Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1348.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Man weiß ja nie – zuviel

Wulf D. Wagner: Das Rittergut Truntlack 1446–1945. 499 Jahre Geschichte eines ostpreußischen Gutes. Zwei Bände, 756 Seiten; zahlreiche, teils farbige Abbildungen, gebunden, Husum Verlag, Husum 2014, 49,95 Euro

Als mir Wulf D. Wagner (Jahrgang 1969), der bekannte Experte für Architekturgeschichte, beim Deutschlandtreffen der Ostpreußen in Kassel die voluminösen Bände zeigte, begegnete mir dieser Name zum ersten Mal, und ich fragte mich, wie der Auftraggeber der Arbeit, Rolf Dyckerhoff, in seinem Geleitwort: „Warum dieses Buch?“ Wer hat darauf gewartet? Welche „Nachrichten aus einer untergegangenen Welt“ sind hier zu finden?

Unter zwei Bänden macht es Wulf D. Wagner kaum. Die „Kultur im ländlichen Ostpreußen“ (2008/2009) befasst sich in zwei Bänden detailliert mit den Menschen, der Geschichte vom Mittelalter bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und den Gütern im Kreis Gerdauen südwestlich von Insterburg, heute in der russischen Kaliningradskaja Oblast gelegen, ein grundlegendes Werk. Ebenfalls in zwei Bänden publizierte Wagner 2007 und 2011 eine einmalige Bau- und Kulturgeschichte des Königsberger Schlosses von 1255 bis 1968, deren erste Auflagen beim renommierten Verlag Schnell & Steiner in Regensburg bereits vergriffen sind. Mit diesem Monumentalwerk ließ der Autor das berühmte, von den Russen 1968 definitiv zerstörte Schloss in Königsberg in seinen verschiedenen Bau- und Geschichtsepochen anschaulich wiedererstehen und gab dem Leser mit reichem, vielfach farbigem Bildmaterial plastische Eindrücke von diesem einst wunderbaren Bauwerk.

Und nun Truntlack. Wagner versteht es, sein jeweiliges Thema aus der geografischen oder lokalen Vereinzelung zu lösen, in kulturelle, historische, gesellschaftliche und politische Beziehungsfelder einzubinden und damit zugleich einen Rahmen zu setzen, der jeden allgemein an Geschichte interessierten Leser anspricht und mit reizvollen Erkenntnissen konfrontiert. Dazu kommt, dass Wagner erzählen kann und seine Geschichten mit Bildern und Dokumenten zu lehrreichen Wanderungen gestaltet. Er nutzt dafür bisher unveröffentlichte Akten und Abbildungen aus deutschen und europäischen Archiven sowie aus Privatbesitz.

In der Beschreibung des östlich von Gerdauen gelegenen Gutes Truntlack seit 1446 begegnen uns viele preußische und deutsche historische Schlüsselereignisse wie der Niedergang des Deutschen Ordens im Dreizehnjährigen Krieg (1454–1466), die Regierungszeit des Großen Kurfürsten (1640–1688) und die anschließende Regierung Friedrichs III., der ab 1701 nach seiner Selbstkrönung in Königsberg bis 1713 als König Friedrich I. regierte, die Napoleonischen Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts und die politischen Ereignisse in Deutschland bis zur Gründung der Familienstiftung Truntlack 1885, die Zeiten des Ersten Weltkriegs, der Weimarer Republik, des „Dritten Reichs“ bis zum Zweiten Weltkrieg mit dem Untergang 1945.

In diese Ereignisse bindet Wagner die Gutsgeschichte Truntlacks, die Verträge über die lange Besitzerfolge der Nachfahren Georg von Schliebens (ca. 1425 bis 1478), die Herausbildung einzelner Grundherrschaften in den Kreisen Gerdauen und Darkehmen und die Kultivierung weiter Teile der Großen Wildnis sowie die Entwicklung vom Lehen zum Privateigentum mit den verschiedenen Besitzern des Gutes bis zur Gründung der Familienstiftung und deren Geschichte bis zum „Ende ohne Ausblicke“. – Heute ist Truntlack verschwunden, zurückgeblieben ist wieder eine Wildnis wie vor Jahrhunderten, aus der nur die vier ausgewachsenen Linden herausragen, die einst die Terrasse des Gutes säumten. Zwei Fotos geben Zeugnis von der Gnadenlosigkeit historischer Realität.

Neben den vielfach farbigen Abbildungen, Plänen und Dokumenten zeigt der erste Band eine übersichtliche Stammtafel und Besitzerfolge Truntlacks und der zweite Band eine „Special Karte“ des Kreises Gerdauen aus dem Jahre 1865. Eine Zusammenfassung der Geschichte Truntlacks (deutsch/russisch), eine Zeittafel, ein Verzeichnis der Bewohner Truntlacks und seiner Vorwerke zum Zeitpunkt der Flucht sowie ein ausführliches  Quellen- und Literaturverzeichnis machen die beiden Bände zu einem Nachschlagewerk. So überrascht es nicht eigentlich, dass Wagner am Ende des zweiten Bandes für 2015 ein weiteres Buch über die „Bevölkerungsentwicklung des Rittergutes Truntlack in Ostpreußen 1694–1945“ ankündigt.

Klaus Weigelt (KK)

«

»