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Ausgaben: Ausgabe 1351.

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Schwere Stunde Null

Beata Halicka (Hg.): Mein Haus an der Oder. Erinnerungen polnischer Neusiedler in Westpolen nach 1945. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2014, 344 S., 36,90 Euro

Etwa zehn Jahre nach Kriegsende schrieben in den sogenannten Wiedergewonnenen Gebieten, also den einstigen deutschen Ostgebieten, neu angesiedelte Polen für einen Wettbewerb des Posener Westinstituts nieder, wie schwer ihr Neuanfang war. Die Behörden erlaubten aber keine Veröffentlichung, da es massive Kritik am Verhalten der Roten Armee und mancher polnischen Administration gab. Was den Neuankömmlingen versprochen worden war – kaum einer kam freiwillig –, erwies sich als Schall und Rauch. Sie trafen auf ein vom Krieg verheertes Land. Die polnische Regierung hatte schon vor der Potsdamer Konferenz für die Ansiedlung in den deutschen Ostgebieten geworben.

Beata Halicka, Posener Zeithistorikerin und Dozentin an der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder, hat jetzt die meist abenteuerlichen Berichte überarbeitet und zum Teil mit erklärenden Fußnoten versehen. Karten in den Einbandseiten zeigen den überaus schwierigen, manchmal lebensgefährlichen Weg von sechs Männern und drei Frauen aus ihrer Heimat in Litauen und der Ukraine in die nun polnischen Westgebiete an der Oder. Ihre neuen Wohnorte waren z. T. noch von Deutschen bewohnt, sie erlebten deren meist unmenschlichen Abtransport. Es herrschten Plünderung, Raub, Vergewaltigung, Mord und Totschlag, das betraf Deutsche, Polen oder Rotarmisten. Es ging um das tägliche Überleben, den Kampf um Lebensmittel und ein Dach über dem Kopf.

Ehemalige Bauern wollten jetzt so viel Land wie möglich, andere ein möglichst unversehrtes schönes Haus. Wo es noch keine Verwaltung gab, nahmen sie es sich, auch wenn die Deutschen noch da waren. Das Deutschtum sollte bekämpft, das Polentum gefestigt werden, neues gesellschaftliches Leben sollte entstehen. Polnische Priester gab es kaum, die Kirchen waren entweder zerstört oder von den Sowjets zweckentfremdet. Vom Umgang deutscher und polnischer Geistlicher mit- oder gegeneinander ist bei Halicka nur am Rande die Rede.

Am deutlichsten wird das zu überwindende Chaos – es dauerte mindestens bis 1948 – in dem längsten Beitrag, dem von Stanislaw Dulewicz, der Bürgermeister von Darlowo (Rügenwalde) wurde. Dieser Bericht erhielt vom Posener Westinstitut den ersten Preis. Als mehrsprachiger Gymnasialprofessor kam Dulewicz ins KZ, dann als Zwangsarbeiter mit einer polnischen Gruppe von etwa hundert Personen einschließlich seiner drei erwachsenen Kinder 1944 ins noch deutsche Rügenwalde in Pommern. Den deutschen Behörden diente er als Dolmetscher, was ihn selbst nicht vor „Sklavenarbeit“ bewahrte. Er erlebte, wie Rotarmisten Polen nicht viel anders als Deutsche behandelten, wurde aber schließlich Bürgermeister,  der sich auch um polnische Neusiedler bemühen musste, damit aus Rügenwalde möglichst schnell das polnische Darlowo wurde. Beschrieben wird das ständige Lavieren zwischen sowjetischen und polnischen Ansprüchen, der von ihm geregelten humane Abtransport der Deutschen und vor allem der Aufbau eines neuen Schul- und Bildungssystems. Entspannung fand der Bürgermeister bei der Bewirtschaftung einiger Morgen Land, um für seine Familie Nahrungsmittel zu haben.

Die Lehrer Cyril Priebe und Wieslaw Sauter berichten von bitteren Erfahrungen, Sorgen und Nöten von „Schulmännern“, die sich auch mit ideologischen Forderungen der neugegründeten Parteien auseinandersetzen mussten.

Zu jedem Kapitel gibt es entsprechende Photos von deutschem Kulturgut, Kriegszerstörungen und polnischem Neubeginn. Beata Halicka zeigt nun im Detail, was sie in ihrer wissenschaftlichen Studie „Polens wilder Westen“ grundsätzlich dargestellt hat. Hilfreich ist das polnisch-deutsche Ortsregister.

Norbert Matern (KK)

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