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Ausgaben: Ausgabe 1347.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Wie rumäniendeutsch ist die Literatur Deutscher aus Rumänien?

Heimat – gerettete Zunge. Visionen und Fiktionen deutschsprachiger Autoren aus Rumänien. Pop Verlag, Ludwigsburg 2013, 373 S.,  25 Euro

Aus der Umdeutung eines Gedichts von Hellmut Seiler mit einer Paraphrase auf Elias Canetti, „Der heimatliche Zungenschlag / Zunge, gerettete Heimat, ach dieser Notensalat!“, stammt der Titel dieser Anthologie. Der Band geht auf eine Tagung des Exil-Pens zurück, die im November 2012 in Bad Kissingen stattfand. Nicht nur die Teilnehmer der Tagung sind darin vertreten, sogar das Programm sowie Fotos werden abgedruckt. Aus unterschiedlichen Gründen konnten Herta Müller und Richard Wagner nicht wie vorgesehen an der Tagung teilnehmen, dementsprechend fehlen sie auch mit ihren Texten in der Anthologie, sie tauchen allenfalls in anderen Beiträgen auf.

Der Band ist viergeteilt und stellt Prosa, Lyrik, Dramatik sowie Essayistik vor. Ein ordentlicher Anhang ergänzt das Bild der darin vorkommenden Autoren. Nach dem Vorwort von Wolfgang Schlott, der die Beiträge vorstellt, beginnt Hans Bergel mit zwei autobiografischen Kurzerzählungen aus dem Gefängnis und aus dem Gerichtssaal. In seinem Text „Zwischen Kimme und Korn“ besinnt sich Johann Lippet ebenso auf das dörfliche Milieu wie Balthasar Waitz, dessen Prosa allein schon wegen der eingestreuten Banater Wörter und des Handlungsortes heimatlich anmutet. Es sind Auszüge aus seinem Erzählungsband „Krähensommer“, und da hätte wohl eine vollständige Geschichte besser ins Bild gepasst. Lustig liest es sich trotzdem.

Gerhard Ortinau wiederum nimmt sich etwas gar nicht Heimatliches vor. In seinem eindringlichen Monolog lässt er den kranken Herbert Wehner sprechen. Hellmut Seiler ist mit Lyrik und einem kurzen Prosatext vertreten. Seine „Gerettete Heimatzunge“ ist nachgerade auf die Tagungsproblematik zugeschnitten. Ilse Hehn nimmt den Leser mit nach Kairo, nicht ohne einen lyrischen Abstecher nach Rumänien zu machen. Franz Heinz verbindet Liebesgedicht mit Nostalgie „ohne Anspruch auf Zeit / und auf Heimat“ und bespricht den Band über „Die deutsche Seele“ von Richard Wagner und Thea Dorn. Klaus Hensel beginnt mit einer Reise an einem Tag, „der sich eingeschmuggelt hat bei uns“, und fährt fort mit Gedichten über ein „Beschnittenes Leben“, ein „Versimstes Glück“ und den Koffer seiner Mutter. Franz Hodjak ist mit Lyrik aus seinem neuen Gedichtband vertreten. Horst Samson liefert melancholische Gedichte „vor dem Abgrund der Wörter“ aus dem „Jenseits der Vaterländer“ und seinen aufschlussreichen Essay „Exkurs über eine Endlosschleife“. Dieter Schlesak widmet sein Gedicht „Deutschlandfahrt“ Volker Braun und gedenkt in einem anderen Rolf Bosserts als eines, „der nie ankam“.

In der Sparte Dramatik stellt Frieder Schuller einen Auszug aus „Ossis Stein“, einem parodistischen Stück über Oskar Pastior, vor, über das man streiten kann. Der verstorbene Ingmar Brantsch ist mit einem ausführlichen Essay über den interkulturellen Dialog zwischen Norwegen, Deutschland, Rumänien und Österreich vertreten. Walter Engel liefert einen interessanten Vergleich zwischen den Autoren Esther Kinsky und Balthasar Waitz mit Bezug auf das Banat.

Einen Überblick über die Rezeption der rumäniendeutschen Literatur im Westen bietet Peter Motzan und bezieht sich auf die anfängliche Wahrnehmungsverweigerung, die in eine Wahrnehmungseuphorie umgeschlagen ist auch aufgrund der Einsicht, dass diese Literatur beachtliches künstlerisches Niveau hat. Er sieht den „Exotenbonus“ allerdings als mittlerweile verbraucht an. Schließlich spricht Olivia Spiridon über die Entstehung ihrer Anthologie über die rumäniendeutsche Literatur.

Anstelle der Darstellung von Hans Bergel und Horst Samson durch Renate Windisch hätte man sich aber eine Mitschrift der laut Programm angekündigten Diskussion zu den Perspektiven der rumäniendeutschen Literatur gewünscht, das hätte den Band abgerundet und die „Visionen“ im Untertitel gerechtfertigt. Und man hätte sich vielleicht auch auf eine einheitliche Rechtschreibung einigen oder zumindest vermerken können, dass man dies den Autoren überlassen hat.

Insgesamt liefert der Band einen vielseitigen Einblick in das neueste rumäniendeutsche Schaffen, einen Querschnitt durch die Gattungen und eine, trotz der fehlenden Namen, breite Übersicht der Autoren, ist also sowohl für Unkundige als auch für Kenner der Szene eine recht vergnügliche Lektüre.

Edith Ottschofski (KK)

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