen sich erst recht die Fragwürdigkeit jener Zivilisation herausstellt. Vor seinen Augen entfaltet „sich prachtvoll eine offensichtlich bäuerlich geprägte Großgruppe“ – von der nicht viel mehr geblieben ist als ein großes europäisches Fragezeichen. Es sind nicht nur die Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, da antwortet auch ein Herr Tauss aus Bessarabien auf die Frage nach dem Verlust: „Wie groß mein Besitz war? Mein Gott, auf meinen Weideländern pflegte ich nie weniger als 200 Stück Vieh und 500 Schafe zu halten.“

Beziffern kann und will Otto Folberth allerdings nichts, er versucht ein düsteres Panorama zu skizzieren und dem Leser sachte beizubringen, dass die Erfahrungs- und Empfindungsdimension historischen Schicksals menschliches Begreifen übersteigt. Das Bild des Stundenglases, das auf den Kopf gestellt wird, worauf die Sandkörner neuem Zufall anheimgegeben sind, wird hier zum Inbild der Entfremdung und eines Neuanfangs, der ebenso ein Ende bedeuten kann. Mit Claude heiratet Susanne in Europa „ein“, aber: „Begreift Claude Susannes Kummer? Keinesfalls ist er in der Lage, ihn zu beheben. Viele Wünsche wird er ihr in Zukunft erfüllen können. Niemals den einen: ihr einen Ersatz für den Verlust des Zusammengehörigkeitsgefühles zu bieten, das sie einst mit den Ihren verband.“

Nicht immer vermag Folberth in seinem aufklärerischen Drang seine Erzählung von solch bedeutungsschweren Sentenzen freizuhalten: „Ich meinerseits glaube, dass wir besser gefahren wären, wenn wir der alten siebenbürgischen Überlieferung treu geblieben wären. Die achthundertjährige Erfahrung unserer Väter lehrte: Völkerverständigung.“ Das mag einer als wohlfeil bezeichnen, der kein Verständnis aufbringt für die Not eines Menschen, dem die Ratlosigkeit über den Kopf wächst. Dieses Buch heißt „Das Stundenglas“, handelt jedoch von einzelnen Sandkörnern, von Schicksalen und, mit dem epochalen Wort eines Wissenden zu reden, „Schicksallosen“. Es erzählt wortreich, aber nie geschwätzig, und es spricht bei aller historischen Bedeutungstracht, die es zu transportieren hat, unmittelbar zum Leser, etwa wenn bei der Schilderung der Baracke im Arbeitslager der Dichter Otto Folberth so prosaisch wie hochpoetisch vermerkt: „Es gab überhaupt, wie sich herausstellte, reich gestufte Beziehungen zwischen Wanze und Mensch.“

Und wie reich gestuft erst die Beziehungen zwischen den Menschen sind, darüber steht im „Stundenglas“ viel Menschliches, Allzumenschliches.

Georg Aescht (KK)

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