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Ausgaben: Ausgabe 1347.

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Mitten im Mittelgebirge des Taunus: ein „weites Feld“

Rainer Bendel: Hochschule und Priesterseminar Königstein – ein Beitrag zur Vertriebenenseelsorge der katholischen Kirche. Bd. 46 der Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands, Hrsg. Paul Mai. Böhlau Verlag, Köln 2014, 1024 S., geb., 79 Euro

„Ich verstehe die Klagen der Vertriebenen nicht, sie hatten doch alles.“ So der damalige Leiter des Katholischen Büros in Bayern, Prälat Valentin Döring ,vor Jahren zum Rezensenten. Döring meinte den Verlust von Königstein im Taunus.

Weihbischof Gerhard Pieschl als „Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für die Seelsorge an den deutschen katholischen Heimatvertriebenen und Aussiedlern“ (1983–2009) und selbst Alt-Königsteiner, initiierte und finanzierte aus dem Verkauf der Königsteiner Gebäude die Aufarbeitung von Aufstieg und Niedergang von Hochschule und Priesterseminar Königstein durch den Tübinger Kirchenhistoriker Professor Rainer Bendel. Das Quellenverzeichnis beweist die unendliche Mühe, die der Autor schon bei der Recherche aufzuwenden hatte.

Mit dem unbestechlichen Blick des Wissenschaftlers zeichnet er ein bedrückendes Bild und beendet damit nostalgische Verklärungen, auch was die Verantwortlichen, vor allem den „Patriarchen und Organisator“ Weihbischof Kindermann angeht: „Persönlichkeitsstruktur und autokratischer Führungsstil erschwerten die Kooperation in Königstein, verhinderten eine Vielfalt von Initiativen und Konzepten.“ Angesichts der vielen Fehler unfähiger, finanziell unerfahrener, streitlustiger, manchmal hochmütiger Königsteiner Professoren und Prälaten spricht Bendel einmal auf sich bezogen von der „Melancholie des Historikers“. Als mit dem Familiaren des Deutschen Ordens und hessischen Landtagsabgeordneten Richard Hackenberg von der Ackermanngemeinde endlich ein Laie in die Mitverantwortung kam, war es zu spät. Er konnte den Niedergang nicht mehr aufhalten.

In einer schwierigen und spannungsvollen Kooperation – wie Bendel festhält – hatte der vom Papst zum Flüchtlingsbischof berufene Ermländer Maximilian Kaller 1946 den Grundstock für das theologische Zentrum der Vertriebenen geschaffen. Es ging ihm um die Sorge für 1800 Flüchtlingspriester, die Seelsorge für die Vertriebenen in den norddeutschen Diasporabistümern, den Priesternachwuchs und die dafür notwendigen Gymnasialabschlüsse der Flüchtlingsjungen, nicht zuletzt um die zu Waisen gewordenen Kinder.

Kaller belastete, dass manche seiner bischöflichen Mitbrüder die Größe der Aufgabe nicht erfassten. Nach Bendels Meinung war Königstein für die Deutsche Bischofskonferenz ein „ungeliebtes Kind“. Wie Kardinal Frings „von Kaller als einer Zierde des deutschen Episkopats“ zu sprechen, war und ist man noch weit entfernt. Der Bildteil von Bendels Buch zeigt Kallers Königsteiner Grabstein, nicht jedoch das neue Denkmal für ihn, Weihbischof Kindermann und „Speckpater“ Werenfried.

In einem gewaltigen Aufbruch waren seit 1946 in den Königsteiner Kasernen Hochschule und Priesterseminar, Konvikt und Gymnasium entstanden. Dazu kamen die Aktion „Kapellenwagen“, als Nachrichtenbörse zur Situation jenseits des Eisernen Vorhangs jährliche Kongresse „Kirche in Not“, Publikationen, Wallfahrten usw. Königstein wurde zum „Vaterhaus der Heimatvertriebenen“. Bleibendes Verdienst: die Ausbildung von 417 Priestern, aus denen vier Bischöfe hervorgingen.

Manche westdeutschen Bischöfe fürchteten daher eine Parallelseelsorge ohne ihren Einfluss. Dass bei den katholischen Heimatvertriebenen bis heute besonders kirchen- und papstreue Kernkreise entstanden sind, will mancher nicht wahrhaben.
Ohne Zweifel hat Bendel ein für die katholische Kirche der Nachkriegszeit außerordentlich wichtiges Buch verfasst. Die stellenweise deprimierende Lektüre wird dadurch erleichtert, dass der Autor sein Werk in viele kurze Kapitel gegliedert hat. Bedeutsam ist der fast 200 Seiten umfassende Dokumentarteil. Das Ende von Königstein im Jahre 2000 war allerdings wohl würdeloser, als die Akten das bezeugen. Der Rezensent hat einiges von Zeitzeugen erfahren.

Norbert Matern (KK)

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