Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1350.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Märchenhaft, trostlos

Lola Lafon: Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte. Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke. Piper, München 2014, 288 Seiten, 19,99 Euro

17. Juli 1976 erturnte sie als Vierzehnjährige bei den Olympischen Spielen in Montreal (Kanada) erstmals in der Geschichte des Kunstturnens am Stufenbarren die Note 10.00. Diese wurde mit 1.00 angezeigt, weil die Höchstnote als unerreichbar galt und die Anzeigetafel demnach nicht dafür programmiert war. Als das spätabends im rumänischen Fernsehen übertragen wurde, saß ich ganz vorn mit anderen Kindern auf dem Betonboden einer Lkw-Halle. In dieser hatte jemand einen Fernseher damaligen Stands der Technik hingestellt, und vor dem Gerät drängelten sich vielleicht 200 Menschen aus dem Großsanktnikolauser Wohnblockviertel Republicii-Straße meiner Kindheit. Rumänen, Ungarn, Serben, Bulgaren, Deutsche – bei der 1.00 waren sie kollektiv aus dem Häuschen. Es war wohl das erste Public Viewing meines Lebens, viele Jahre bevor der Begriff Eingang ins Neudeutsche fand!

Kein Wunder also, dass ich höchst gespannt war auf den ersten Nadia-Comaneci-Roman. „Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte“ heißt das Buch der französischen Schriftstellerin Lola Lafon (geboren 1975), das es im Frühjahr in Frankreich zu einem auch von der Kritik gefeierten Bestseller schaffte und jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt. Nun habe ich keinen weichgespülten Blick zurück erwartet und auch kein wie auch immer geartetes literarisches Denkmal für ein Mädchen, das um den Preis seiner Kindheit Sportgeschichte geschrieben hat. Aber nachdem ich das Buch durch hatte, war ich ratlos. Die Bezeichnung Roman erscheint mir als eine Schutzbehauptung.

Lola Lafon bietet zwar immer wieder verblüffende Wortgymnastik an, kann sich aber nicht entscheiden: zwischen Fiktion und Tatsachenbericht; zwischen teilweise feministisch eingefärbter Kommunismus- und Kapitalismuskritik; zwischen Bewunderung und Geringschätzung der Protagonisten, neben Nadia Comaneci vor allem ihres Trainers Béla Károlyi und ihrer Mutter Stefania; zwischen Mitgefühl und Zynismus angesichts der Zustände im Rumänien der 70er und 80er Jahre, wobei sie da in Beschreibung und Interpretation zwar nicht sonderlich überrascht, aber noch am stärksten, ja so nachvollziehbar ist, dass es mir stellenweise unter die Haut ging.
Der Essay setzt mit dem legendären Moment der Eins Komma Null Null von Montreal ein. Lola Lafon geht dann zurück ins Jahr 1969, als Nadia Comaneci von Béla Károlyi zufällig entdeckt wird. Um dann zu beschreiben, wie ein Mädchen zur Weltspitzensportlerin getrimmt wird, um als gewöhnliche Frau zu enden, für die die Flucht in die Freiheit am 28. November 1989 über die rumänisch-ungarische Grenze bei Großsanktnikolaus zunächst den Absturz bedeutet. „Biomechanik einer kommunistischen Fee“ heißt eines der Kapitel, die die Schinderei hinter dem Medaillenglanz beleuchten. Und daran erinnern, dass die einstmaligen Bruderstaaten ganz und gar nicht brüderlich miteinander umsprangen, wenn es um das Olympiagold ihrer Mädchen ging.

Nadia Comaneci ist heute 52 Jahre alt. Sie hat den ehemaligen amerikanischen Kunstturner Bart Conner geheiratet und lebt im US-Bundesstaat Oklahoma. Und weil ich sie ganz anders in Erinnerung habe, rief ich bei Youtube einige der Filme von 1976 auf. Die kleine – von mir aus – „Kommunistin“ lächelte sehr wohl, wie jedes Kind.

Marius Koity (KK)

«

»