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Ausgaben: Ausgabe 1350.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Das bisschen Vaterland

Gehen und doch bleiben. Autoren schreiben über Autoren. Eine Anthologie des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. Herausgegeben von Gabrielle Alioth und Martin Dreyfus. Wissenschaftsverlag der Autoren Synchron Publishers, Heidelberg 2014, 162 Seiten

Man schrickt gelinde zusammen bei der Einsicht in die bibliographischen Angaben, in denen das Wort Autoren viermal vorkommt, eingedenk Kurt Tucholskys Mahnung, nichts sei verächtlicher, als wenn Literaten Literaten Literaten nennen. Doch gerade bei diesem leisen Erschrecken geht einem auf, welch schutzbedürftiges Pflänzchen Literatur ist und wie sehr es Einrichtungen wie den PEN braucht, dass also die Daseinsberechtigung des PEN-Zentrums selbst eine nachgerade existentielle Dimension hatte und hat – als Schutzraum eben. Wären nicht die Autoren, die über Autoren schreiben, diese wären längst vergessen, und jenen ginge es erst recht genauso.

Denn es ist nicht allein Max Herrmann-Neisse (der vertriebene Dichter schrieb sich im Gedenken nicht an den Fluss Neiße, sondern an seine Heimatstadt Neisse mit Doppel-s), der, wie Matthias Buth zitiert, „im Fremden ungewollt zuhaus“ erkennen muss, dass „es eine international einige Ablehnung grundsätzlicher Störenfriede gibt“. Störenfriede sind Schriftsteller nun einmal „grundsätzlich“, sie sind es sich und den anderen schuldig. Deshalb sind Unbehaustheit und Gefährdung Grundmotive nicht nur dieses Buches, und die Bewunderung für die Stärke der Persönlichkeiten, die der Verfolgung und dem Exil beharrlich ein Lebenswerk abgetrotzt haben, hält sich die Waage mit der Bewunderung für eben dieses Werk.

Es sind naturgemäß nicht die „großen“ Namen der deutschen Exilliteratur, die hier rühmend genannt werden, jene bedürfen des Ruhmes nicht. Es sind vielmehr die Vielen, die sich gerade keinen Namen hatten machen können und deshalb die Unbilden der Fremde umso schmerzlicher zu spüren bekamen. In der großen Mehrzahl waren das Männer, wenn man aber bei Bernadette Conrad liest, wie Marta Feuchtwanger ihre Frau gestanden hat, dann kann man den ironischen Titel ihrer Erinnerungen, „Nur ein Frau“, mutatis mutandis auf all die hier dargestellten Persönlichkeiten projizieren: „Nur ein Autor“.

Dabei wollten so viele so viel; dieses Buch ist eines der zerschlagenen Illusionen und Hoffnungen, aber auch besonderer politischer und menschlicher Hell- und Scharfsicht, wie sie nur aus herbsten Enttäuschungen erwachsen. Arthur Holitscher (vorgestellt von Peter Finkelgruen), der noch in den Zwanzigern im Auftrag von Samuel Fischer die Welt bereist, schreibt: „Ich suchte in Russland eine Religion und fand eine Partei. Eine Partei aber, die allerdings eine große Idee, die größte vielleicht, die Menschen je gedacht haben, mit allen Mitteln der politischen Macht … durchzusetzen bestrebt ist.“ Und das 1921! Noch heute würde Putin selbstgefällig grinsen. Uwe Friesel wiederum dokumentiert in Erinnerung an Klaus Mann nicht nur den Kasus „Mephisto“, sondern auch, dass Thomas Mann, der „Zauberer“, erst spät einzusehen und einzugestehen vermochte, wie weit sein „skandalisierender, Kokain schnupfender“ Sohn ihm in politischen und parapolitischen Einsichten voraus war.

Dankbar liest einer, der Arthur Koestler bislang sträflich zu lesen versäumt hat, das Porträt von Stefanie Golisch, die dessen intellektuelle Meisterleistung konturenscharf herausarbeitet: „Die menschenverachtende Dummheit des Aufrechnens – wer war der schlimmere Mörder: Hitler oder Stalin? – könnte … nicht nur auf ideologische Verblendung zurückzuführen sein, sondern auch in der Unfähigkeit begründet liegen, in einem Konflikt nicht automatisch für einen der beiden Kontrahenten Partei zu ergreifen, um sich wenigstens irgendwo, und sei es an einem ebenso falschen, aber doch anderen Ort zu positionieren. Nicht das eine Unrecht gegen das andere auszuspielen … setzt eine reflektierende Geisteshaltung voraus, welche die meisten Menschen schlicht überfordert.“

Nicht so Arthur Koestler, der – vier Jahre vor 1968 – auf die Frage von Günter Gaus, weshalb ehemalige Parteigenossen, „intelligent, gebildet, den Absprung nicht fanden“, antwortet: „Wenn man in der Geschäftswelt zuviel in ein Geschäft investiert hat, wissen Sie, dann kann man nicht mehr weg. Diese Menschen haben zuviel Seelisches von sich investiert. Sie konnten dieses Kapital, das sie hineingelegt haben, nicht mehr herausziehen.“

Nicht alle Beiträge sind allerdings frei von Selbstbespiegelung im Licht der eigentlich zu spiegelnden Persönlichkeit, von Namensgeklingel und Beziehungsgepränge – übertriebener Selbstbezug ist bei „Autoren“ eben manchmal der Preis der Authentizität. Zudem steht Menschen mit solchem Erlebnishintergrund eine gehörigen Prise Nostalgie und Sentimentalität durchaus zu. Einschlägig und eindrücklich die „Briefe aus der Mitternacht“ von Walter Mehring, die Thomas B. Schumann zitiert: „Die ganze Heimat / Und das bisschen Vaterland / Die trägt der Emigrant / Von Mensch zu Mensch – von Ort zu Ort / An seinen Sohl’n, in seinem Sacktuch mit sich fort.“

Das Glanzstück einer Hommage liefert Christina Viragh mit ihrem Doppelporträt über Martin und Charlotte Beradt, dessen Titel für den Essay selbst gilt: „Plötzlich gut gesagte Sachen“. Seine helle Freude hat man an den Fundstücken, die Deborah Viëtor-Engländer bei Friedrich Torberg ausgemacht hat. Und nicht nur an den Beispielen des von Hans Dieter Zimmermann vorgestellten „Anwalts für das freie Wort“ Rudolf Olden oder des PEN-Bewegers Fritz Beer, dessen Bildnis Uwe Westphal unter seinem Motto „Die Welt ist verlogen, aber doch schön“ skizziert, sondern auf jeder Seite dieses Buches ist zu erspüren, dass Schicksal, und sei es noch so schwer zu ertragen, durch das geschriebene Wort erträglich werden kann, zumindest für den, der es liest.

Georg Aescht (KK)

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