Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1353.

Bücher, Medien, Veranstaltungen

Aus dem Versteck des Feuilletons

Richard Wagner: Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt. Hoffmann und Campe, Hamburg 2014, 240 Seiten

Über Habsburg und die Habsburger gibt es bestimmt mehr Bücher, als sie selbst – selbst sie! – sich jemals hätten vorstellen können. Wer einen Erdteil – unter Beteiligung anderer größeren und größenwahnsinnigen, kleineren und kleinheitswahnsinnigen Mächte – an die Wand fährt, geht in die Geschichte ein, dass es nur so rappelt, zum Glück ein wenig auch in den rappligen Kassen der Büchermacher und -händler. Das ganze Gerappele geht nach der Erkenntnis von Richard Wagner auf einen lässlichen Irrtum zurück: „Bis heute hält sich in den europäischen Metropolen die hartnäckige Vorstellung, dass an Orten, wo die Züge nicht pünktlich fahren und es kein geregeltes Frühstück gibt, die Himmelstür sichtbar wäre.“

Die Himmelstür bei Wagner zu suchen ist müßig, sein Buch kommt ohne Himmel aus, es sucht vielmehr nach dem, was auf Erden möglich ist: „Ein wichtiger Indikator für das Gleichgewicht einer Gesellschaft ist das in ihrer Öffentlichkeit allgemein akzeptierte Verhältnis zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sprich: Wie viel Vergangenheit braucht diese? Wie viel Gegenwart weiß sie sich zu verschaffen? Wie viel Zukunft billigt sie sich zu?“

Die Antworten auf diese Fragen werden, je weiter man nach Osten kommt, immer undeutlicher. Die kleinen Nationen mit ihren Gesellschaften, die sich nach dem Ende Habsburgs mühsam und unter schmerzlichen Rückschlägen etabliert haben, singen zwar jetzt die Europa-Hymne mit, diesen „Doppelkitsch von Schiller und Beethoven“, sind jedoch immer noch darauf aus, Imperien der Vergangenheit oder Gegenwart für ihre eigenen Missstände verantwortlich zu machen, nach Alibis für die selbstverschuldete Unmündigkeit zu suchen und diese mit dem Pittoresken und seiner touristischen Verwertung zu konterkarieren oder auch nur zu verkleistern.

Exotik ist eine ästhetische Größe, zur historischen Erkenntnis taugt sie nicht. Es sei denn, man weiß um den Selbstbezug aller ästhetischen Betrachtung der Welt, man weiß, dass sie in den Köpfen der Betrachtenden eine Gestalt annimmt, die mit der Wirklichkeit nur bedingt etwas zu tun hat. „Das Wiener Kaffeehaus ist nicht zwingend politisch, wie die Kaffeehäuser in Paris oder in Budapest. Und es ist auch nicht prachtvoll, wenn es nicht ausdrücklich prachtvoll zu sein hat. Vielmehr ist es der Sitz des armen Feuilletons, und es ist das Versteck für den Gegenstand dieses Feuilletons. Das Wiener Kaffeehaus ist der Allerweltsort seiner Betrachtung. Die Zeitungen aber, die zwischen Kaffee und Kuchen bereitliegen, sind der Beweis für die reale Existenz des zwischendurch Erdachten.“

Welche Einsicht liefert diese Versuchsanordnung? Selbsterkenntnis? Selbstbezug und Selbstgenügen und Selbstbestätigung, sie sind genugsam praktiziert worden in jener Welt, auch die Selbstreflexion wurde reflektiert und so zum feuilletonistischen Produkt, drum ist es an der Zeit, die Nabelschau zu beenden, wo doch dort längst kein Nabel der Welt mehr ist. Es hat eine Auflösung stattgefunden, die „Bibliothek der verlorenen Welt“ ist eine Textsammlung, deren Reiz so schwer zu definieren ist, dass selbst der sonst so dezidierte Danilo Kis im melancholischen Interrogativ bleibt: „Warum … erkenne ich zum Beispiel bei der Lektüre des Polen Kusniewicz oder des Ungarn Péter Esterházy die – stilistische – Affinität zu einer ‚mitteleuropäischen Poetik‘, die sie mir beide nahe erscheinen lässt? Und welcher Ton, welche Vibration ist es, die ein Werk ins Magnetfeld dieser Poetik rückt? Es ist vor allem immanente Gegenwart von Kultur in Form von Anspielungen, Reminiszenzen, Zitaten aus dem gesamten europäischen Erbe; das Bewußtsein vom Werk, das jedoch seine Spontaneität nicht beeinträchtigt, das äquilibristische Gleichgewicht zwischen ironischem Pathos und lyrischen Digressionen. Das ist nicht viel. Das ist alles.“

Zu dieser „immanenten Gegenwart von Kultur“, vor allem aber zu ihrer Abwesenheit, stellt Richard Wagner Fragen zuhauf und beantwortet sie umsichtig, aber nie endgültig. Hier eine Schlüsselfrage: „Wieso gibt es den Begriff Westmitteleuropa nicht?“ Sein Buch ist insgeheim eine Antwort, nie jedoch würde er eingestehen, dass er eine solche geschrieben hätte. Der Gang in die „Bibliothek einer verlorenen Welt“ ist vielmehr ein behutsames, umsichtiges Schlendern, bei dem Stringenz, straffe Definition, der Punkt, auf den alles gebracht werden sollte, sich in fast schon behaglichem Missbehagen auflösen.

Der Dichter Wagner verleugnet sich nicht, er bekennt sich zur poetischen Fehlbarkeit, wie sie Danilo Kis „zwischen ironischem Pathos und lyrischen Digressionen“ beinahe lustvoll einbekennt. Erkenntnis wird ins Bild gesetzt, und das Bild bleibt, was es ist: „Mittlerweile war es 1968  geworden, und es war schon August. Die Dörfer brannten im Feuer der Sonne. Man nannte es Licht.“ Auch so kann man, ja sollte man jenen Knick des 20. Jahrhunderts in Worte fassen und dabei alle Feuer und alle Sonnen der kommunistischen Propaganda in all ihrer Finsternis und Leere vorführen. Und dann zu denken beginnen, was selten bedacht wird: „1989 ist Geschichte. Damit ist es uns entzogen, aber ohne schreibgeschützt zu sein. Wir können also darüber reden – reden und schreiben. Das Hauptmerkmal von Geschichte ist, dass sie einer Eigendynamik folgt und nicht den Wünschen der Akteure des Augenblicks. Wenn jetzt die intellektuelle Opposition in Ost und West, anlässlich der Krise und der Krisenstimmung, wieder einmal ihr Repertoire in Anschlag bringt, ist eine kleine Notiz fällig. Diese: So wie nicht alles, was 1989  vorausging, auch eine Voraussetzung für 1989 bildet, so ist längst nicht alles, was nach 1989 geschah, automatisch eine Folge von 1989.“

Wieder Fragen über Fragen, und der Dichter Richard Wagner weiß seine Fragen in Frage zu stellen, denn er hält sich und seine Kollegen mitnichten für berufen, letzte Antworten zu geben: „Zur Beweisführung aber dient vor allem die Literatur. Sie, die ungenaueste aller Wissensformen, wird der Unschärfe randständiger Lebensziele, ihrer Ambivalenz, am ehesten gerecht.“ Literatur ist das unzuverlässige  Medium, in dem man sich zum Verlorenen bekennt und es zurückholt, wenn auch nur in einer „kleinen Notiz“. Richard Wagner notiert, „dass der größte Stolperstein Europas die Nation ist, die aber zugleich einen Baustein – einen nicht wegzudenkenden, wie Metropole und Region – im europäischen Gebäude darstellt. Es sind diese drei Säulen, auf denen Europa selbstverständlich ruht.“

Von Ruhen kann allerdings schwerlich die Rede sein bei all der paradoxen Spannung, die sich in den Neunzigern auf dem Balkan und heute in der Ukraine als eine „zum Zerreißen“ herausstellt. Sie macht Richard Wagner sich zu eigen mit dem Anspruch, sie wenigstens intellektuell durchzuhalten bis in die Aporie: „Prag liegt westlich von Wien. Wien aber gehört zum Westen, und Prag liegt in Ostmitteleuropa. Das ist gewissermaßen eine paradoxe Situation. Es ist nicht die einzige in den Gegenden, von denen hier die Rede ist. Es ist auch nicht so, dass diese Art Paradoxon sich nicht erklären ließe. Vielleicht besteht das Problem sogar darin, dass das alles, so verwirrend es auch erscheinen mag, erklärbar ist.“

Richard Wagner macht sich nicht anheischig, dieses Problem zu lösen, für ihn liegt gerade in diesen Problemen der Genuss, an dem er den Leser teilhaben lässt.

Georg Aescht (KK)

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