Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1347.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

„Die Abneigung jedes Menschen gegen die Bestrebungen jedes andern Menschen, in der wir heute alle einig sind”

Peter Becher (Hg.): Kakanische Kontexte. Reden über die Mitte Europas. Otto Müller Verlag, Salzburg – Wien, 2014, 224 Seiten

Schweres Gedenken, das Europa 2014 auferlegt ist. Politiker, Radio und Fernsehen, Redaktionen, Verlage, Medien, sie alle tun ihrer Gedenkpflicht quotenträchtig Genüge, man muss das Elend zwar nicht feiern, aber beschwören, wie es gefallen ist. Als es 1914 auf die europäische Welt fiel, waren nicht nur hochmögende Herrscher oder tiefgründelnde Dichter und Denker, da waren alle Menschen schlichtweg Menschenkinder, die es so nicht hatten kommen sehen und bestenfalls vermochten, sich selbst beim Namen zu rufen: Menschen(s)kinder!
Heute haben die Kinder jener Kinder die Muße, der Sprach-, Hilf- und Aussichtslosigkeit nachzusinnen, und es ist gut, wenn das Nachsinnen früh ansetzt.

Der Adalbert Stifter Verein in München hat das Seine getan und wissenschaftlich versierte Nachkommen eingeladen, über jene Welt nachzudenken, die damals zusammengebrochen ist, und darüber zu reden. Persönlichkeiten aus Bosnien, Deutschland, Frankreich, Kroatien, Österreich, Polen, Ungarn und der Slowakei wurden unter Mithilfe zahlreicher Einrichtungen und dem Einsatz einzelner Personen, so der Herausgeber Peter Becher, „um die Vorstellung ihrer Sicht auf Musils Kakanien, den Untergang der Donaumonarchie, die Nachfolgestaaten und die weitere Entwicklung bis zur Osterweiterung der Europäischen Union“ gebeten. Nicht Historiker im strengen Wortsinn sind das, es sind „Autoren“, ihre „Autorität“ beziehen sie aus der Lektüre, aus dem Wissen um und dem Reflektieren von Zusammenhängen, wie sie sich aus heutiger Sicht auftun, aus Reminiszenzen aller Art bis hin zu Reiseerlebnissen und Familienerinnerungen.

Das alles steht unter dem Zeichen einer gleicherweise treffenden wie irrwitzigen Metapher, die Friedrich Torberg geprägt hat: Der „innere Doppeladler“ hatte seine Schwingen über ein ganzes Reich gebreitet, das in einer ratlosen Selbstgefälligkeit verharrte und nun plötzlich vor der Herausforderung stand, Geschichte zu machen, um nicht der Geschichte zu verfallen. Ersteres ist ihm nicht nur nicht gelungen, sondern abgründig missglückt. Dabei sind diese Vokabeln läppische Euphemismen im Verhältnis zu dem Leid, das über die Menschen mit jenem Doppeladler im Inneren kam, gleichwohl ist ein Gedenken der „Kontexte“, die es bei allen Gegensätzen einmal gegeben hat, legitim.

Wer anders als ein Prosadichter wie Joseph Roth hätte sie, die Gegensätze wie die Kontexte, besser zu erspüren und zu formulieren vermocht? Christoph Stölzl zitiert ihn neben Robert Musil und Thomas Mann als Kronzeugen: „Ich will damit sagen, daß das sogenannte Merkwürdige für Österreich-Ungarn das Selbstverständliche ist. Ich will zugleich damit auch sagen, daß nur diesem verrückten Europa der Nationalstaaten und der Nationalismen das Selbstverständliche sonderbar erscheint.“ Und ebenfalls Christoph Stölzl bringt auf den Punkt, was zu sagen ist, wenn man etwas so auf den Punkt gebracht findet: „Da haben wir’s.“ Er bekennt damit, was sich einem jeden aufdrängt wider besseres Wissen um die fatalen Folgen: Die Beschäftigung mit „kakanischen Kontexten“ kann intellektuelle Freude bereiten, sie macht nachgerade Spaß.

Nostalgischer Freude frönt Karl Markus Gauß mit der Geschichte seines geschäftstüchtigen donauschwäbischen Großvaters, der einen Koffer voller Geld durch alle Wirren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gebracht hatte und ein armer Mann war, weil er auf die falsche Währung gesetzt hatte, oder mit der freundlich resignierten Feststellung, dass die deutschen und die tschechischen Avantgardisten Prags zwar fulminant waren, „so avantgardistisch, dass sie sich füreinander interessiert hätten, waren aber nur wenige“. Ihm gelingt sogar eine Volte in die Gegenwart, deren Spannkraft sich ebenfalls aus reizvoll verqueren verflossenen „Kontexten“ speist: „Die Agonie der Donaumonarchie dauerte so lang, dass sie schon fast geeignet war, deren Vitalität zu bezeugen; ob die Europäische Union es zuwege bringen wird, ihre Legitimation ausgerechnet aus ihrer permanenten Krise zu beziehen …, muss man leider bezweifeln.“

György Konráds subtil ausdifferenzierte Donaumetapher korrespondiert mit Gaußens Diktum von der kakanischen „fließenden Identität“.  Dzevad Karahasans bosnische Erzählung von „einer großen Ansammlung von Gemeinschaften“ beschwört „Toleranz, Nostalgie, der andere als Subjekt, das alles sind Begriffe, die heute wieder extrem präsent sind. Sie sind unzweifelhaft mit Kakanien verbunden.“ Karl Schlögel umreißt mit bestechender Sensibilität das von Wien geprägte  – horribile dictu – „Corporate Design“ der Monarchie, liefert aber auch Robert Musils Generalschlüssel für all jene offenliegenden Geheimnisse mit: „Und es war auch nichts Wirkliches gewesen. Es hatte sich bloß die Abneigung jedes Menschen gegen die Bestrebungen jedes andern Menschen, in der wir heute alle einig sind, in diesem Staat schon früh, und man kann sagen, zu einem sublimierten Zeremoniell ausgebildet.“

Die Einigkeit in der Abneigung illustrieren trefflich Isabel Röskau-Rydel mit „Überlegungen zur Wahrnehmung Galiziens in Vergangenheit und Gegenwart“, Radoslav Katicic „im Rückblick eines kroatischen Nachgeborenen“, und Elena Mannová greift noch einmal auf die hohnlachende Verzweiflung Friedrich Torbergs zurück, der den Untergang der Monarchie als „eine der katastrophalsten Humorlosigkeiten der Weltgeschichte“ beklagte.

Des Kakanischen eher unverdächtig, beharrt Jacques le Rider auf der utopischen Qualität eines Kulturmodells, dessen immanente Tragik Franz Kafka so verquält wie souverän ironisch auf die Formel vom Leben und Schreiben „zwischen drei Unmöglichkeiten“ gebracht hat: „der Unmöglichkeit, nicht zu schreiben, der Unmöglichkeit, deutsch zu schreiben, der Unmöglichkeit, anders zu schreiben, fast könnte man eine vierte Unmöglichkeit hinzufügen, die Unmöglichkeit zu schreiben. […] also war es eine von allen Seiten unmögliche Literatur, eine Zigeunerliteratur, die das deutsche Kind aus der Wiege gestohlen und in großer Eile irgendwie zugerichtet hatte, weil doch irgendjemand auf dem Seil tanzen muß.“

Alle, die damals schrieben und hier geredet und geschrieben haben, tanzen auf dem Seil, zum Zerreißen straff gespannt zwischen dem, was vielleicht hätte werden können, und dem, was geworden ist – dem Gegenteil. Jacques le Rider insistiert mit gütiger Strenge: „Im Begriff Kakanien ist eine Variante der europäischen Idee enthalten, die der Vorstellung eines supranationalen europäischen Staatsgebildes den Vorzug gibt“, und ruft wieder den versoffen klarsichtigen Kronzeugen Joseph Roth auf: „Das Wesen Österreichs ist nicht Zentrum, sondern Peripherie.“ Nehmen wir Österreich für Europa, rücken wir die Peripherie ins Zentrum, dann sehen wir zwar nicht klarer, dieses Buch ist immerhin eine Brille. Blinden hilft sie nicht, aber zu denen wollen wir uns ja auch nicht zählen.

Georg Aescht (KK)

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