Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1399.

Damals war Europa nur ein Erdteil, kein Versprechen

Schlesien nach dem Ersten Weltkrieg

Blätter, die die Welt bedeuten – können
Bilder: Haus Schlesien

Am 11. November jährte sich zum 100. Mal das Ende des Ersten Weltkrieges – das Ende eines in vielfacher Hinsicht bis dahin beispiellosen, als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichneten Krieges, der Europa maßgeblich verändert hat, ein Ende, in dem nicht wenige Fachleute den Ursprung des Zweiten Weltkrieges sehen.

Obwohl Schlesien, von den ersten Kriegsmonaten 1914 abgesehen, keiner unmittelbaren militärischen Bedrohung ausgesetzt war, litt die Bevölkerung hier wie im gesamten Deutschen Reich unter den sekundären Kriegsauswirkungen. Versorgungsengpässe, politische Restriktionen und Hunger untergruben auch in Schlesien den Durchhaltewillen der Bevölkerung, und im letzten Kriegsjahr mehrten sich Streiks und Unruhen in der Arbeiterschaft.

Der sich bereits seit dem Sommer 1918 abzeichnende militärische Zusammenbruch, der in eine bedingungslose Kapitulation mündete, wurde von einem politischen begleitet. Ausgehend von dem Matrosenaufstand vor Wilhelmshaven, erreichte die Idee der Revolution in kürzester Zeit auch Schlesien. Hier bildeten sich wie in den Städten des gesamten Reichsgebietes nach dem erzwungenen Rücktritt Kaiser Wilhelms II. Soldaten- und Arbeiterräte, die die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung gewährleisteten. Eine Besonderheit stellte die Stadt Breslau dar. Dort entstand stattdessen am 9. November der Breslauer Volksrat, bestehend aus 100 Mitgliedern, zu zwei Dritteln Angehörige der sozialistischen, zu einem Drittel der bürgerlichen Parteien. Dieser wurde kurz darauf zum Zentralrat für die Provinz Schlesien erhoben, dem alle Behörden, Arbeiter- und Soldatenräte unterstellt waren. In deren Zuständigkeit fiel auch die Sicherung der Grenzen, wozu ein dichtes Netz von Volkswehren errichtet wurde. Mit der Gründung von Freiwilligencorps übernahmen nach und nach die von der Front zurückkehrenden Soldaten den Grenzschutz.

Neben der Gefahr von außen stellten die weitreichenden sozialen Veränderungen, die prekäre Versorgungslage, die Umstellung der Industrie von Rüstungs- auf zivile Produktion und die Wiedereingliederung der Soldaten die Provinz vor große Herausforderungen, die immer wieder zu Unruhen und Streiks führten. Hinzu kamen die in Oberschlesien aufkeimenden Bestrebungen nach Selbständigkeit. Die ignorante Haltung Preußens, die Reduzierung auf ein rein deutsches „Oberschlesien-Bild“ sowie der Einsatz von vorwiegend landfremden, protestantischen Beamten führte zu einer wachsenden Abwehrhaltung der weitgehend katholischen und teilweise polnischsprachigen Bevölkerung. Vor dem Hintergrund der durch den Kampf um Oberschlesien zunehmenden Polarisierung zwischen deutschen und polnischen Nationalinteressen gewannen Gruppierungen an politischem Einfluss, die sich auf ihre regionale Identität beriefen. Mit ihnen fand der Autonomie- und Separationsgedanke vermehrte Aufmerksamkeit, wenn dieser auch unterschiedlich motiviert war. Um diesen Bestrebungen entgegenzutreten, wurde Oberschlesien im November 1919 zur selbständigen preußischen Provinz erklärt. Die führenden Posten in Politik und Verwaltung wurden fast ausschließlich mit einheimischen, katholischen Beamten besetzt. Oberschlesien hatte endlich eine größere Unabhängigkeit von Berlin und Breslau erreicht.

Die Erhebung des Regierungsbezirks Oppeln zur Provinz Oberschlesien erfolgte auch vor dem Hintergrund der im Versailler Vertrag vorgesehenen Volksabstimmung über die Zugehörigkeit Oberschlesiens. Damit sollten die noch unentschlossenen Oberschlesier für eine Stimmabgabe zugunsten Deutschlands gewonnen werden. Der am 28. Juni 1919 vorgelegte Versailler Vertrag hatte für Schlesien weitreichende Folgen. Neben der Volksabstimmung in Oberschlesien sah er auch die Abtretung von Teilen der Kreise Groß Wartenberg, Militsch, Guhrau und Namslau an das wiedererstandene Polen sowie des Hultschiner Ländchens an die neugegründete Tschechoslowakei vor.

Die große Geschichte und ihre großen und kleinen Zaungäste: Am Tage der Oberschlesier-
abstimmung – Frankenstein, 21. 3. 1921. Fotograf unbekannt

1918 bis 1923 waren für Schlesien unruhige und folgenreiche Jahre, in denen die Wurzeln vieler langwieriger Konflikte und politischer wie gesellschaftlicher Besonderheiten der Region zu suchen sind. Deshalb widmet Haus Schlesien in Königswinter-Heisterbacherrott diesem Zeitraum seit November 2018 unter dem Titel „Zwischen Revolution und Ruhrbesetzung. Die Folgen des Ersten Weltkrieges für Schlesien“ eine Sonderausstellung und beleuchtet die Ereignisse und Entwicklungen dieser Zeit in bzw. die Auswirkungen nationaler und internationaler Geschehnisse auf Schlesien. Die Ausarbeitung erfolgte in Zusammenarbeit mit polnischen und tschechischen Kooperationspartnern – dem Muzeum Powstan Slaskich w Swietochłowicach (Museum der Polnischen Aufstände in Schwientochlowitz), dem Muzeum Slaska Cieszynskiego (Museum des Teschener Schlesien), dem Muzeum Regionalne w Sycowie (Regionalmuseum in Groß Wartenberg) und dem Muzeum Hulcínska (Museum des Hultschiner Ländchens) –, um die Geschichte aus verschiedenen nationalen Perspektiven darzustellen. Dies soll den Besuchern einen differenzierten Blick ermöglichen und damit insbesondere der Situation in Oberschlesien gerecht werden.

Die Ausstellung wurde am 11. November eröffnet und wird durch ein vielseitiges Veranstaltungsprogramm mit Führungen und Tagungen begleitet. Es ist geplant, sie nach ihrer Station im Haus Schlesien an verschiedenen Standorten in Deutschland und Polen zu zeigen.

Silke Findeisen (KK)

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