Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1348.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Ein „Narrativ“ vom „Schneewittchensyndrom“

Mein Schlesien – meine Schlesier / Mój Slask – moi Slazacy. Zugänge und Sichtweisen. Leipziger Universitätsverlag 2014, 389 Seiten, 32 Euro

„Schlesien ist immer dabei.“ So lautet der Titel einer anrührenden Erinnerung von Monika Taubitz an ihre Kinderjahre in Schlesien in diesem Buch. Als Teil zwei einer früheren Publikation verdeutlicht der zweisprachige Wendeband, welche „Zugänge und Sichtweisen“ frühere und heutige Bewohner mit dem Land und dem Begriff Schlesien verbinden. Die Herausgeber, Prof. Dr. Marek Halub, Germanist an der Universität Breslau, und der Historiker Prof. Dr. Matthias Weber, Oldenburg, wurden bei diesem Projekt durch die Deutsch-Polnische Gesellschaft der Universität Wroclaw/Breslau unterstützt. Der Leipziger Universitätsverlag hat dem Buch ein repräsentatives Erscheinungsbild gesichert.

Der Verlag deklariert im Internet den Band als Umsetzung der „Idee, ein Narrativ der schlesischen Kulturgeschichte aus den Erfahrungen der polnischen und deutschen Wissenschaftler zu entwerfen“. Diese geglückte Kooperation setzt verständlicherweise den Hauptakzent nicht auf die Erinnerung an erlittenes Leid in den deutsch-polnischen Auseinandersetzungen, sondern auf die Intention, „Bezugspunkte des kollektiven und des individuellen Gedächtnisses und dadurch auch des Selbstverständnisses sichtbar werden zu lassen“. Die Herausgeber erklären im Vorwort: „Schlesien und die Schlesier haben aus einem Irrgarten der Vergangenheit herausgefunden und Zukunftsperspektiven entwickelt. Europa ist hier in besonderer Weise zugegegen. Schlesien ist sogar eine Avantgarderegion des europäischen Gedankens geworden.“

16 deutsche und polnische Wissenschaftler, Politiker, Geistliche, Schriftsteller und Musiker geben auf Deutsch und auf Polnisch Auskunft über ihre Bindungen an Schlesien, sodass sich nach Überzeugung der Herausgeber eine „in die Zukunft weisende Wahrnehmung Schlesiens andeutet“. Bestätigt wird diese Wahrnehmung Schlesiens als europäische Provinz in den persönlichen Stellungnahmen und Bekenntnissen. Aber diese Sicht ist erst im Prozess des Entstehens.

Im Interview mit Marek Halub verweist Bogdan Zdrojewski, der in Glatz geborene  Minister Polens für Kultur und nationales Erbe, auf das Ringen um einen für die Zukunft gültigen, auf der Bewältigung der Vergangenheit basierenden Schlesien-Begriff. Er lässt keinen Zweifel daran, „dass die Geschichte dieser Region weiterhin viele Züge von Fremdheit und Rätselhaftigkeit in sich trägt“. Dennoch ist Zdrojewski zuversichtlich. Da die gegenwärtige Entwicklung Europas die regionalen Unterschiede nicht ignoriert, gelangt er zum Schluss: „Schlesien weckt Interesse.“
Die Erinnerung an persönliche Erlebnisse in Schlesien hat gelegentlich die Kraft, ein bestimmtes Datum zum Gedenktag zu erheben. Norbert Conrads, der 1938 in Breslau geboren wurde und bis 2003 Professor für Geschichte an der Universität Stuttgart war, verdeutlicht diese Auswirkung der persönlichen Erlebnisse auf seine Familie: „Wir vergaßen nie, dass es der 27. Januar 1945 war, an dem wir von Schlesien Abschied nehmen mussten, aber dasselbe Datum wurde später noch von einem anderen überlagert, dem Holocaust-Gedenktag, denn am selben Tage wurde die Überlebenden von Auschwitz durch die Rote Armee befreit.“

Prof. Dr. Ewa Michnik, die im Mai 2014 in Leipzig mit dem Richard-Wagner-Preis ausgezeichnet wurde, hat als Intendantin und Dirigentin der Opery Wrocławskiej in Breslau beste Arbeitsbedingungen vorgefunden. Ihre erfolgreiche Inszenierung der Wagner-Tetralogie „Ring des Nibelungen“ im Jahre 2006 versteht sie als ein Bekenntnis zu Europa. Auf der Internetseite www.omm.de/artists/michnik.html wird sie mit programmatischen Sätzen zitiert: „Ich habe festgestellt, dass es heute eine geradezu ideale Voraussetzung dafür gibt, den ‚Ring des Nibelungen‘ in Breslau aufzuführen. Die Voraussetzung nämlich, dass wir alle uns als Europäer fühlen, dabei wollen wir selbstverständlich unsere Geschichte nicht vergessen. Aber zugleich verstehen wir, dass wir dazu aufgerufen sind, gemeinsam eine europäische Kultur aufzubauen.“ Breslau sei dafür der geeignete Ort. Diese Überzeugung veranlasst Ewa Michnik, ihren Beitrag mit dem Ausdruck der Zuversicht abzuschließen: „Mein Schlesien hat in Zukunft die Chance, seine Vorzüge als interessanteste und schönste Region Polens unter Beweis zu stellen.“

Obwohl der Blick der Autorinnen und Autoren auf Schlesien aus unterschiedlichen Perspektiven erfolgt, kennzeichnen sich alle Stellungnahmen durch Appelle zur Friedfertigkeit, durch das Bekenntnis zu einem umfassenden Europabegriff und durch Würdigungen der heutigen Bedeutung Schlesiens. Jan Miodek, Polonist an der Universität Breslau, würdigt das traditionelle „außergewöhnliche Arbeitsethos“ der schlesischen Bevölkerung. Der amerikanische Historiker Fritz Stern, 1926 in Breslau geboren, beantwortet im Interview mit dem Geschichtswissenschaftler Tobias Weger die Frage, ob er auch heute „noch ein Stück weit Breslauer“ sei, mit der präzisierenden Formel: „Ein kleines Stück, möglicherweise. Aber ein sehr viel größeres Stück ist Europa, und in der Mitte zwischen ‚klein‘ und ‚groß‘ ist Deutschland …“ Marek Czablinski, Geschichtsprofessor an der Universität Breslau, berichtet unter der Überschrift „Der schwierige Wandel vom Krakauer zum Breslauer“, dass ihm ein Bildband den Blick für die Problematik einseitiger Geschichtsbetrachtung geöffnet habe. Das Buch, erschienen in der Volksrepublik Polen, habe keinen Hinweis auf die deutsche Geschichte der Stadt enthalten.

Czablinski habe erkannt, dass diese „Verfälschung der Realität“ zur „Schaffung eines ganz künstlichen Vergangenheitsbildes“ führen muss. „So entwickelte ich allmählich die Fähigkeit, die Vergangenheit von verschiedenen Seiten zu betrachten.“ Medizinprofessor Norbert Heisig, der 2001 die Deutsch-Polnische Gesellschaft der Universität Breslau gründete, äußert seine Dankbarkeit für alles, „was in Zusammenarbeit mit den polnischen Kollegen ermöglicht wurde … So stehen wir heute als Deutsche und Polen im geeinten Europa zusammen unter dem Dach unserer verehrten Alma Mater Wratislaviensis, der wir uns zutiefst verbunden fühlen.“

Diese Brückenbau-Erfahrung teilt auch Kurt Masur. Der weltweit tätige Dirigent, 1927 im niederschlesischen Brieg geboren, sieht in der geographischen Lage Schlesiens eine Chance für die friedliche Zukunft Europas: „Wenn man es recht besieht, hatte Schlesien ja immer eine Mittlerrolle. Schlesien war immer schon das Mittelstück zwischen Polen, Tschechien und Deutschland …“

Dem Geist der Verständigung fühlen sich auch die weiteren Beiträge verpflichtet. Die Autorinnen und Autoren, zumeist mit dem Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen ausgezeichnet, werten die Wunden der Vergangenheit als entscheidenden Impuls für die Verpflichtung, aus Schlesien ein Beispielland der europäischen Verständigung zu formen.

Prof. Dr. Arno Herzig („Schlesien hat ewigen Bestand“), Dr. Maciej Łagiewski („Sonst nichts als heim!“), Joachim Kardinal Meisner („Erinnerungen an ein geliebtes Land“), Erzbischof Alfons Nossol („Schlesien, Slask, Slezsko“), Wolfgang Thierse („Meine Erinnerungslandschaft“), die polnische Psychologin und Schriftstellerin Olga Tokarczuk („Das Schneewittchensyndrom und andere niederschlesische Träume“) und der Schriftsteller und Maler Henryk Waniek („Schlesien lesen“) treten mit ihren Beiträgen dafür ein, dass Schlesien eine paradigmatische Bedeutung beim Bemühen um die Verständigung ehemals verfeindeter Staaten gewinnt.

Durch besonderen erzählerischen Reiz kennzeichnet sich der bereits erwähnte Beitrag der deutschen Schriftstellerin Monika Taubitz, die 1937 in Breslau geboren wurde. Sie schildert, wie sie sich in frühen Kindesjahren die Welt mithilfe von Büchern erschloss, aber auch die traumatischen Erlebnisse des Heimatverlusts. „Es war nicht viel geblieben von unserer gewohnten Welt, unserem Besitz, der sich nun noch über längere Zeit mit zwei Händen davontragen ließ.“ Aber jetzt, in der Fremde, die sich nur langsam in eine neue Heimat verwandelte, entstand für Monika Taubitz eine ganz neue Bindung an die schlesische Heimat. „Was ich durch meine Geburt längst war, kam mir erst jetzt zu Bewußtsein. Hier erst wurde mir, dem damals kleinen Mädchen, klar, daß ich eine Schlesierin bin.“

Erich Pawlu (KK)

«

»