Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1238.

Damit böhmische Geschichte niemandem böhmisch vorkommt

Eine neue Geschichte der Böhmischen Länder gleich auf 1200 Seiten läßt aufmerken. Sie ist das bisher letzte Glied in einer Kette mit beachtenswerten Werken und Namen. Der erste Band führt von der vorgeschichtlichen Zeit über das Großmährische Reich, die Premysliden und Luxemburger zur habsburgischen Herrschaft und endet mit der Zeit des Josephinismus, der anschließende zweite vom Erwachen des tschechischen Nationabewußtseins zur ersten Republik und zur Protektoratszeit, der kommunistischen Herrschaft. Er endet mit dem Beitritt der heutigen Republik zur EU.

Eine Geschichte der Böhmischen Länder wird stets daran gemessen werden, wie das deutsch-tschechische Mit-, Neben- oder Gegeneinander dargestellt wird. Der Autor Bernd Rill ist Sohn sudetendeutscher Eltern, als Geburtsjahrgang 1948 zählt er nicht mehr zur Vertriebenengeneration, kann und will aber seine Herkunft nicht verleugnen, bemüht sich jedoch stets um eine ausgewogene Darstellung, d.h., er versucht keine deutsche oder sudetendeutsche Geschichte zu schreiben, sondern böhmisch-mährische. Dabei setzt er ganz individuelle Schwerpunkte, wenn er etwa beachtenswert breit auf die Hussitenkriege eingeht oder Comenius ein ganzes Kapitel widmet. Daß er sich bei seinen Aussagen gelegentlich auch zwischen zwei Stühle, den deutschen und den tschechischen, setzt und deshalb Kritik ernten wird, erhöht durchaus den Reiz der Darstellung und fordert eben den Leser heraus, selbst Position zu beziehen.

Rill mußte allein arbeiten, ohne die Hilfestellung und den Apparat eines Instituts. Um so höher ist seine Leistung einzuschätzen. Das bedeutet zugleich Beschränkung oder, anders gesagt, Festlegung auf eine bestimmte Darstellungsform des historischen Sachbuches, die es ihm erlaubt, auf einen Anmerkungsapparat zu verzichten, ohne daß es als störend bzw. nachteilig empfunden wird. Rill berichtet im ersten Band mit einer Neigung zur gelegentlich erzählenden Arabeske, im zweiten Band überwiegt wegen der Stoffülle eine eher referierende Darstellung. Er ist ein guter Erzähler und Berichterstatter, schreibt lebendig, manchmal etwas eigenwillig, und es liegt auf der Hand, daß man bei der Fülle des bewältigten Stoffes nicht mit allen seinen Aussagen einverstanden sein wird, man muß aber stets die Zielgruppe vor Augen haben, an die sich das Buch wendet. Es ist jene große Gruppe von historisch interessierten Lesern, bei denen ein Nachholbedarf gerade in der Geschichte der Böhmischen Länder besteht. Natürlich gibt es auch kleinere und größere Probleme. Es beginnt schon mit einer scheinbaren Äußerlichkeit, die aber zum Ärgernis werden kann. Wie soll die Namensschreibung erfolgen?

Sollen alle Namen tschechisch geschrieben werden? Es wäre die einfachste, aber auch problematischste Lösung, die sicher der tschechischen Auffassung entspräche, jedoch der historischen Entwicklung nicht gerecht würde und die Lektüre für den Normalleser ungemein erschweren würde. Rill hat das bewußt relativiert, indem er „keinen großen Wert darauf legt, ob sie nun in deutscher oder tschechischer Schreibweise aufgezeichnet“ seien.Diskussion und vielleicht Kritik mag auch das Literaturverzeichnis herausfordern. Rill bietet eine sorgfältige Auswahl, jedoch keinen tschechischen Titel. Kann eine Geschichte der Böhmischen Länder aber ohne Einbeziehung der tschechischen Fachliteratur geschrieben werden? Eine Antwort wird immer von der Konzeption des jeweiligen Werkes abhängen. Der erwähnte Sachbuchcharakter dieser Geschichte erlaubt jedenfalls die Beschränkung oder Fixierung auf die Literatur in einer der beiden alten Landessprachen. Ziehen wir Bilanz: Bernd Rill hat ein bei aller Fülle ungemein lebendiges und zugleich sehr informatives Werk geschrieben, es ist ein wesentlicher Beitrag zur Geschichte Mitteleuropas und zum Verständnis unserer tschechischen Nachbarn. Es zeigt zugleich die Tragik, die aus dem Zusammenleben zweier Nationen in einem Staatsgebiet erwuchs, wo in drei Jahrzehnten zerstört wurde, was in einem Jahrtausend aufgebaut und gewachsen war.

Bernd Rill: Böhmen und Mähren. Geschichte im Herzen Mitteleuropas. 2 Bände, insgesamt 1224 S., Casimir Katz Verlag, Gernsbach 2006, 59 Euro

Heinrich Pleticha (KK)

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