Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1353.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Der Heimat gute Stube

Cornelia Eisler: Verwaltete Erinnerung – symbolische Politik: Die Heimatsammlungen der deutschen Flüchtlinge, Vertriebenen und Aussiedler. (Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa; 57). de Gruyter Oldenbourg, München 2015. 664 Seiten

Es ist erstaunlich, was man alles über Heimatstuben denken, schreiben und publizieren kann. Über 500 Seiten verwendet Cornelia Eisler darauf in ihrer Kieler Dissertation von 2014. Bemerkenswert ist gleichermaßen, wie ein Thema Kreise zieht und in immer neuen Wendungen langlebig ist. Denn die Behauptung, beim Abtreten der Erlebnisgeneration bedürfe es zum Vorbeugen unmittelbar drohender Verluste anstelle der Heimatstuben der professionellen Museen, geisterte schon Anfang der 1980er Jahre durch die Förderkonzepte insbesondere des Bundes. Ein Viertel der sudetendeutschen Heimatsammlungen seien schon Anfang der 1970er Jahre mangelhaft in Betreuung und Funktion gewesen. Jetzt, fast 35 Jahre später, gibt es anerkannte Regionalmuseen, die erfolgreich tätig sind.

Heimatstuben gibt es immer noch. Bei aller Unterschiedlichkeit beziffert Eisler sie auf 400. Klare Kriterien bietet sie übrigens nicht, auch keine Hilfe für eine zukünftig genauere Bezifferung zu einem bestimmten Erhebungsdatum. Doch immer wieder und immer neu geht die Diskussion um ihren Wert und Erhalt. Wo die Stuben jedenfalls (schon) nicht mehr bestehen, ist der große Aufschrei oder der befürchtete Verlust ausgeblieben. Veränderungen gab es, bedingt durch die mannigfach möglichen Szenarien beim Ende des einen und dem Einschlagen eines anderen Weges.

Die Autorin hat tiefe Einblicke und den großen Überblick erhalten, als sie bis 2004 für das Schlesische Museum zu Görlitz mit Projektmitteln des Bundes eine Sachstandserfassung der schlesischen Heimatstuben bzw. schlesienbezogenen Sammlungen von Vertriebenengruppen in der Bundesrepublik Deutschland erstellte. Generalisierende Überlegungen über die Sinnhaftigkeit, Konzeption und Umsetzung heimatbezogener Sammlungen deutscher Flüchtlinge und Vertriebenen im 20. Jahrhundert führten zu ersten Beiträgen Eislers 2010 und 2012 und nun zur gedruckten Dissertation.

Sie geht in der voluminösen Darstellung vom Begriff Heimatstube aus, die als darstellerisches Mittel zur Heimatbetrachtung im letzten Jahrhundert aufkam. Einige der handelnden Akteure widmeten sich den Heimatstuben so, als hätten sie darin eine Lebensaufgabe gefunden. Nach der Vertreibung propagierten sie die gleichen Ideen im Nachkriegsdeutschland. Erneut warben sie für die Anlage von Heimatstuben. Unter den veränderten Bedingungen wurden sie auch selbst tätig. Freilich konnte die Heimatstube nun außerhalb der und ohne den unmittelbaren Kontakt zur Heimatregion ungleich weniger sammeln bzw. musste Ersatzprodukte mit neuen Bedeutungsinhalten aufnehmen. Die alte Heimatstube etwa in Ostpreußen um 1930 ist somit nicht mit der neuen ostpreußischen Heimatstube von 1960 identisch.

Die Autorin beschreibt auch, wie die westdeutsche Neugründung von Heimatstuben finanziert wurde. Neben der Deutung stand damals für die Vertriebenenverbände und ihre Funktionsträger die Instrumentalisierung für eine interessengeleitete Subventionspolitik im Vordergrund, modern formuliert: Zielgruppenlobbyismus. Zur Integration war besonders die kommunale Ebene bedeutsam. Mit einer Vielzahl von kommunalen Patenschaften zu originär gar nicht mehr handlungsfähigen Kreisen, Städten und Gemeinden der Vertreibungsgebiete wurde eine Klammer zur Vergegenwärtigung geschaffen. Bei den regelmäßigen Heimattreffen, die es bis heute gibt, waren die weither angereisten Gäste dankbare Besucher der neuen Heimatstuben, brachten auch mehr oder minder aussagekräftiges Kulturgut zur leihweisen oder dauerhaften Aufbewahrung mit und wurden als Teilnehmer in den Dokumentationen der Treffen auch selbst zu Subjekten der Erinnerung. Denn das, was als Sammlung ausgegeben wurde (und wird), ist teilweise mehr der emotionale Ort der Erinnerung an die Treffen als die tatsächliche Aufbewahrungsstätte historisch wertvoller Urkunden oder kulturgeschichtlich wertvoller Artefakte.

Die Autorin differenziert also die verschiedenen Bedeutungsebenen der Heimatstuben. Um hier einer Missdeutung zu begegnen: Alle diese Faktoren sind für das Wohl und die Psyche mehrerer Generationen unserer Mitbürger selbst oder zur Vermittlung ihrer Bedürfnisse bedeutsam. Cornelia Eisler geht darum in „Institutionalisierung und Kulturpolitik“ auf die bis heute maßgeblichen Förderungsgrundlagen im § 96 Bundes-Vertriebenen- und -Flüchtlings-Gesetz ein und betrachtet, was der Kulturföderalismus daraus gemacht hat.

Bezeichnenderweise endet sie dort, wo wir uns heute glücklich schätzen und die Konzeption des Bundes den vorläufigen Endpunkt sieht, bei den hauptamtlich geführten „Landesmuseen“. Deren Schritt von den Ideen ab den 1980er Jahren zum heutigen Stand muss Eisler nicht weiter ausführen.

Im fünften Kapitel behandelt sie die „Heimatsammlungen zwischen Erinnerung und Machtsymbolik“. Sie widmet sich darin den Objektgruppen, die als charakteristisch für ‚ostdeutsche‘ Heimatstuben anzusprechen sind. Wer sich ein landläufiges Stadt- oder Regionalmuseum vornimmt, müsste dem Zeitstrahl der historischen Überlieferung folgend auch Gegenwartsbelege in die Sammlung aufnehmen und um eine Fortschreibung der Betrachtung im historischen Wandel der Bezugslandschaft bemüht sein. Für die Heimatkultur der Vertriebenen dagegen gilt überwiegend ein Zeitschnitt, der Überlieferung und Präsentation mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und seinen Folgen enden lässt. Soweit die Heimat damals durch Kämpfe zerstört wurde, wird der Wiederaufbau nicht als Gestaltungsleistung der Neubürger gewürdigt. Vereinfacht kann gefolgert werden, dass eine nach russischen Zerstörungen des Ersten Weltkriegs neu aufgebaute Stadt in Ostpreußen im Erscheinungsbild der 1930er Jahre als ideale Heimat galt und nun im Sinne der Heimatstube die potentiell unendliche Visualisierung erfährt, obwohl dieses Bild seit 70 Jahren nicht mehr der Wirklichkeit entspricht.

So erinnert sich der Rezensent eines Stadtmodells von Rybnik in einer aufgelösten Heimatstube. Aus der Not entstanden, in einfacher schematisierter Kartonbauweise war das kleinstädtische Zentrum nachgebaut. Die großflächige Stadterweiterung im Rahmen der Entwicklung des oberschlesischen Montanwesens aber war komplett übergangen worden. Dieses unmaßstäbliche Modell war solange ein verständliches und aussagekräftiges Exponat, wie es von den Erstellern kommentiert wurde und die Gäste darin ein deutbares Abbild sahen. Ohne Bezugsgeneration wird es zum großen Relikt, das erweiterten Qualitätskriterien nicht entspricht. Cornelia Eisler widmet sich auch den Ortsmodellen. Sie sieht sie im Kontext der Erinnerung und der Mahnung, nennt dies Legitimationssammlung und betrachtet die Funktion von Objektgruppen innerhalb einer Begegnungsstätte.

Der Wandel innerhalb des Themenkreises und der Umsetzung sind durchgängige Kennzeichen der interessanten Publikation. Mit manch moderner Formulierung oder heutiger wissenschaftlicher Reflexion mag sich der Leser schwertun. Dabei wird der kollektive Wert von Heimatstuben als Heimatbegegnungsstätten anerkannt, wenn Eisler „die tatsächliche Traumatisierung … rückblickend einzuschätzen … und zu bewerten …. aus heutiger Perspektive (als) nur schwer möglich“ erachtet. Das vielfach geforderte und erwartete Zurück erwies sich als Illusion. Die dadurch noch mehr dem Revisionsvorwurf ausgesetzten Heimatstuben hatten darum keinen leichten Stand, und das wirkt in der Gesamtgesellschaft nach.

Stephan Kaiser (KK)

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