Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1243.

Bunt bis gescheckt – ein Bild „rumäniendeutscher“ Literatur

Die Nummer 4 des „Guttenbrunner Boten“ kann von Interessenten gelesen werden (oder auch nicht). Die „Kultur- und Literaturschrift für die Rumäniendeutschen“ mit „Unterhaltung – Geheimnissen – Analysen – Berichten aus Geschichte und Gegenwart“, auf der Titelseite bereits angepriesen als „Literaturschrift um Guttenbrunnerisches – bissig, sarkastisch, literarisch, gut“, steht unter dem Motto ,,2007 – Hermannstadt – Kulturhauptstadt – Ein Fest für die Literaturschaffenden der fünften deutschen Literatur vor Ort – der deutschsprachigen Autoren Rumäniens“. Dazu gesellt sich in optimistischer Schräglage das eingerahmte Warnschild mit dem Hinweis „Identitäten zwischen Schrift und … Intimität…“.

Eine erschlagende Fülle an Informationen auf den ersten Blick. Davon gibt es dann allerdings noch mehr auf den Einleitungsseiten dieses Buches, als das es sich, zum Unterschied zu einer Zeitschrift, auch anfühlt. Wie bisher zeichnet Dieter Michelbach als Herausgeber, neben ihm die Redaktionsmitarbeiter Manuela und Reinhold Thellmann sowie diesmal auch Ingmar Brantsch.

Was den Leser erwartet, ist ein Kuddelmuddel, ein Buntgemischt aus der Kiste – zum Teil auch aus der Mottenkiste – der rumäniendeutschen Literatur. Wir begegnen erzählender und reflektierender Prosa, Lyrik verschiedener Prägungen, aber auch literaturwissenschaftlichen Texten, Dankesreden, Referaten, bis hin zu Aufgabenbeschreibungen von die rumäniendeutsche Literatur tangierenden Instituten – viel, sehr viel für eine Literaturzeitschrift und natürlich mit Reibungsflächen behaftet, besonders angesichts der angekündigten Anthologieansprüche.

Und trotzdem haben die Redakteure – Ingmar Brantsch scheint federführend agiert zu haben – sich bemüht, dem Leser ein Konzept als Orientierungshilfe an die Hand zu geben. Die so entstandene Gliederung hat fünf Kapitel.

Zu „Hermannstadt und sein geistiger Kulturraum“ kommen Autoren zu Wort, die zu dieser Stadt einen biographischen oder literarischen Bezug haben. Joachim Wittstock, Eginald Schlattner, Walther Gottfried Seidner, Wilhelm Meitert, Hannelore Baier, Karl Scheerer, Mariana Gorczyca, Rohtraut Wittstock, Dieter Schlesak, Ricarda Maria Terschak, Gheorghe Stanomir, Christel Servatius Schullerus, Siegfried Schullerus, Michael Astner, Martin Bottesch, Dieter Drotleff, Gernot Nussbächer und Michael Markel. Die Literaturgattungen sind hier bereits bunt durcheinandergewürfelt, und das nicht
unbedingt zum Nachteil des Lesers, ist dadurch doch für die oft beschworene Abwechslung mit ständigem Hoffnungsschimmer gesorgt.

„Deutschsprachige Autoren – Bukarest und andere Zentren“ (re)präsentieren Hans Liebhardt, Christel Ungar und Ioana Craciun. Ein Aushängeschild der deutschen Literatur in Kronstadt ist die Lyrikerin Carmen Elisabeth Puchianu, während Erwin Josef Tigla als rühriger Organisator der Deutschen Literaturtage in Reschitza bekannt ist. Luminita Mihai Cioaba wird von Beatrice Ungar übersetzt, eine Zigeunerin von einer Siebenbürger Sächsin. Warum beide, obwohl in Hermannstadt lebend, nicht im ersten Kapitel zu finden sind, gehört zu den Ungereimtheiten dieser Publikation.

„Zwischenräume – Reflexionen zum literarischen Umfeld“ stellt u.a. Ingmar Brantsch an. Der Wahlkölner ist hier in seinem Element. Seine Lieblingsthemen bleiben „die fünfte deutsche Literatur“ – von vielen Insidern wahrscheinlich intuitiv schon darum abgelehnt, weil sich die Bezeichnung „fünfte Kolonne“ aufdrängt – und die in Deutschland zu literarischem Ruhm gelangten ehemaligen Mitglieder der Aktionsgruppe Banat sowie Herta Müller. Daß er allerdings – trotz seiner Obsessionen – keine Scheuklappen trägt, beweisen seine Essays über E. M. Cioran, Dieter Schlesak und Lucian Blaga. Mit der autobiographischen Reflexion „Wetterleuchten“ kommt ein Banater zu Wort – für Essayistik vom Feinsten, sprachlich wie thematisch, bürgt schon der Name des Autors: Franz Heinz. Bei „Stafette – regelmäßig tagender deutsch-sprachiger Literaturkreis“ handelt es sich um die Lieblingsautoren Ingmar Brantschs.

Und gerade darum bleibt schleierhaft, warum er nicht korrekturlesend eingegriffen hat. Es ist mittlerweile doch allbekannt, daß deutsche Druckerzeugnisse aus Rumänien voller Schreibfehler sind. Man tut besonders den oft blutjungen Talenten keinen Gefallen, wenn man sie so in eine „Anthologie“ aufnimmt, aber auch für die älteren Autoren dürfte dieser Sachverhalt frustrierend sein. Was man in Ricarda Maria Terschaks Prosatext „Vibrotte Schwarte“ erlebt, kann nur noch als haarsträubend apostrophiert werden. Im Vergleich zu ihrem Romanfragment kommen die Stafette-Texte noch einigermaßen gut weg. Lucian M. Varsandan, Petra Curescu, Henrike Bradiceanu-Persem, Lorette Bradiceanu-Persem, Teodora Miu, Aurelia Bonchis, Sandra Mann, Bianca Barbu, Andrei Cherascu, Annemarie Podlipny-Hehn und Ignaz Bernhard Fischer wird’s freuen.

„Verbundenheiten mit dem rumäniendeutschen Kulturraum“ dokumentieren Eugen Christ, Horst Samson, Kristiane Kondrat, Armin Rückert, Walter Schankula, Dieter Michelbach, Gerhardt Csejka, Horst Fassel, Hans Dama, Hans Gehl, Ortfried Kotzian, Horst Förster. In diesem Schlußkapitel stehen sechs literaturwissenschaftlichen Beiträgen zwei Prosastücke und drei Gedichte gegenüber. 50 Autoren verschiedenster Färbung auf 344 Seiten wirken reizvoll, interessant, aber auch langweilig und ermüdend. Was dem einen Leser zustößt, könnte bereits für den anderen eine erfreuliche Begegnung sein. Der Schreiber dieser Zeilen hat sich geärgert und gefreut, er war begeistert und blätterte vor, den Schluß herbeisehnend. Weniger wäre mehr gewesen.

Guttenbrunner Bote. Kultur- und Literaturschrift für die Rumäniendeutschen. Nr. 4/2006, Cosmopolitan Art Verlag, Temeswar 2006.
Zu beziehen als PDF-Datei – Informationen unter Telefon 02 21 / 44 36 34

Anton Potche (KK)

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