Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1350.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Der Duft in der Sonne getrockneter Wäsche

Karin Gündisch: George oder Vom aufrechten Gang des Menschen. Schiller Verlag, Bonn/Hermannstadt 2013, 9,70 Euro

Eine Kindheit sollte glücklich sein, möchte man annehmen, und so war wohl auch die Kindheit des Protagonisten George in Karin Gündischs neuem Jugendbuch, wenn auch mit einigen Hindernissen. Denn der aufgeweckte Teenager muss sich nicht nur mit aufkommenden Liebessorgen herumschlagen, sondern auch mit einem boshaften Lehrer. Dieser – als „Stopfen“ verhohnepiepelte – Schuldirektor und gleichzeitig Geschichtslehrer notiert penibel und schadenfroh die Vergehen seiner Schutzbefohlenen in einem ominösen gelben Heft, und seine bevorzugte Erziehungsmethode besteht darin, die Jungs beim kleinsten Widerstand zum Friseur zu schicken, wo sie kahlgeschoren werden.

Es ist ein Malheur, das unserem Helden George gleich im ersten Kapitel widerfährt. Eine Wollmütze hilft ihm anderntags leidlich darüber hinweg, und so kann ihn sein Missgeschick nicht davon abhalten, die reizende und nach im Wind getrockneter Wäsche duftende Anitza zum Geburtstag zu küssen.

Unaufgeregt berichtet Karin Gündisch von dieser scheinbar normalen Kindheit in einem siebenbürgischen Dorf, und sie ist trotz der Ceausescu-Zeit, in der sie spielt, eben scheinbar normal. Von den Widrigkeiten und dem Aberwitz erfährt man nur am Rande.

So fügen sich die wiederholten Versuche des Nachbarn Iancu, mit Georges Mutter ins Geschäft zu kommen, scheinbar nahtlos in das vermeintlich unverfängliche Gesamtbild ein, obwohl die Geschäftsideen abenteuerlich daherkommen und von einer Champignon- bis zu einer Biberzucht reichen. Die Mutter lässt sich auch immer wieder begeistern, um dann aber doch lieber eine Stelle in der Küche des neuen Kindergartens anzustreben. George hingegen muss sich mit der „glänzenden Aussicht“ auseinandersetzen, eine Militärschule zu besuchen, um Karriere zu machen. Auch er will aber lieber bei seinen Leisten bleiben.

Sonst passiert nicht gerade viel Spannendes in diesem Buch, abgesehen davon, dass mal ein Fahrrad geklaut wird oder Anitza Kirschen dargebracht werden. War es eine „Bleierne Zeit? Nein, es war vielmehr die Zeit, um auszuziehen und die Welt zu erobern. Und im Mittelpunkt dieser Welt stand Anitza.“ Und so wird ganz behutsam über diese aufkeimende Liebe erzählt, vorsichtig, aber auch souverän. Ganz nebenbei scheint sich auch Georges Charakter dabei in dieser Geschichte zu formen, bis es zum finalen Showdown kommt, der an dieser Stelle nicht verraten werden soll.

Karin Gündisch gelingt ein besonnenes und zuweilen humorvolles Jugendbuch über eine verflossene historische Epoche, in der man eigentlich nicht viel zu lachen hatte. Aber auch damals gab es eben Kinder und Jugendliche und letztendlich auch aufkeimende Liebe. Ihr Held George jedenfalls mag nach dem Ausgang dieser Geschichte für künftige Abenteuer ganz gut gerüstet sein.

Edith Ottschofski (KK)

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