Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1348.

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Böhmen, den Nazis ein böhmisches Dorf

In der Reihe der „Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa“ legt Volker Mohn einen umfangreichen Band über die nationalsozialistische Kulturpolitik im seit 1939 besetzten Böhmen und Mähren vor, insgesamt 470 Seiten Text und 41 Seiten zusätzliche Verzeichnisse und Register. Die Arbeit entstand 2011 mit deutscher und tschechischer Unterstützung an dem von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf kurzsichtigerweise leider aufgegebenen Lehrstuhl, der noch immer nicht wiedereingerichtet worden ist.

Sie liefert einen gründlichen Einblick in die kontrollierte tschechische Kulturautonomie in allen Sparten des Kulturlebens, der Literatur, der Musik, von Film und Theater. Darüber hinaus erfährt man Überraschendes: Die NS-Politik war bestrebt, der tschechischen Kultur in Prag möglichst Gleichwertiges entgegenzusetzen.

So wurde das Sudetendeutsche Orchester aus Reichenberg nach Prag verlegt. Da weder der Dirigent noch die Leistungen als zufriedenstellend bewertet wurden, hatte Hitler schon seine Auflösung angeordnet, die jedoch aufgrund des Einspruchs von Staatssekretär Frank in Zusammenarbeit mit Joseph Goebbels verhindert wurde. Es wurde in das Deutsche Philharmonische Orchester umgewandelt, erhielt als solches entsprechende Finanzmittel und in Joseph Keilberth, einem gebürtigen Karlsruher, 1940 einen hervorragenden neuen Dirigenten. Nach der Vertreibung aus Prag entstanden daraus die Bamberger Symphoniker.

Da eine deutsche Oper nicht zu leisten war, wurde in den folgenden zwei Jahren vom Generalintendanten der Deutschen Theater in Prag, Oskar Walleck, mit Unterstützung der Protektoratsregierung eine Deutsche Operette ins Leben gerufen, die jedoch überwiegend mit Tschechen besetzt wurde. Der weiter verfolgte Plan einer Deutschen Oper erfüllte sich 1943/44 auf unerwartete Weise. Theater und Tonhalle waren Ende 1942 in Duisburg durch Bombenangriffe zerstört worden. Duisburg und Joseph Goebbels vereinbarten daher den Umzug der Duisburger Musiker samt Familien (442 Personen) nach Prag, wo das Ensemble ab November 1943 bis August 1944 gastierte, bis durch den Kriegsverlauf bedingt die meisten tschechischen und deutschen Kulturbetriebe schlossen.

Mohn befasst sich auch detailliert mit dem tschechischen Dirigenten Václav Talich, dem Leiter der Tschechischen Philharmonie. Die NS-Besatzungsmacht bemühte sich sehr um diesen bedeutenden Dirigenten, der persönliche Konzessionen machte, um das tschechische Musikleben und Nationaltheater aufrecht zu erhalten. Seine schwierige Lage und Haltung wurde vom tschechischen Exil in London und später vom kommunistischen Minister Nejedly als Verrat und Kollaboration bewertet. Er wurde zeitweise inhaftiert, dann entlassen, konnte aber nur im slowakischen Pressburg/Bratislava wieder dirigieren und erst 1952 nach Prag zurückkehren.

Die schwierige, wenn auch im Vergleich zu anderen deutsch besetzten Ländern ungleich bessere Lage des Kulturlebens in den böhmischen Ländern wird in ihrer ganzen Komplexität deutlich. Einzelne Personen auf deutscher und tschechischer Seite spielten eine Rolle und konnten beschränkt und kontrolliert der Kultur Freiräume erhalten. Die nationalsozialistische Indoktrination, die mit der Kulturpolitik verbunden war, konnte keinen Erfolg verbuchen.

Rüdiger Goldmann (KK)

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