Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1360.

Christentum: Sein und Tun

Bundestreffen der Ackermann-Gemeinde mit mehr als
400 Teilnehmern in Budweis

AG-Budweis-(219)„Engagierte Christen braucht das Land!“ Der Schlusssatz aus der Festrede von Alois Glück, dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, kann als Appell an die weit über 400 deutschen und tschechischen Teilnehmer des Bundestreffens der Ackermann-Gemeinde und ihrer tschechischen Schwesterorganisation Sdružení Ackermann-Gemeinde in Budweis gelten.

Und es ist auch als Antwort auf das Tagungsthema zu verstehen: „Gemeinsam gefordert, gemeinsam aktiv. Zusammen Christen und Europäer, zusammen Tschechen und Deutsche“.

Nach dem westböhmischen Pilsen vor sechs Jahren und der Zwischenstation Bautzen vor drei Jahren fand das Bundestreffen der Ackermann-Gemeinde nun erstmals in der südböhmischen Bischofsstadt statt. Und wie sich deutsche und tschechische Tagungsorte abwechseln, so war die Tagung vom 6. bis zum 9. August (wie auch viele andere der Ackermann-Gemeinde) fast durchgängig zweisprachig, ebenso die täglichen Gottesdienste und Andachten, bei denen ranghohe Geistliche zelebrierten.

Ausgangspunkt der thematischen Arbeit war eine Analyse der Situation in Europa 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. „Europa-Lethargie – Das Leben in Frieden und Gerechtigkeit, eine Selbstverständlichkeit?“ lautete die Frage, mit der sich die Teilnehmer beim ersten Podium auseinandersetzten. Hier ging es etwa um das in Europa verbreitete Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell der sozial moderierten Marktwirtschaft (im Kontrast zu den Modellen in den USA bzw. in Asien). Angesichts der Globalisierung erfahre das europäische Modell einen Umbruch. Auch die Werte-Konkurrenz sei eine Folge der Globalisierung. Die aktuellen Herausforderungen („Islamischer Staat“, Migration usw.) würden eine Zusammenarbeit der Staaten dringend nötig machen – doch zu beobachten sei, dass sich Menschen ebenso wie Staaten auf ihre eigenen Vorteile zurückziehen.

Der Frage, welche Verantwortung Christen in der säkularen Gesellschaft haben, widmete sich das Podium am Samstagmorgen. Durchaus differenziert betrachteten die Teilnehmer des Podiums den Begriff „säkular“ und betteten diesen in Kontexte wie „Pluralismus“ oder „gesellschaftlicher Dualismus“ ein.

Es gehe nicht darum, an die Macht zu kommen, sondern darum, den Dialog mit der Gesellschaft zu führen, meinte der Prager Bischofsvikar Dr. Vojtech Eliáš, der die Christen als Hoffnungsträger sieht. „Eine säkulare Gesellschaft postuliert, dass es viele Meinungen nebeneinander geben muss – das ist mir zu wenig“, konstatierte in seiner Stellungnahme Staatsminister a. D. Dr. Thomas Goppel. Ihm ist vielmehr darum zu tun, „unsere Position neu zu formulieren, an der anderen zu messen und der Wirklichkeit als Angriffspunkt gegenüberzustellen“. Als Basis hierfür sieht Goppel die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, d. h. das christliche Menschenbild.
Dies griff in der abschließenden Feierstunde am Sonntagvormittag auch Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, in seiner Festrede zum Motto des Treffens, „Gemeinsam gefordert – gemeinsam aktiv“, auf, wobei er die Ackermann-Gemeinde als „Pionier des Brückenschlags zwischen Menschen“ bezeichnete. „Wo ist der Leuchtturm für unsere Orientierung?“, fragte Glück und nannte als Antwort den Artikel 1 des Grundgesetzes. Daraus leite sich eine besondere Solidarität ab. Einen Dialog zwischen Kulturen und Religionen auf der Basis gegenseitigen Respekts sieht der ZdK-Präsident als eine der drängendsten Aufgaben, ferner müsse sich die EU wieder stärker als Wertegemeinschaft verstehen und bewähren. Er wandte sich gegen Zentralisierungstendenzen in der EU. Besonders könnten Christen in Europa ihr christliches Menschenbild, Solidarität und Gerechtigkeit, das christliche Lebensmodell und als Quintessenz die Übernahme von mehr Zukunftsverantwortung (Nachhaltigkeit) einbringen.

Höhepunkt des Bundestreffens war die Verleihung der Versöhnungsmedaille der Ackermann-Gemeinde im Gedenken an Hans Schütz zum einen an das Ehepaar Christa und Adolf Ullmann sowie an den tschechischen Vizepremier a. D. Fürst Karel Schwarzenberg.„Sie haben miteinander den selbstgestellten Anspruch erfüllt – unermüdlich, mit ungeheurem Energieeinsatz und ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit (…). Dafür sind wir Ihnen zutiefst dankbar“, begründete Laudator Dr. Walter Rzepka, Ehrenvorsitzender der Ackermann-Gemeinde, an Christa Ullmann gewandt die Verleihung der Medaille an sie und ihren im letzten Jahr verstorbenen Gatten. Adolf Ullmann hat über Jahrzehnte in vielen Funktionen auf Diözesan- und Bundesebene in der Ackermann-Gemeinde seine Spuren hinterlassen, darüber hinaus aber auch die deutsch-tschechische Thematik in seinen weiteren Tätigkeitsfeldern als Lehrer, Kirchenmusiker und Kommunalpolitiker eingebracht.
„Weil Sie über Jahrzehnte kontinuierlich an einer Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen gewirkt haben“, begründete der Bundesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde MdEP a. D. Martin Kastler die Verleihung der Medaille an Schwarzenberg. „Wie viele Menschen mit Wurzeln in den böhmischen Ländern verkörpern Sie das Übernationale. Durch Ihr Reden und Handeln führen Sie uns vor Augen, dass wir die enge nationale Brille absetzen müssen, wenn wir unsere Nachbarschaft, Mitteleuropa und Europa gestalten wollen. Sie sind uns Vorbild als Europäer und mahnen uns, diese nationale Engstirnigkeit durch europäische Weite zu ersetzen und die gefährliche Enge des Denkens aufzugeben, die unsere Völker letztlich in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts geführt hat. Sie haben unabhängig von Ihrer Position immer dazu beigetragen, dass der Mensch mit seinen unveräußerlichen Menschenrechten sowie die Wahrheit, mag sie noch so unangenehm sein, im Mittelpunkt stehen. Zwei zentrale Orientierungen, die Sie als wahrhaft christlichen Politiker auszeichnen. Zwei zentrale Orientierungen, die für Versöhnung unabdingbar sind.“

Unter dem Titel „Begegnung mit der südböhmischen Region“ gab es am Freitagnachmittag Exkursionen zu Einrichtungen der sozialen Arbeit, der tschechisch-deutschen Zusammenarbeit und zu historischen Orten der gemeinsamen Geschichte. So verfolgte eine Gruppe die Spuren Adalbert Stifters, eine andere besichtigte die Wallfahrtskirchen in Sonnberg und Brünnl, die Borromäerinnen in Prachatitz gewährten einen Einblick in ihre soziale und pastorale Arbeit, in Glöckelberg stand das Wirken des Glaubenszeugen Pater Engelmar Unzeitig im Fokus, über pastorale Angebote für Familien konnten sich Interessierte im Familiensommerlager in Majdalena informieren. Natürlich stand auch Jan Hus auf der Themenliste und die Wallfahrtskirche Maria Gojau als Ort der deutsch-tschechischen Nachbarschaft.

AG-Budweis-(381)Unter dem Motto „Stadt der lebendigen Bücher“ gab es schließlich an mehreren Orten in Budweis viel Wissenswertes: über die Budweiser Stadtgeschichte und das touristisch-kulturelle Konzept, die zentralen Gotteshäuser, die Pastoralarbeit für Migranten, aktuelle Herausforderungen der Jugend- und Familienpastoral, die Arbeit des Bischöflichen Gymnasiums bzw. des Ceska-Gymnasiums, Friedhöfe als Zeugen der Geschichte, Sinti und Roma oder das Zusammenleben von Deutschen und Tschechen in den 1940er Jahren. Und selbstverständlich gehörten auch Konzerte und Ausstellungen zum Programm.

Markus Bauer (KK)

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