Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1351.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Verjagt aus Heimat und Kindheit

Freya Klier: Wir letzten Kinder Ostpreußens – Zeugen einer vergessenen Generation. Herder Verlag, Freiburg 2014, 448 S., 22,99 Euro

Freya Klier, 1950 in Dresden geboren, kommt aus der Bürgerrechtsbewegung der DDR, sie ist heute freischaffende Autorin und Regisseurin. Zentrale Themen für sie sind ihre Erfahrungen als Oppositionelle sowie während ihrer Haftzeit und nach dem Freikauf durch die Bundesrepublik Deutschland. Ein weiterer Schwerpunkt ihres Interesses ist das Schicksal von Frauen und Kindern im Osten in den letzten Kriegsmonaten und in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die durch Flucht und Vertreibung bestimmt wird. Das belegt eindrucksvoll ihr jüngstes Buch über die letzten Kinder Ostpreußens. Freya Klier gehört damit in die Reihe der Autorinnen von Ulla Lachauer bis Helga Hirsch, die Flucht und Vertreibung zwar nicht erlebt haben, sich aber mit diesen Themen auseinandersetzen.

Die Autorin schildert das Schicksal von sieben Kindern aus verschiedenen Teilen Ostpreußens, die die letzten Kriegsmonate, die Zeit der Besatzung durch die Rote Armee und danach Flucht, Vertreibung oder Verschleppung erleben mussten. Freya Klier verfolgt ihr weiteres Leben nach der Ankunft in Restdeutschland – SBZ und Westzonen –, ihr Heranwachsen, die persönliche und berufliche Eingliederung in neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen und das Älterwerden im Kreise einer Familie bis in unsere Tage. Besonders erschütternd ist das Schicksal eines verwaisten Mädchens, das 1945 in die Obhut einer estnischen Frau kam und als Estin aufwuchs.

Die Autorin erzählt nicht nach, was ihr die Betroffenen geschildert haben, sondern lässt sie in Interviews über ihre Erinnerungen, Erlebnisse und Erfahrungen berichten. Diese Gespräche und Kontakte finden in unserer Zeit statt, 70 Jahre nach den kriegerischen Ereignissen in Ostpreußen, das in der Folge nicht mehr zu Deutschland gehörte. Natürlich ist nach einer so langen Zeit nicht mehr jede Einzelheit präsent; aber die Interviews zeigen, dass die Erinnerung an furchtbare Erlebnisse und Erfahrungen auch in der Distanz von Jahrzehnten nicht abgeklungen ist. Gewiss, jeder Einzelne hat sein individuelles Erleben geschildert, das nicht verallgemeinert werden kann, aber in der Summe entsteht ein Schreckensszenario, welches in persönlich unterschiedlicher Weise bis heute verarbeitet wurde bzw. wird. Stetig ist allein die Erinnerung an die Heimat Ostpreußen geblieben – friedlich und ohne Krieg und Zerstörungen.

Freya Klier lässt nicht nur Deutsche sprechen, sondern auch damalige sowjetische Soldaten und Soldatinnen. Sie haben ebenso Furchtbares durch die Deutschen 1941 bis 1944/45 erlebt. Das Auftreten der Rotarmisten gegenüber der deutschen Bevölkerung, insbesondere der Frauen, war auch eine Antwort auf die Verbrechen der Deutschen in den eroberten Gebieten. Der Verlust des Deutschen Ostens hat seine eindeutige Ursache in der nationalsozialistischen Eroberungs- und  Vernichtungspolitik im Namen Deutschlands in der damaligen Sowjetunion und in Polen. Diese Erkenntnis, die heute bei uns Allgemeingut ist, wird von den Betroffenen klar benannt.

Die Gliederung des Buches folgt einem chronologischen Grundmuster: das unbeschwerte Leben der Interviewten als Kinder in ihrer Heimat Ostpreußen im Sommer und Herbst 1944 vor dem Einfall der Roten Armee, die Massenflucht vor der Front, die Erfahrungen mit den ersten Eroberern, das Leben unter der sowjetischen Besatzung, der zähe und gnadenlose Prozess der Vertreibungen und Aussiedlungen, die Ankunft in der Ostzone und in den Westzonen, der mühselige und unterschiedlich verlaufende Prozess der Eingliederung in die Gesellschaften der DDR und der alten Bundesrepublik und schließlich im vereinten Deutschland. In den einzelnen zeitlichen Abschnitten bietet Freya Klier immer wieder Aussagen der Betroffenen, die in Überleitungstexte der Autorin eingebettet sind; diese geben den notwendigen historischen Hintergrund in den einzelnen Zeitabschnitten. So entsteht eine kompakte zeitgeschichtliche Darstellung mit Aussagen von Zeitzeugen über ihre einzelnen Lebensabschnitte. Die Literaturliste zeigt das seriöse Fundament, auf dem der Inhalt des Buches steht. Es führt aus heutiger Sicht den Leser in die dramatischen  und schrecklichen Ereignisse der unmittelbaren Kriegsfolgen sowie in  die oft mühsamen Schritte  in ein neues Leben fern der unvergessenen Heimat Ostpreußen.

Karlheinz Lau (KK)

«

»