Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1296.

Damit man weiß, was man alles wissen könnte

Neue Lehrerhandreichung über Flucht und Vertreibung für den Schulunterricht erschienen

Für die Zeitzeugen geht es um eine Selbstverständlichkeit, für die Gesamtgesellschaft handelt es sich um eine stets neue Aufgabe neben anderen. Gemeint ist die öffentliche Wahrnehmung der vielgestaltigen Zusammenhänge von Flucht und Vertreibung derjenigen, die insbesondere durch den Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verloren und im verbliebenen Rest Deutschlands aufgenommen werden mußten. Das neue Flächenland Nordrhein-Westfalen wurde 1946 durch die britische Besatzungsmacht gegründet. Im gleichen Jahr fand die planmäßige Ausweisung der deutschen Bevölkerung in Preußens Ostprovinzen durch die neue polnische Verwaltung statt. Zahlreiche Transporte wurden direkt nach Westen durchgeleitet.

Die ersten Flüchtlingsströme beim Zusammenbruch der deutschen Ostfront waren gegen Kriegsende im Norden und in der Mitte angelangt. Die weitere Binnenaufteilung führte zu erneuten Wohnsitzwechseln. Doch das Ruhrgebiet und weite Teile des Rheinlandes waren großflächig kriegszerstört. Die Wohnungsnot mit einem Zuzugsverbot, unterschiedliche Auffassungen der Siegermächte zur Zukunft des Ruhrgebietes, Mangelwirtschaft mit Wertlosigkeit der Währung, all das waren grundlegende regionale Probleme. Solche Erinnerung ist nicht alltäglich. Nach zwei Generationen reicht es nicht, einfach Zeitzeugen aufzurufen. Zugleich sind es gerade die vielen Zeitzeugen quer durch das Land, die Erinnerungen an diese Gründungszeit haben und diese in das historische Gedächtnis einzubringen vermögen.

Um neue Anstöße zu geben für eine Vergegenwärtigung, hat der Landtag Nordrhein-Westfalens in der abgelaufenen Legislaturperiode 2009 die Landesregierung zur Erstellung und Verteilung einer Unterrichtshilfe aufgefordert. Diese ist nunmehr bei der Landeszentrale für politische Bildung in Düsseldorf erschienen. Die 128seitige großformatige Schrift, angereichert mit farbigen Karten und Bildern, ist für Lehrkräfte aller Schulformen vorgesehen. Selbstverständlich kommen eher weiterführende Schulen in den höheren Klassen dazu, sich gemäß Lehrplan tiefergehend mit der deutschen und europäischen Zeitgeschichte zu befassen. Alle Interessenten können die gesamte Druck-
schrift kostenlos im pdf-Format unter https://www.politische-bildung.nrw.de/handreichung/fluchtundvertreibung.pdf herunterladen.

Was sind die Besonderheiten dieser neuen Handreichung? Die beiden großen landesgeförderten Stiftungen Gerhart-Hauptmann-Haus (Düsseldorf) und Haus Oberschlesien (Ratingen) waren mit der Vorbereitung beauftragt. Vorbildfunktion kam der Publikation „Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen als internationales Problem“ des Hauses der Heimat Baden-Württembergs zu, die 2002 erstmals erschien. Das Bundesland Hessen hat diese für seinen Bedarf nachgedruckt. In Nordrhein-Westfalen wollte man einen eigenen Weg gehen.

Die vier von je einem Autor verfaßten Kapitel müssen das Geschehen der Zeit generalisieren oder versuchen, es mit Landesbezug zu konkretisieren. Darum wird zwar breiter im ersten Kapitel auf „Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert“ eingegangen, dies aber im zweiten Kapitel auf „Deutsche Schicksale im Osten“ fokussiert. Auch der Komplex „Flüchtlinge und Vertriebene in Nordrhein-Westfalen“ ist zweigeteilt, wobei eine zeitliche Grenze um das Jahr 1960 gezogen wird. Auf die Ausbildungsfunktion zugeschnitten sind die Ausführungen zur didaktischen Relevanz, die auch methodische Aspekte behandeln.

Nun wird sich in der Praxis erweisen (müssen), wie die neue Handreichung erfolgreich anzuwenden sein wird. Ein Kriterium für Erfolg wird dabei sein, daß in den Schulen mehr über diese für die deutsche Geschichte und die Bevölkerungsstruktur unserer Nation wichtigen Geschehnisse gesprochen wird. Den unterschiedlichen Schicksalen und Erfahrungen der Betroffenen wird keine solche Unterrichtshilfe entsprechen können.

Das fünfseitige Publikationsverzeichnis und eine Linkliste enthalten aber viele weitergehende Hinweise.
Stephan Kaiser

(KK)

 

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